Page images
PDF
EPUB

170 Ü. D. ENTWICKLUNG D. PETER-SQUENZ-ST.B. GRYPHIUS

entwicklung vermischt haben. die dritte möglichkeit ist: original und eine aus ihm geflossene fassung blieben unvermischt; die andere vermischte sich empfangend mit der zweiten entwicklung

Die erste möglichkeit kann am wenigsten glauben an ihre ehemalige verwürklichung erwecken; diese erforderte für jeden einzelnen punct zweifache vermischung (db. ausser der des originales mit der zweiten entwicklung noch hier die des Gryphius, dort die des Gramsbergen mit Shakespeare), für alle puncte zusammen also dreifache vermischung, dabei zweifache mit der Shakespeareschen fassung. zur verwürklichung der beiden anderen möglichkeiten waren für jeden einzelnen punct nur je eine, für alle puncte also nur je zwei vermischungen nötig. ob die erste oder die zweite dieser beiden möglichkeiten im einzelnen falle den vorzug verdiene, liesse sich nur danach entscheiden, ob die abweichung einer der beiden aus dem Kollewijnschen originale geflossenen fassungen von Shakespeare, oder die der hamburger fassung mehr ursprünglichkeit verrate. das urteil hierüber ist oft schwierig. mir scheint im allgemeinen das erste der fall zu sein. ist es der fall, so geht daraus hervor dass das Kollewijnsche original schon vor der hamburger aufführung, die vermutlich 1626 statt fand, bestanden habe.

Dieses sind die unsicheren und winzigen ergebnisse meiner betrachtungen. wir wollen hoffen dass bald jemand aus reicherem materiale oder aus dem vorhandenen mit mehr scharfsinn sichrere und wichtigere folgerungen ziehe. Strassburg, im sommer 1880.

FRITZ BURG.

ZUR HERODIAS-SAGE.

Mit der einführung des christentums verschwanden bekanntlich nicht ohne weiteres die alten götter und mythischen gestalten im bewustsein des volkes, sie erhielten vielfach nur christliche gewandung, ihre mythen schlossen sich an christliche heilige oder an den christlichen teufel an. aber auch umgekehrt lehnten

[ocr errors]

sich christliche gestalten, wie die jungfrau Maria, Petrus usw. wider an naturanschauungen an und in doppelter weise, was nicht zu übersehen, wucherten inmitten des christentums wider so üppig heidnische vorstellungen.

Ein beispiel von beiden entwickelungsprocessen geben die sagen von der Herodias. einmal geht sie nämlich einfach gleichsam historisch in den kreis der zur verdammung ruhelos umfahrenden geister über, wie auch der ewige jude sich mit dem wilden jäger im volksglauben berührt, dann aber sah die phantasie in neuer naturwüchsiger anschauung speciell in dem "tanzenden' wirbelwind ua. den geist der Herodias, indem man an ibre 'durch tanzen' ermöglichte missetat dachte und sie so zum 'ewigen tanzen' verurteilt wähnte. andere accidentien in der natur schlossen sich daran an und halfen den mythus weiter spinnen. deutete man zb., wie einst das griechische heidentum die windbringende wetterwolke - bei welcher Lucrez an das haupt von giganten denkt und welche deutscher aberglaube noch heute gewitter- und grummelkopf nennt -- auf das haupt des 'singenden' windgottes Orpheus bezog, vom christlichen standpunct aus nun dasselbe naturphänomen als das “blasende' haupt des Johannes, so schien dieses dann den dem gewitter ‘voranziehenden', von dem nachtosenden sturm gleichsam verfolgten oder gejagten 'wirbelwind', dh. also die Herodias, zur strafe vor sich her durch alle welten zu treiben usw.

Das betreffende sagenmaterial ist schon von Grimm in den hauptsachen in diesem sinne zusammengestellt, und speciell in letzterer hinsicht von mir im Ursprung der mythologie s. 213 gedeutet worden. kürzlich fand ich nun bei Abraham a Sancta Clara noch eine Herodias-sage, die ich noch nicht erwähnt gefunden, welche, wenn gleich nicht besonders poetisch, so doch characteristisch ist, insofern sie zeigt, wie eine sage, nachdem sie einmal einen mittelpunct gewonnen, sich nach allen seiten unter heranziehung aller möglicher elemente gleichsam auszubauen pflegt. Abrabam a Sancta Clara sagt in seinen Abrahamischen Lauber-Hütt, Wien 1828, I s. 29: die bestrafte Herodias oder gott zahlt uns mit gleicher münze'! diese Herodias wuste so schon zu tantzen, dass sie endlich Joanni den kopf abgesprungen. aber eine kleine geduld, meine üppige prinzessin! wie du dich gegen gott und den seinen verhalten, so wird dich

[ocr errors]
[ocr errors]
[ocr errors]
[ocr errors]

auch gott bezahlen. wart nur ein wenig, jetzt hast du mit dem tantzen und deinen füssen Joanni das haupt genommen, schaue, du wirst bald müssen den kehraus tantzen, und mit gleicher münz bezahlt werden: Parem scit reddere vocem. Nicephorus Callistos schreibt: dass einmal diese prinzess seye über einen gefrornen fluss gangen, auf dem eyss, und, weiss nit, mit denen füssen etwas gestrauchelt, so seye das eyss gebrochen, sie in das Wasser gefallen, doch mit dem kopff noch heraus, weil sie aber ihre boshafte tantzenden füsse bewegte, hat ihr das scharfe eyss den kopf wurz vom leib abgeschnitten. da hasts Herodias!

. beklag dich dessen! hast du Joanni das haupt genommen, hat gott dir auch dasselbige genommen; hast du mit denen füssen dem anderen das leben geraubt, hast du gleicherweiss wiederum durch die füls das leben verloren: poena Talionis, mit was maafs du ausgemessen, ist dir wieder gemessen worden.' man sieht, mit welcher anschaulichen lebendigkeit sich Abraham a Sancta Clara die sache ausmalt und gläubig dem Nicephorus horcht, der da sagt (C. XXII): Furibunda sedenim, et adultera, incestaque adeo illa, quae quidem Herodis habebatur, revera autem Philippi erat conjunt, vita longius acta, quum prius filiam et saltatricem acerbo fato sublatam vidisset , deinde ipsa quoque decessit: Filiae autem ejus (dignum enim est, qui memoriae commendetur) talis fuit obitus. Eundum ei quopiam brumali tempore erat, et fluvius trajiciendus: qui quum glacie constrictus coagmentatusque esset, pedes eum transibat. Glacie autem rupta (idque non sine Dei numine) demergitur illa statim capite tenus: et inferioribus corporis partibus lasciviens, molliusque se movens saltat, non in terra, sed in undis: caput vero frigore et glacie concretum, deinde etiam convulneratum, et a reliquo corpore, non ferro, sed glaciei crustis resectum, in glacie ipsa saltationem letalem exhibet : spectaculoque eo omnibus praebito, scelestum hoc caput, in memoriam ea quae fecerat, spectantibus revocat. ich habe beide berichte neben einander gegeben, da sie deutlich zeigen, wie nicht bloss das volk, sondern auch die geistlichkeit im mittelalter mitarbeitete an der schöpfung neuer mythischer massen, nur von einem christlichen ausgangspuncte aus.

natürlich tat sie dies meist mehr vom historischen standpunct aus den stoff weiterspinnend, da es ihr mehr auf eine moralische nutzanwendung ankam', . während das volk mehr die andere seite cultivierte, nämlich die ihm sonst unverständlichen naturerscheinungen sich im anschluss an die seine phantasie erfüllenden bilder klar zu legen, s. Schwartz Heutiger volksgl. s. 3 (2 aufl. s. 5). Posen 25 october 1880.

W. SCHWARTZ.

DIE HELIANDVORREDEN.

In seiner Heliandausgabe handelt Sievers s. xxiv ff von der Praefatio in librum antiquum lingua saxonica conscriptum und von den Versus de poeta. es ist kein zweifel dass sich an diese beiden zeugnisse die wichtigsten fragen über den Heliand und den Helianddichter anschliessen. Roediger in seiner recension von Sievers ausgabe (Anzeiger v 267 ff) bemerkt mit recht (s. 278) dass diese fragen noch keineswegs erledigt sind, und geht selbst auf dem von Sievers beschrittenen wege weiter.

Es fällt auf dass noch niemand versucht hat, auf grund der form der beiden documente ihr alter zu bestimmen. abgesehen von den im wesentlichen verfehlten arbeiten Schultes finde ich in der litteratur hierüber nur eine kurze bemerkung bei Rückert in dessen ausgabe s. III. dazu bemerkt Sievers in seiner einleitung s. xxvf: dass die latinität und der bau der hexameter in den Versus die beiden stücke auf die scheide des x und xi jhs. verweise, wie Rückert Hel. It will, vermag ich weder zu begründen, noch zu widerlegen.

Ich untersuche zunächst die Versus, da sie die sichersten handbaben bieten.

Das gedicht besteht aus leoninischen hexametern, untermischt mit wenigen reimlosen versen. untersuchen wir zuerst die reime.

Die mehrzahl der reime ist rein, nämlich: privatam : vitam 2. impresso : aratro 3. modico : agro 4. casula : testa 5. illum :re

nulli : ulli (die überlieferung illi) 13. latam : terram 14. modico : agello 15. quadrum : mundum 16.

atris : umbris 17. paucos: juvencos 18. larga: herba 20. somno: quieto 22. polo: alto 23. agis : perdis 24. propriam : linguam 26. tanti : dicti 27. agricola : poëta 28. docta : lingua 30. adventum : mundum 33. tetri : Averni 34. nur 13 ist klingend, die übrigen sind stumpf.

gum 11.

[ocr errors]

Die unreinen reime scheiden sich in vocalisch und consonantisch ungenaue. die ersteren sind obtrivit : studebat 7.

pacem : quietam 10. divinas : leges 25. consonantisch ungenaue : nimium : censu 8. fomitem : dire 9. vates : amore 29. relabentis : secli 32. alle sind stumpf.

Die reimenden silben im inneren des verses verteilen sich auf die arsis des zweiten, des dritten und des vierten fusses. auf der arsis des zweiten fusses reimen 7 und 24; auf der des dritten 2. 3. 4. 5. 8. 9. 10. 11. 14. 15. 16. 22. 23. 25. 26. 27. 28. 30. 32. 33; auf der arsis des vierten fusses 13. 17. 18. 20. 29. 34.

1 und 6 entbehren des gereimten schlusses, entschädigen aber durch den innenreim: fortunam : studium (1) und postes : acclives : sonipes (6).

Reimlos endlich erscheinen 12. 19. 21. 31.

Prosodisch fällt folgendes auf: kurzes a ist lang gebraucht in agricolā 28, langes a ist gekürzt in trădidisset 22. langes o ist gekürzt in fomitem 9 und menando 18. in menando steckt noch ein zweiter fehler: das e ist lang gebraucht. endlich ist nec vor einem vocal als länge verwandt 13.

Stilistisch ist auffallend der viermalige gebrauch des plusquamperfectums, wo man das imperfectum resp. das perfectum erwartet: fuerat für erat 5. 27, egerat für egit 18, coeperat für coepit 31. suus, a, um wird für ejus gebraucht 6. 7. nimium steht gleich admodum, valde und wird zur steigerung des adjectivs verwandt 8, entsprechend steht nimius in der bedeutung grofs, ungeheuer 29.

Alle diese eigentümlichkeiten lassen sich nun in lateinischen, in Deutschland entstandenen gedichten des 10 und 11 jhs. nachweisen. über leoninische verse in Deutschland vgl. JGrimm Lateinische gedichte des x und xi jhs. s. XXIV f, WGrimm Zur geschichte des reims S. 138 ff. leoninische verse mit wenigen reimlosen vermischt enthält zb. der Ruodlieb. die reime in unserem gedicht mit ihren vocalischen und consonantischen freiheiten entsprechen ungefähr denen des Ruodlieb. wie in den gedichten des 10 und 11 jhs. wird die regel beobachtet dass der reim auf die hauptcäsur gelegt werde. über den reim auf der arsis des zweiten und vierten fusses vgl. aao. S. XXVII. über den innenreim vgl. s. XXVIII. auch die prosodie ist hier die gleiche,

[ocr errors]
[ocr errors]
« PreviousContinue »