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irgend einem der mnl. dichter ganz strict befolgt worden wäre, die wir aber trotzdem ohne mühe aus ihrem gebrauche heraus wahrzunehmen vermochten.

Dieselben tatsachen geben uns auch einen massstab dafür, in wie weit wir a priori bei M. genauigkeit in der technik, speciell in der reinheit des reimes annehmen, müssen. die unreinheit, welche durch den verschiedenen klang der e-laute bewürkt werden konnte, war auf jeden fall eine der mildesten, die sich denken lassen. unter diesen verhältnissen müssen wir für diejenigen werke, in welchen der dichter selbst diese geringfügige ungenauigkeit ganz meidet, die äusserste strenge voraussetzen, ohne dass uns die einzelnen ausnahmen in den anderen gedichten ihrerseits geradezu berechtigen, auch seltene fälle von unreinheit des reimes stärkerer art für möglich zu halten.

Die beobachtungen geben uns im allgemeinen das bild eines mannes, der sich zwar bestrebte strengen regeln nachzufolgen, aber doch nicht mit derjenigen sorgfalt zu werke gieng, die immer wider nachbessernd auch die geringsten spuren von unregelmässigkeiten zu tilgen sucht. diese sorgfalt vermisst man öfter bei Maerlants arbeiten. Bonn, februar 1880.

JOHANNES FRANCK.

DER AUFTACT IN DEN LIEDERN WOLFRAMS

VON ESCHENBACH.

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Die freiheit, mit welcher Wolfram von Eschenbach den auftact in seinen liedern behandelt, reizt zu einer untersuchung, von deren ergebnissen man bei der geringen anzahl der lieder sich allerdings nicht zu viel versprechen darf. unter den sieben echten liedern Wolframs sind fünf tagelieder. die übrigen zwei, Lachmann s. 5, 16–33 (Ein wip mac wol erlouben mir) und s. 7, 11—40 (Ursprinc bluomen, loup úz dringen) sind völlig regelmässig gebaut und geben zu keinen bemerkungen anlass. auch von den tageliedern gewährt das dritte s. 5, 34-6, 9 (Der helden minne ir klage) einer auf die art der behandlung des auftactes gerichteten untersuchung keine ausbeute. abweichend ist

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in diesem liede bloss der fünfte vers jeder strophe. die erste derselben hat in diesem verse auftact, die zweite strophe nicht: doch erklärt sich das fehlen hier ohne schwierigkeit aus dem fortgange der rede.

Der betrachtung bleiben somit nur die vier tagelieder 3, 1-4, 7 (Den morgenblic bt wahters sange erkớs); 4, 8–5, 15 (Sine kldwen durch die wolken sint geslagen); 6, 10--7, 10 (Von der zinnen wil ich gên), und 7, 41-9, 2 (Es ist nu tac). im zuerstgenannten liede haben wir eine eilfzeilige, oder wenn man die verse 8 und 9 jeder strophe als eine durch cäsur gebrochene langzeile zusammenfasst, eine zehnzeilige strophe von 3+3 + 4 versen. der erste vers des ersten stollen jeder strophe hat auftact, dem ersten verse des zweiten stollen fehlt er. der zweite vers beider stollen hat durchaus den auftact. der dritte vers des ersten stollen jeder strophe entbehrt des auftactes, beim zweiten stollen ist der dritte vers in der zweiten und dritten strophe mit auftact versehen, in der ersten strophe fehlt derselbe auch hier (es geht der sinn von dem frühern verse in den nächsten hinüber.) allenfalls liesse sich das schema so denken: im ersten stollen vers 1 mit, vers 3 ohne austact, im zweiten stollen umgekehrt vers 1 ohne, vers 3 mit auftact: wenigstens ist dies in der zweiten und dritten strophe durchgeführt. nach der ersten strophe, deren vierter vers (d. i. der erste des zweiten stollen) freilich lückenhaft überliefert ist, wäre auftact nur in dem ersten verse des ersten stollen anzunehmen. dem sei wie immer, wir werden auf eine strophe mit ungleichen stollen geführt. der abgesang zeigt verschiedenheit des auftactes nur in seinem ersten verse, der in der ersten und dritten strophe ohne auftact erscheint, in der zweiten ihn hat (vielleicht zur markierung der anrede).

Weiter geht die freiheit in dem liede 4, 8-5, 15. der auftact wechselt sehr häufig, so dass überhaupt nur zwei verse durch alle fünf strophen hierin ganz gleich gebaut sind, nämlich der zweite vers des ersten stollen, der des auftactes immer enträt, und der erste vers des abgesanges (vers 7 der ganzen strophe), der den auftact immer hat. in analogie stehen ferner die verse 3. 6 und 8, d. i. die dritten verse der beiden stollen, und der zweite vers des abgesanges. in allen drei versen steht strophe 2 ohne auftact auf der einen, die strophen 1. 3. 4. 5

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mit austact auf der andern seite. 1 in verwandter weise ordnen sich die strophen in vers 5 (dem zweiten verse des zweiten stollen), indem strophe 4 den austact hat, die strophen 1. 2. 3. 5 seiner entbehren; und in vers 9 (dem dritten verse des abgesanges), indem die strophe 5 bier ohne auftact auftritt, die strophen 1. 2. 3. 4 mit demselben. je zwei strophen einer-, drei strophen andererseits treten zusammen in den versen 1. 4. 10 (dem ersten verse der beiden stollen und dem letzten des abgesanges). in vers 1 sind strophe 1 und 5 ohne, strophe 2. 3. 4 mit austact; in vers 4 strophe 2 und 3 ohne, strophe 1. 4. 5 mit austact; in vers 10 endlich strophe 1 und 2 ohne, strophe 3. 4. 5 mit auftact.

In dem liede 6, 10—7, 10, dessen schema sich also darstellt: 3 + 3 + (4+4 + 1) verse, ist bezüglich des auftactes alles in ordnung bis auf die verse 1. 3. 10 jeder strophe. vers 1 hat keinen auftact in strophe 1. 2, besitzt ihn in strophe 3. vers 3 finden wir ohne austact in strophe 1, mit auftact in strophe 2 und 3. so steht auch bei vers 10 eine strophe den beiden andern gegenüber: strophe 2 hat da keinen auftact, wol aber haben ihn die strophen 1 und 3. da vers 3 noch zum ersten stollen gehört, würden wir sogar innerhalb eines und desselben stollen verschiedene behandlung des auftactes haben. indes erklärt sich das fehlen desselben in vers 3 der ersten strophe aus dem fortgange der rede, und ebenso in vers 10 der zweiten strophe. was vers 1 betrifft, so fehlt der auftact in den beiden ersten vom wächter gesprochenen strophen; die dritte, die nach kurzer erzählung den ritter redend einführt, setzt den auftact vielleicht der bessern hervorhebung wegen. - doppelter auftact (s. zu MSF 154, 21) in zeile 7 der ersten strophe (6, 16). Wir kommen zu dem liede 7, 41-9, 2. in allen strophen

. desselben gleich behandelt sind die verse 2. 3. 4. 7. 12. auch vers 1, indem er in allen vier strophen gleich viel silben zählt ; während aber in den strophen 1. 2. 4 die binnenreime dieses verses stumpf ausgehen und der zweite und dritte versteil dann mit auftact anhebt, sind sie in strophe 3 klingend, in folge dessen im zweiten und dritten versteile der auftact entfallen gleich gemessen betrachten, wenn man nämlich im achten verse der dritten strophe obe der dreisilbig (dh. als eine hebung mit zwei umgebenden senkungen) mit schwebender betonung lesen darf, und ebenso im zehnten verse der vierten strophe weme wilt. es bleiben abweichend die dem abgesange angehörigen verse 5. 6. 9. 11, bei denen wider eine ordnung nach gruppen stattfindet. dieselbe stellt sich wie folgt dar:

so lassen sich auch die verse 8 und 10 als allen strophen

1 durch aufnahme der lesart von G (4, 25) würde der achte vers aus dieser gruppierung gelöst.

muss.

vers 5 ohne auftact in strophe 1.4, mit auftact in strophe 2. 3. vers 6 ohne austact in strophe 2. 4 (in 4 fortgang der rede),

mit auftact in strophe 1. 3. vers 9 ohne auftact in strophe 1. 2, mit auftact in strophe 3. 4. vers 11 ohne austact in strophe 1.2, mit austact in strophe 3. 4.

In dieser mehrfach widerkehrenden gruppierung der strophen eines liedes je nach dem vorhandensein oder fehlen des auftactes in einzelnen verszeilen darf man vielleicht ein kunstmittel Wolframs erblicken. dies aber nur für die tagelieder, und auch von ihnen schlagen nicht alle ein: das lied 5, 34 haben wir schon früher ausgeschieden, und im liede 3, 1 klingt die gruppierung nur an, man möchte sagen, Wolfram sei erst daran, sie für seinen dichterbrauch zu erfinden.

Das zuletzt betrachtete lied 7, 41 ist auch sonst merkwürdig. es tritt in seiner ganzen durchführung ab von den zumal in ihrem schlusse verwandten beiden tageliedern 4, 8 und 6, 10. die vielen waisen (vers 1 und 3 je am schlusse, dann vers 7. 8. 9. 11) fallen ebenso auf, wie die nach art eines leiches angefangene und dann abgebrochene gliederung des abgesanges. es ist jedesfalls das originellste der tagelieder Wolframs, und man begreift, wie Walther sich gerade durch dieses zu seinem eigenen, einzigen tageliede angeregt fühlen konnte (Lachmann zu Walther 89, 20). die waisen zwar sind bei Walther durch das ‘verstecken der reime' ersetzt. aber die gruppierung des auftactes hat er Wolframen abgelauscht: und dass hiezu keine geringe kunst gehörte, wird sich nachher bei der betrachtung des unechten liedes 9,3—10, 22 ergeben, dessen verfasser in diesem puncte sein ungeschick am deutlichsten verrät.

Über den auftact in Walthers tageliede hat Wilmanns in seiner Waltherausgabe s. 43 gehandelt. für meinen zweck muss ich anders auf die sache eingehen. ganz gleich behandelt sind bloss vers 2, sowie die ersten hälften der verse 3. 7. 8: alle

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haben in allen strophen den auftact. die strophe ist eine zweiteilige von zweimal vier versen. wir dürfen also zwischen dem ersten und dem zweiten teile im bau analogie vermuten, die allerdings nicht ins kleinste gewahrt zu sein braucht. in der tat finden wir von den fünf unzweifelhaft echten strophen vier der erübrigenden einen gegenüber geordnet in den versen 1 und 5, d. i. dem ersten verse der beiden strophenteile. in vers 1 ist auftact in strophe 4, keiner in strophe 1. 2. 3. 5. vers 5 dagegen hat, mit umgekehrtem verhältnis, auftact in strophe 1. 2. 3. 4, keinen in strophe 5. die anordnung 4: 1 erscheint ferner in den zweiten hälften der verse 4 und 8 jeder strophe. vers 4 hat da auftact in strophe 1. 2. 4. 5, keinen in strophe 3; vers 8 ist mit auftact versehen in strophe 1. 2. 3. 5, entbehrt seiner in strophe 4. gruppierung von drei gegen zwei strophen zeigt sich in den zweiten hälften der verse 3 und 7, in der ersten hälfte von vers 4, und im ganzen verse 6. in der zweiten hälfte von vers 3 erscheint der auftact in strophe 1. 2. 5, fehlt in strophe 3. 4. hiezu tritt vers 7 in seiner zweiten hälfte in analogie: auftact in strophe 2. 3. 5, fehlt in strophe 1. 4. die erste hälfte von vers 4 zeigt im gegensatze zur ersten hälfte des achten verses) auftact in strophe 2. 5, nicht in strophe 1. 3. 4. in vers 6 stehen, abweichend von dem entsprechenden verse 2 der ersten strophenhälfte, die strophen 3. 4. 5 mit auftact den ohne denselben auftretenden strophen 1. 2 gegenüber. fassen wir zusammen, was sich uns ergeben hat: so weit ungleichheit im auftacte waltet, analogie des baues je zweier, in den beiden strophenhälften einander correspondierender verse, dabei einmal umkehrung des gruppenverhältnisses, zweimal aber fallenlassen der analogie — so zeigt sich Walther auch in diesem puncte seines tageliedes nicht als Wolframs blinder nachahmer, sondern als selbständiger bildner. die kunstreiche durchführung des verwickelten schemas wird keinem entgehen.

Wilmanns bat bekanntlich zwei strophen dieses tageliedes athetiert. diese sechste und siebente strophe, deren unechtheit er aus innern gründen dartut, lassen sich auch aus äussern anfechten. nämlich in beiden strophen hat vers 1 auftact, der sonst nur die vierte strophe auszeichnet; und ebenso haben ihn die zeilen 7 und 8 nach der cäsur, wo gerade die vierte strophe denselben fehlen lässt. es sollte wol der bau der vierten strophe

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