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variiert werden, wodurch aber das metrische gesammtbild des gedichtes alteriert ward.

Das Wolfram zugeschriebene lied 9, 3-10, 22 hat Lachmann zwar in den text aufgenommen, aber auf eine bemerkung WackerDagels, dass es nichts als ein armseliges gemisch zusammengewürfelter gedanken und worte eines nachahmers sei', für unecht erklärt. Bartsch in seiner ausgabe des Parzival und Titurel, einleitung s. XIII, behauptet, Lachmann beanstande das lied mit unrecht. eine prüfung desselben würde diesen ausspruch nicht haben aufkommen lassen. die einheit des ganzen ist verfehlt, indem der verfasser des liedes die in strophe 1 und 2 eingehaltene anrede der geliebten von strophe 3 an mit der anführung derselben in dritter person vertauscht, ohne ersichtlichen grund. an ausdrücken ist zu bemerken: guot wip 9, 3, auch von dem verfasser des liedes s. XII z. 21 benutzt, stammt aus Wolframs liede 7, 14. 29 vgl. güetlich wip 7, 24, daz guote wip 8, 9. liebez ende 9, 13 ist entlehnt aus 7, 32. ein vlins von donrestrålen möht ich zallen målen han erbeten, daz im der herte entwiche ein teil 9, 32-35 ist vielleicht reminiscenž aus Wilh. 12, 16–18 ein herze daz von flinse ime donre gewahsen uære, daz müeten disiu mære. die tauige rose (alsam ein towic róse ột 9, 38) liebt Wolfram in vergleichen allerdings (Parz. 24, 10. 188, 10f. 305, 23. Tit. 110, 1. Wilh. 144, 3. 195, 5.

5. 270, 20), doch im zusammenhange mit den andern gründen für die unechtheit des uns beschäftigenden liedes muss ihr auftreten in demselben als nachahmung erkannt werden. war doch dem schreiber der handschrift K des Willehalm die tauige rose so in der feder, dass er sie 393, 24 ganz sinnlos anbrachte. - das wichtigste aber ist dass der verfasser des liedes 9, 3—10, 22 bei dem versuche, die von Wolfram erfundene gruppierung des auftactes sich anzueignen, kläglich gescheitert ist. unstatthaft war der versuch von vorne herein, da das lied keine tagweise ist und, so viel wir urteilen können, Wolfram nur in tagweisen den auftact in der oben dargelegten freien art zu behandeln sich erlaubt. und wie sieht die reihenordnung der auftacte in dem unechten liede aus? die eilf-, genauer zehnzeilige strophe lässt abweichungen des auftactes zu in den versen 2. 3. 5. 6, und in der zweiten hälfte von vers 10, dh. im zweiten und dritten verse der beiden stollen, und im letzten verse des abgesanges. die verse 3 und 6 sind analog behandelt; es fehlt ihnen der auftact blofs in strophe 5, während die strophen 1-4 und 6 ihn haben. (in dieser strophe 5 geht von vers 3 der sinn in die nächste zeile hinüber, mit vers 6 beginnt ein neuer satz.) vers 2 hat auftact in strophe 1. 2. 5, enträt desselben in strophe 3. 4. 6. vers 5 ist ohne auftact in strophe 1. 2. 3. 6, mit auftact in strophe 4. 5. da die verse 2 und 5 in analogie stehen sollten, fällt schon das verschiedene gruppenverhältnis auf. indem ferner in vers 5 der mangel des auftactes überwiegt, wäre für vers 2 im allgemeinen vorhandensein desselben zu fordern; dies ist aber bloss durchgeführt in strophe 1. 2: in strophe 4 ist das verhältnis umgekehrt, beide verse sind ohne auftact in strophe 3. 6, und beide mit auftact in strophe 5. das durcheinander ist vollständig. am bedenklichsten ist das fehlen des auftactes in der zweiten hälfte von vers 10 der vierten strophe, während die übrigen fünf strophen ihn an dieser stelle haben. denn es treten dadurch zwei hebungen unvermittelt zusammen und muss für strophe 4 eine waise angenommen werden, während für die andern fünf strophen in der zehnten zeile cäsur besteht. über die unechtheit des liedes 9, 3—10, 22 scheint mir also ein zweifel nicht obwalten zu können. 1

1 Paul (Beitr. 1, 203 m) scheidet das lied in zwei teile von je drei strophen und sieht in der vierten bis sechsten strophe eine von anderer hand herrührende matte fortsetzung des ursprünglich mit den ersten drei strophen abgeschlossenen liedes. hiemit kann man sich einverstanden erklären: von der verschiedenheit des inhaltes und tones der beiden liedhälften überzeugt man sich leicht, und wem an den ersten drei strophen als einem für sich bestehenden liede etwas gelegen ist, der wird es gerne sehen dass durch jene zerlegung die (von Paul in anderer weise als von mir dargelegten) unebenheiten des metrischen baues aus dem ursprünglichen strophenbestande verschwinden, aber wenn dieser forscher nun weiter die ersten drei strophen für Wolfram in anspruch nimmt, so kann ich ihm nicht folgen, sondern muss dabei stehen bleiben dass wir das werk eines nachahmers vor uns haben. Pauls argumentation hebt nur das hervor, was in diesen ersten drei strophen wolframisch klingt; wobei es nicht einmal richtig ist dass die vierte bis sechste strophe nicht eine spur von der weise Wolframs' enthalten: denn gerade die vierte bringt die 'tauige rose' an. hingegen hat Paul versäumt, nach der stellung zu fragen, welche der ersten liedhälfte unter Wolframs übrigen liedern zukäme. als ein in sich abgeschlossenes ganzes genommen, stehen die strophen 1 bis 3, wie schon aus den citaten, die ich oben im texte gegeben habe, erhellt, in einem abhängigkeitsverhältnisse zu dem liede 7, 11-40. wie in diesem spricht der dichter Für unanfechtbar wird die hier vorgetragene ansicht von der anordnung des auftactes nach gruppen in Wolframs tageliedern nicht zu halten sein: das der untersuchung gebotene material ist zu dürftig. aber ich denke, mit den gewöhnlichen gründen, die man für das dem strophenschema widersprechende fehlen des auftactes anführt, wird man weder bei Wolfram noch bei Walther auskommen. die ungleichen stollen aber, auf die uns die betrachtung von Wolframs tageliede 3, 1 geführt hat, sollten einmal im zusammenhange untersucht werden.

wo Lachmann in liedern Walthers ungleiche stollen zuliefs, war es unschwer, die gleichheit herzustellen, s. Wilmanns, Walther s. 67 (zu 1, 1). 77 (zu 24). 83 (zu 41, 4); und es bleibt noch auszumachen, ob und wann ungleichheit der stollen bei guten dichtern zulässig sei.

in 9,3–35 die geliebte mit guot wip an; wie in diesem verlangt er von ihr dass sie seinem liebessehnen ein liebez ende bereiten möge; und wenn die schlusspointe in beiden gedichten verschieden gewendet wird, in 7, 11-40 der dichter noch auf erhörung hofft, während in 9, 3— 35 höchstens von einem eingreifen gottes eine umstimmung der spröden geliebten erwartet wird, so trifft es sich für den verfasser des letztern liedes besonders unglücklich dass ihm auch bei diesem anlaufe, den er zu einer originalleistung nimmt, eine reminiscenz aus Wolframs Willehalm (sieh oben) in den schlussworten die feder führt. einem dichter von der selbständigkeit und dem selbstbewustsein Wolframs mag man manier, nimmer wird man ihm dass er sich selbst copiere nachweisen. es bleibt also dabei dass auch die ersten drei strophen des liedes 9, 3—10, 22 einem nachahmer gehören

einem nachahmer allerdings, der sein vorbild genau studiert hat. Wien, 8 juni 1880.

RICHARD MÜLLER.

NACHTRAG ÜBER DEN HEINERSDORFER

STEIN.

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Durch briefliche mitteilungen, die mir über die inschrift gemacht sind, bin ich jetzt in der lage, dem, was wir Zs. 24, 455 ff ausgeführt hatten, noch einiges teils ergänzend teils berichtigend hinzuzufügen. zur erläuterung der lithographischen tafel habe ich zunächst noch zu bemerken dass an der linken seite des zweiten zeichens der ersten reihe sich eine ganz geringfügige vertiefung findet, in der richtung nach links oben. an dem stein selbst ist diese vertiefung wegen der dunklen färbung des gesteins nicht zu erkennen, sie ist schwach zu sehen auf meinem gipsabguss. auf dem papierabklatsch, den Henning und Hoffory genommen hatten, muss sie auch sichtbar gewesen sein. der ganzen form nach, die auf dem stich nicht ganz getroffen ist, kann man diese vertiefung nur für eine zufällige halten, besonders da die fortsetzung des rechten astes nach links unten sichtbar ist. ich habe daher die obere vertiefung mit einem fragezeichen versehen.

Die aussage des försters Müller habe ich trotz ihrer bestimmtheit doch jetzt grund für unzuverlässig zu halten. der mann ist allerdings seit dem apfang der 60er jabre in seiner jetzigen stellung; aber wie mir herr pastor Pfitzner aus Buckow bei Züllichau freundlichst mitteilte, ist er selbst schon vor dem förster in seinem amte gewesen. gleich nachdem herr Pf. sein amt angetreten hatte, führte ihn der damalige, jetzt verstorbene pastor Wehrhan von Heinersdorf zu dem stein und zeigte ihm die inschrift im ringe. danach hat dieselbe in der tat schon existiert, bevor Müller ins amt kam. ich meine dass die aussage des herrn pastors Pfitzner, als eines wissenschaftlich gebildeten, unbedingt mehr glauben verdient als die des wenig gebildeten försters, um so mehr als hr Pfitzner mir noch andere nachrichten hat zu teil werden lassen, die meiner meinung nach die angelegenheit völlig aufhellen.

Die töchter des genannten pastors Wehrhan, deren zwei in Züllichau, eine (frau pastor Krüger) zu Neubruch bei Wronke lebt, versichern dass sie den stein lange ohne inschrift gekannt haben, bis ihr Vater eines tages ihnen die nachricht brachte dass eine inschrist in den stein eingehauen sei; ein gemeinsamer spaziergang dorthin führte ihnen die neue inschrift vor augen. Heckers anteil an der entstehung der inschriften wird nun auch durch eine nachricht des herrn pastors Pfitzner klar. der letztere berichtet, er habe selbst den mann gekannt, der die obere inschrift auf geheiss des herrn von Unruh eingemeisselt hat. dieser mann, namens Mattner, war jahre lang factotum auf dem gute und wurde oft zu dergleichen arbeiten, die geschick erforderten, gebraucht; er starb 1865 zu Buckow, also im pfarrdorfe des herrn pastors Pfitzner. dieser gibt auch ganz bestimmt

an dass Hecker die untere inschrift später ausgestemmt habe; da nun an des försters aussage, dass er Hecker bei der arbeit getroffen habe, füglich nicht gezweifelt werden kann, so scheint es dass des försters irrtum aus Heckers falschen aussagen herrührt.

Endlich scheint sich auch aufzuhellen, wer die inschrift geliefert hat. herr pastor Pfitzner teilte mir mit: gebildete personen, die mit der von Unruhischen familie seit langen jabren auf vertrautem fuss stehen, wissen dass der ehemalige besitzer der Nicolaischen buchhandlung zu Berlin, Veit mit namen, dem alten berrn von Unruh, mit dem er in briefwechsel stand, auf dessen wunsch die inschrift geschickt hat; dieselbe bedeute: Veit fecit. auf diese deutung habe ich schon Zs. 24, 462 anm. hingewiesen und was gegen dieselbe spricht angeführt. ein mann namens Veit (oder äbnlich) hat, wie ich ermittelte, nie die Nicolaische buchhandlung besessen, wol aber hat es einen buchhändler Veit zu Berlin gegeben, der seiner zeit berühmt war. das geschäft desselben gieng wenn ich recht berichtet bin 1858 – in andere hände über und wurde später nach Leipzig verlegt, wo es noch jetzt unter der firma Veit & cie. besteht. Veit war ein vielseitig gebildeter mann, der akademische studien (geschichte und philologie) gemacht hatte; er ist verleger berühmter hebräischer werke (Zunz usw.) gewesen und war selbst jude. Veit starb am 5 februar 1864 zu Berlin. wenn in der tat die inschrift von diesem buchhändler Veit herrührt, dann gewinnt die deutung derselben als hebräischer buchstaben eine sehr bedeutsame stütze. Tegernsee, den 22 juli 1880.

ERNST HENRICI.

BESCHREIBUNG EINER SEEREISE VON VENEDIG NACH

BEIRUT IM JAHRE 1434.

Die hs. Arundel 6, Plut. CLXIII D, des British museum, papier folio, ist durchweg von einer hand des 15 jhs. zweispaltig geschrieben. der inhalt ist folgender:

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