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Einleitung.

Das St. Galler Passionsspiel ist überliefert in einer Papierhandschrift der St. Galler Stiftsbibliothek N. 919, wo es die Seiten 197-217 füllt. Schon vor der ersten Herausgabe des Spieles durch Mone war eine Abschrift desselben von dem bekannten Historiographen St. Gallens, Ildefons von Arx, um die Wende des 18. Jahrhunderts angefertigt worden und mit einem „Vorbericht“, enthaltend Bemerkungen über Sprache, Entstehungszeit und den Besitzer der Handschrift, versehen worden. Diese Abschrift befindet sich jetzt in der Fürstlich Fürstenbergischen Hof bibliothek zu Donaueschingen 1) im 2. Bande der „Collectanea" unter Nr. 543. Die Überschrift lautet: Die drey letzten Lebens Jahre Christi, in einem Schauspiele aufgeführt um das Jahr 1380 ex Cod. man. der Bibl. N. 919.

Über die äußere Beschaffenheit der Handschrift ist zu sagen, daß die Einbanddecke aus Holz besteht, das mit Pergamentblättern überzogen ist. Die Handschrift des Spiels ist, wie schon Klapper im Anhang II seiner Ausgabe der Kindheit Jesu in den Germ. Abh. Heft 21 andeutet, eingeheftet worden, bevor der Codex gebunden wurde. Das geht auch daraus hervor, daß die Höhe der Blattseiten der Handschrift um ca. 3 cm kleiner ist als die übrigen Blätter des Codex und zwar sind sie so eingeheftet, daß sie ca. 2 cm vom oberen, und 1 cm vom unteren Rand abstehen. Ein Wasserzeichen findet sich nirgend. Nach links ist die Schrift ca. 2 cm abgesetzt vom Rande, unten bleibt ein größerer Rand von 2-31⁄2 cm. Jedesmal 2 Kurzverse stehen. in einer Zeile. Die Spielanweisungen stehen je nach ihrer Ausdehnung und dem zur Verfügung stehenden Raum bald links, bald rechts am Rande, längere auf der Zeile. Die Schrift ist, wie schon Klapper bemerkt, schlecht, Abkürzungen sind zahlreich.

1) Vgl. Barack: Die Handschriften der Fürstl. Fürstenbergischen Hofbibliothek, Tübingen 1865.

Der Codex, in welchen die Handschrift des Passionsspieles eingeheftet ist, enthält außer der auf der äußeren Einbanddecke angegebenen Regula S. Benedicti noch Epitome Chronici und eine Coniuratio contra auram imperfectam et fulgura et tempestates. Wichtig sind vor allem die Notabilia diversa des Pater Gallus Kemli, die biographische Notizen des Besitzers der Handschrift, des genannten Gall Kemli, enthalten, der, aus St. Gallen gebürtig, im Jahre 1428 in das dortige Benediktinerkloster eintrat, im Jahre 1442 die Priesterweihe empfing, ein Jahr darauf aber, 1443, unter dem tyrannischen Abte Caspar vertrieben wurde und erst nach vielen Mühsalen und ziemlichem Kostenaufwand seine Wiederaufnahme in das Kloster durchsetzte (1444), in dem er dann, wie Ildefons von Arx in seinem Vorbericht versichert, im Jahre 1470 noch lebte und die Handschrift zu den seinigen binden ließ in codice citato" pag. 197. Auf dem Einbanddeckel ist noch ein anderer Name überliefert: Frater Gallus Wüll ger. 1568. Die Abschrift des Ildef. v. Arx bietet, da sie in vielen Fällen den Text der Handschrift richtiger wiedergibt als Mone, ein wichtiges Hilfsmittel für die Lesung. Außerdem hat Klapper im Anhang III der Kindheit Jesu (Germ. Abh. 21) ein Verzeichnis verbesserter Lesarten zum St. Galler Leben Jesu" beigegeben.

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Da Mone 8 Verse der Handschrift ausgelassen hat und sich an einer Stelle (V. 509) in der Zählung geirrt hat, ist eine neue Zählung nötig geworden (im Text rechts; links daneben Mones Zählung). V. 1- 20 der neuen Zählung entsprechen V. 1- 20

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Die Spielanweisungen sind mit der eingeklammerten Zahl

des vorhergehenden Verses citiert.

Herrn Geh. Reg. Rat Prof. Dr. Friedrich Vogt sei auch an dieser Stelle noch einmal der Dank ausgesprochen für die liebenswürdige Anteilnahme und Förderung, die er dem Werke während der Drucklegung hat angedeihen lassen.

Berlin-Wilmersdorf, im August 1912.

E. Wolter.

Erstes Kapitel.

Grammatik.

I. Lautlehre.

A. Vokalismus.

Mhd. a ist stets erhalten wie in Elis., Jol., O. B. R. Der Umlaut wird meist e geschrieben und ist in der Regel durchgedrungen: gewenken 246, ufirstende 506, hebent 524, seczen 738, 741, uberhebe 698, hende 1060, henden (Dat. pl.) 1309, geselle 743, 748.

Im neutralen Reim senden: enden 1013, wenken: irhenken 1047, Sekundärumlaut findet sich in: schefelin 670, kneppelin 1027, geweltig 947, manigveltige 1273, driveldekeit 310, megde 453, (Conj. Prt.) mechte 1) 792, meche (Subst.) 1316.

Im Reim mit ungenauer Qualität: helde: belde 897, pert: wert 2) 965. Für das Umlauts e tritt o ein in vromde 429, schopper3) 3 und regelmäßig in den Formen von wollen,1) die durch die Reime

1) Unorgan. Uml. in mechte auch in Elis. 2916 und in Urk. aus Südnassau (vgl. Wenck No. 281, 302). Im Frankfurter Stadtdialekt findet sich dieser Übergang des a>e vor ch ebenfalls vgl. Wülcker, PBB IV, 18. Die hier gegebenen Beispiele aus den Urk. und Bürgermeistereibüchern betreffen nur das Zahlwort echt für acht. Desgl. in Ev-SP mehte (Schönb. 11.). 2) Vgl. Wülcker a. a. O. S. 18.

3) schoffen in einer Urk. v. Schlüchtern (1331) bei Reimer, Hess. Ukb. II, 2, No. 379. Ähnliche Formen auch in Elis. 8386 fromede und mit Umlaut vroemeden 4772 und in Jol. 2558 (vgl. dazu die Erklärung von J. Meier in der Einl. S. XXII).

4) Das eine wellent bei Mone V. 48 beruht auf falscher Lesart, es muß wollent heißen. Die o Formen entsprechen dem md. Sprachgebrauch (vgl. Whd. § 421), in der Jol. herrschen Formen (willen), vgl. außer den bei Whd. gegebenen Belegen noch Günther, Cod. dipl. III No. 6 (Coblenz) 155 (Trier) 45 (Sayn). In Oberhessen, Wetterau, Rheinhessen fehlen die i Formen dagegen durchaus in den Urk., auch in Elis. und Erlös. Daher hier ein Criterium ex absentia gegen Moselfranken!

Wolter, St. Galler Spiel

1

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wollen sollen 172, wollent: sollent 30 als dem Dichter zukommend erwiesen werden.

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Neben den umgelauteten stehen umlautlose Formen in drierhande 122, langer zil 558, im Reim gesichert handen: banden 537. Die Schreibung für Umlauts-e, die in Oberhessen (s. Rieg. Elis S. 29), in der Wetterau 1), in Südnassau (vgl. OBR S. 21) wie in Moselfranken öfter vorkommt (vgl. auch Weinh. § 29) ist in G nicht belegt.

Mhd. â:

1.

=

=

a: rat 23, ware 64, im Reim han: gedan 432, lan etc. 2. o: nur in swo 638, 1050, jo 822, 842, 890, do 2) (= mhd. da). 80, 136, 345, 347, 352, 458, 476, 489, 562, 596, aber da 351.

Der Umlaut ist, wie gemeinmhd., in der Regel durchgedrungen. Die Schreibung dafür ist das md. e:

wenent 344, wene 461, weger 605 lezest 651, gecrewet 681, gebe 707, breche 812, smehen 887, stede 958, lestu 1042, wenent 344, iemerlichen 1221.

á Umlaut in Ableitungen auf -ig: selig 1203 vledig 241 auf -lich: werlich 58.

Im Reim: swere: unmere 166.

Das Umlauts - ist mit altem é in der Articulation zusammengefallen, wie die Reime beweisen: sere: wer 753, mere : keren 786, wunderere : ere 569 : lere 796, uffenbere : lere 755, dede: prophete 835, ére swere 1029. lere unere: swere 1088

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vmermere 1286 rehter: ér(e) 934.

swere:

Mhd-cere wird öfter wie in Elis (Rieger S. 30) Ev.St.P. (Schönbach S. 14) zu er verkürzt:

vischer 186, sunder 374, 428, 408, vorreder 630, Romer 560, morder 754, rehter 849, drugener 862. Hier ruhte kein Nebenton auf dem e. Im Reim kommt sunder: mer 428 vor, wo der Vers bei dreisilbig klingendem Ausgang Kürzung erfordert.

1) Vgl. Reimer: Hess. Urkundenbuch, 2 Abt. 2 Bd. No. 295, 300, 341, 346, 391, 427, 503.

2) Ähnlich wechseln in der Jol. dâ und dô, wâ und wô (vgl. Meier, Einleitg. S. XXIII), und auch in Elis. kommen o Formen statt a vor. (Rieger Einleitg. S. 30).

Dagegen stehen die Vollformen dem Verse gemäß in schoppere : offenbere, 4 wunderere : lere 796, : ere 569.

Neben offenbere erscheint auch die umlautlose Form des Adjektivs offenbar durch analog. Beeinflussung der Adverbialform wie in Jol. (Meier S. XXIII) und OBR. und in dem oberhess. Evangelienwerk aus St. Paul (Schönb. S. 14) Daß der Dichter die Form kennt, beweisen die Reime, gar: offenbar 71 und uffenbar(e) : vorwar 422. Reime von ǎ: a mit ungenauer Quantität sind häufig (21 Fälle).

Mhd. ë:

2

I. In Stammsilben: als e erhalten swester1) 168, 176, 204. II. In Nebensilben: mhd. e gewöhnlich durch e wiedergegeben.

1. i

=

Daneben erscheint:

a) in vortoniger Silbe.

a) int

intwiche 712, intwenken 1085, intbunden 1225.

P) ind- indran 785.

y) in: inphahen 84, inphangen 867, ingan 1042, ingelten 1087, inhast 653, inbunden 1292.

Ferner

d) ir— : irfullet 107, irvullet 939, irzügen 213, irbar-
men 322, irwarb 458, irstan 503, irlan 249.
506, 522, 608, 1008, 1048, 1116, 1345. Dazu kommt
637, wo Mone be hat. Daneben weniger häufig
212, 240, 273, 666, 728, 787.

er

ε) vir- virnommen 270, virirret 928. Dagegen überwiegt ver: 20, 282, 285, 292, 296, -97, 361, -62, 676, 774 etc.

b) in Mittelsilbe : heilikeit 613, (neben demudekeide 113).

c) in Endsilbe: abir 1116, sollint 1262, sehint 1327 (neben sehent 1121.)

o in vortoniger Silbe: vorreder 630

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1) Jol. (S. XXIV) Elis, OBR, Ev. St. P. (Schönb. S. 21) daneben suster. Auch FD 92, 291, dagegen hat F swester 692, 698, 706.

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