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Primo: utrum absque gratia possit homo aliquod verum cognoscere.

Secundo: utrum absque gratia Dei possit homo aliquod bonum facere vel velle.

Tertio: utrum homo absque gratia possit Deum diligere super omnia.

Quarto: utrum absque gratia possit praecepta legis observare.

Quinto: utrum absque gratia possit mereri vitam aeternam.

Sexto: utrum homo possit se ad gratiam praeparare sine gratia.

suchen, ob die Gnade nothwendig ist zum Erwerb der menschlichen Vollendung: a. 1-8; wie zu deren Festigung und Sicherung: a. 9-10; das Gut menschlicher Vollendung aber ist, da wir durch die Vernunft Menschen sind, vor allem Andern Geistesgut: a. 1; dann, in Kraft der in inniger Beziehung zwischen Erkenntniß und Willen das Gut der Freiheit. Dies jedoch in doppelter Hinsicht. Denn die Freiheit bethätigt sich in Betreff ihrer Güter durch Hinwendung und Vertiefung in das Gute selbst: a. 2-6 und durch Beseitigung und Ueberwindung des feindlichen Bösen: a. 7—8. Wahlfreiheit nun, die sich zum Guten bewegt, kann näher abzielen auf das Gute im Allgemeinen: a. 2; auf das höchste Gut: a. 3; auf das Gut natürlich und evangelisch gesetzlichen Lebens: a. 4; auf dessen Frucht, das ewige Leben: a. 5 und auf die Gnade selbst: a. 6. Insofern sie aber gegen das Böse, was die Sünde ist, sich ordnet, wird der in Sünde Verstrickte zu lösen und aufzurichten: a. 7 und diese selber wirksam zu meiden sein: a. 8. Wahren endlich wird der Mensch das erworbene Gut dadurch, daß er thatfähig und thatbereit bleibt, das Gute zu wirken und das Böse zu überwinden: a. 9, sowie dadurch, daß er auszuharren vermag bis zum kostbaren Ziel- und Ruhepunkt definitiver Sicherung: a. 10. Zu zehn Artikeln demnach rundet sich die erste quaestio ab.

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Nono: utrum homo gratiam consecutus possit absque alio divino auxilio, bonum facere et vitare peccatum.

Decimo: utrum possit perseverare in bono per seipsum.

Articulus primus.

Utrum homo sine gratia aliquod verum cognoscere

possit1.

A. 151.

1. Bei der Frage, ob ohne Gnade Wahrheit hienieden sich ergiebt, kommt der Mensch in Betracht, wie er nun leibt und lebt, der Mensch im Stande seines Jettlebens, nach Adams Fall; der wirkliche Mensch demnach, der, weil seinem Wesen nach eingeleibter Geist, ein solcher geblieben ist, mag er auch Wunden und Schwächen unausgesetzt verrathen, der Mensch, der, wenn anders er menschlich leben und ausleben will, von Wissenschaft und Wahrheit leben wird. Unter den fünf Ständen der menschlichen Natur ergreift also unsere Frage den Stand des gefallenen Menschen, status naturae lapsae, sed reparandae, der ebenso erlösungsfähig wie grundsätzlich 52 erlöst ist, so daß seine Erlösung durch alle Zeiten hin sich verthatsächlicht. In Bezug auf diesen Menschen nun muß man bei Untersuchungen über die Gnade, die ihrer Natur nach Hülfe ist, in Folge dessen unmittelbar die lebendige That bezweckt, nicht fragen wollen, ob die Wahrheit ihm metaphysisch möglich sei, vielmehr und präcise, ob er mit seinen ihm zur Ver

Englert, Thomas' Lehre von der Gnade Christi.

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Ad primum sic proceditur. Videtur quod homo sine gratia nullum verum cognoscere possit. Quia super illud I Cor. XII, Nemo potest dicere, Dominus Jesus, nisi in Spiritu Sancto, dicit Glossa Ambrosii: Omne verum, a quocumque dicatur, a Spiritu Sancto est. Sed Spiritus Sanctus habitat in nobis per gratiam. Ergo veritatem cognoscere non possumus sine gratia.

2. Praeterea, Augustinus dicit, in I Soliloq., quod disciplinarum certissima talia sunt qualia illa quae a sole illustrantur ut videri possint; Deus autem ipse est qui illustrat; ratio autem ita est in mentibus ut in oculis est aspectus; mentis autem oculi sunt sensus animae. Sed sensus corporis, quantumcumque sit purus, non potest aliquod visibile videre sine solis illustratione. Ergo humana fügung gebliebenen Naturkräften in nächster und wirksamer Thatbereitschaft zu wirklichen Erkenntnissen von Wahrem stehe.

2. Eine so große Lebensfrage des menschlichen Geschlechtes wie diese erheischt Vertiefung durch Schwierigkeiten, die Paulus und Augustinus bieten. Auf Grund von 1 Cor. 12, 3 sagt die Glosse 53, alles Wahre sei vom h. Geiste, der uns einwohnt durch Gnade; wie kann aber, wenn er in seiner Gotteskraft uns einwohnt, noch etwas aus uns selbst sein? Und Augustinus, der in eigener Person die Schwankungen und Unzuverlässigkeiten menschlicher Geisteskraft auf's bestimmteste erfahren 54, gesteht 55, daß sicherste Säße nur unter dem Lichte Gottes sich ergeben; dies aber strahlt uns in der Gnade auf. Wenn ferner der große Lehrer der Gnade hervorhebt 56, nur durch Denken sehe der menschliche Geist Wahres, der Apostel aber 2 Cor. 3, 5 das ergebnißvolle Denken der Hülfe Gottes zuschreibt, wie wird uns die Ehre unserer Natur, aus eigener Kraft Wahrheit zu finden, noch gerettet werden können?

mens, quantumcumque sit perfecta, non potest ratiocinando veritatem cognoscere absque illustratione divina. Quae ad auxilium gratiae pertinet.

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3. Praeterea, humana mens non potest veritatem intelligere nisi cogitando; ut patet per Augustinum, XIV de Trin. Sed Apostolus dicit II ad Cor. III: Non sufficientes sumus aliquid cogitare a nobis, quasi ex nobis. Ergo homo non potest cognoscere veritatem per seipsum sine auxilio gratiae. Sed contra est quod Augustinus dicit, in I Retract.: Non approbo quod in oratione dixi: Deus, qui non nisi mundos verum scire voluisti. Responderi enim potest multos etiam non mundos multa scire vera. Sed per gratiam homo mundus efficitur; secundum illud Psalmi L: Cor mundum crea in me Deus; et spiritum rectum innova in visceribus meis. Ergo sine gratia potest homo per seipsum veritatem cognoscere.

Respondeo dicendum quod cognoscere veri

3. Aber dieselbe Autorität Augustins eröffnet wie Schwierigkeiten, so auch den Weg zur Lösung. Viele, so constatirt er 57, denen nicht ein reines Herz erschaffen und der aufrechte Geist erneuert ist 58 in Gnade, wissen vieles Wahre. Die Thatsache ist's, die unsere Frage kräftig bejaht, die Lebensthatsache, die aus der Weite und Mitte allgemeinen, ächten MenschenLebens in allen Jahrhunderten bezeugt ist und fortwährend frisch hervortritt.

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4. An der Erfahrungsthatsache der Erkenntniß von vielem Wahren auch ohne Gnade orientirt sich gerne wissenschaftliche Forschung und Lösung. In drei Hauptsäße 50 faßt sie der h. Lehrer. Zunächst nämlich wird festzustellen sein das allgemeine und grundsätzliche Verhältniß des menschlichen Denkens zu Gott,

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tatem est usus quidam, vel actus, intellectualis luminis: quia secundum Apostolum, ad Ephes. V, omne quod manifestatur, lumen est. Usus autem quilibet quendam motum importat: large accipiendo motum, secundum quod intelligere et velle motus quidam esse dicuntur, ut patet per Philosophum in III de Anima. Videmus autem in corporalibus quod ad motum non solum requiritur ipsa forma quae est principium motus vel actionis; sed etiam requiritur motio primi moventis. Primum autem mozweitens das des naturkräftigen Denkens zur proportionalen, wie drittens zur übernatürlichen Wahrheit.

5. Erster Saß. Zur Erkenntniß jeglicher Wahrheit benöthigt der Mensch göttlicher Hülfe; denn der Intellect muß von Gott bewegt werden zu seinen Acten.

Damit der Beweis dieser fundamentalen Proposition durchsichtiger werde, schäle ich vorerst den Kern der Untersuchung des h. Thomas heraus in syllogistischer Strenge und Kürze: Cognoscere veritatem est usus quidam intellectualis luminis. Sed usus quilibet quendam motum importat. Ergo intelligere veritatem quidam motus esse dicitur. Sed ad motum non solum requiritur ipsa forma, quae est principium actionis, sed etiam requiritur motio primi moventis. Ergo omnes motus spirituales reducuntur in primum movens simpliciter: quod est Deus.

In der That ist die Erkenntniß einer Wahrheit nichts Anderes, als der naturmäßig wirkungsvolle Gebrauch oder Act des geistigen Lichtes, das in der intellectiven Seele glüht. Denn was ist das Erkennen anders als das Offenbarwerden einer Wahrheit durch Gedanke und Urtheil? So sagt der Apostel ®, daß Jegliches, was sich offenbart, Licht ist, so klärt auch des Tages glüh'nder Stern' die Erdendinge auf bis zur Sichtbarkeit. Daß aber der Gebrauch dieses Geisteslichtes Bewegung ist, Bewegung nicht in grobsinnlicher Bedeutung, vielmehr in der ontologischen Bedeut

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