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Nun plötzlich aus des Morgenlichtes Bronnen,
Noch kaum geahnt, zu ungetrübtem Glücke
Entgegenströmen des Erkennens Wonnen:

Dann ruht die Seligkeit in seinem Blicke 91.

Im Dienste des also fruchtbaren Wahrheitsdranges steht gerade auch der Zweifel, der forschende, freilich nicht der krankhaft skeptische, zum wissenschaftlichen Selbstzweck erhobene Zweifel. Wie am Stamm das Nebenschoß, seht an

An Wahrheits Fuß der Zweifel: so will tragen
Natur von Höh' zu Höh' uns gipfelan 92.

Das Anfangswort der aristotelischen Metaphysik legt klassisches Zeugniß ab für dieses unerseyliche menschliche Lebensinteresse. Alle Menschen begehren von Natur aus zu wissen; denn das menschliche Geschlecht lebt von Kunst und Wissenschaft 93. Gottes Wort steht von Anbeginn lebhaft für das höchste Lebensgut des natürlichen Menschen ein. Er allein hat neschamah 94 im Gegensaß zu nephesch und zu ruach. Die Einhauchung ist wie durch schöpferischen Friedenskuß Einhauchung des eigenen Lebensodems Gottes, substantielle Aushauchung aus dem Munde des Herrn 95. Seiner Natur nach also, nicht etwa bloß in Accidentien, ist der Mensch Gott ähnlich, in Kraft des Wesens geschaffen zu Gottes Bild und als Gottes Gleichniß 96. Das göttliche Denken aber ist aus seiner reinsten Thatwirklichkeit so unendlich fruchtgekrönt, daß Gottes Selbsterkenntniß ewige Selbstverwirklichung, daß Gott die substantielle Wahrheit ist, Urwahrheit und Allwahrheit 9. In Folge dessen wird dem Menschen und seiner substantiellen Gottähnlichkeit 98 die Portiuncula seines Wahren auf Grund eigener Erkenntnißkraft bleiben müssen.

Seh' ich doch, wie als Wiederschein gegönnet
Das Urlicht ist bereits auch deinem Geist,
Das, nur geseh'n, zu ew'ger Lieb' entbrennet.

Und was zu Liebe lockend sonst sich weist,
Es lockt nur deßhalb, weil von jenem Lichte,
Euch unbewußt, in ihm ein Funke kreist 99.

Den inneren und hauptsächlichen Grund für diese selb= ständige Fruchtbarkeit unseres Erkennens klingt der engelische Lehrer an, wenn er im Texte die Grenzen der menschlichen Wahrheit umschreibt. Das eigentliche Object unseres Intellectes ist quidditas rei materialis; Alles treibt dazu hin, daß der Mensch, dem Welt- und Naturzusammenhang anheimgegeben, recht eigentlich die Welt- und Naturdinge einsehe 100. Als Einzelheiten treten sie ihm gegenüber, sinnlich wahrnehmbar. Wie vermag er sich von diesem Einzelnen loszuringen und es so zu überwinden, daß er es doch nicht verliert und höher schreitet 101? Es ist die Geistseele, die, wie sie Wesensform des Menschen, herrschgewaltiges Ideal- und Realprincip alles Menschlichen in ihm ist, aus den fundamentalen Tiefen sinnlicher Wahrnehmungen durch Abstraction zum Himmelreich des Allgemeinen empordringt. Der Mensch denkt, weil seine Seele immateriell ist! Die Immaterialität eines Wesens ist die eine reine Vollursache seiner Erkenntnißfähigkeit! Denn jegliche Erkenntniß kann sich nur vollziehen, insofern das Erkannte ist in dem Erkennenden (in quantum cognitum est in cognoscente). Daher ist das Princip der Erkenntniß die Fähigkeit, fremde Formen zu ergreifen und in sich aufzunehmen, intentionale Bilder der realen Objecte zu gewinnen und zu haben (suscipere formas alienas). Das also wird fürwahr erkenntnißkräftig sein, was nicht bloß seine eigene Form hat, sondern auch haben kann, in Weise des Abbildes natürlich, aber des objectiven Abbildes, weil es ja vom Objecte selbst ausgeht, die Formen von anderen Sachen; und das wird nicht erkennen können, was nichts hat als seine eigene Form. Nun aber ist eben das Materielle seiner Natur nach jedesmal das zu Einem Determinirte, das am meisten Eingeengte und in sich selbst Versenkte. Mag es auch entwicklungsfähig sein und steter Veränderung unterliegen, stets hat es so sehr nur seine Form, daß es zu gleicher Zeit alle anderen aus sich heraus stumpf und blind ablehnt. Das Wesen also, welches erkennen soll, muß dermaßen über die Materie hinausgehoben und frei von ihr sein, daß es in Kraft seiner

höheren allgemeineren Daseinssphäre und allseits beweglichen Lebensfülle die Bilder anderer Dinge erfassen und in sich wiederstrahlen lassen kann. Weit entfernt, von der Materie gebunden und aufgebraucht zu werden, muß das Erkennende ein Licht in sich bergen, so scharf und doch so elastisch, so reichlich und gesichert selbständig und doch so umfassend, daß es das Erkennbare zu sich selbst heimführt und auf gewisse Weise mit ihm sich identificirt (cognitum in actu et cognoscens in actu sunt idem). Genau insoweit demnach wird etwas erkenntnißmächtig sein, als es immateriell ist. So ist's denn im Menschen die Geistseele, die ihn aus eigener Machtvollkommenheit erkenntnißfähig und erkenntnißreich macht. Sie ist's, die die Grenzmarken eigenen menschlichen Erkennens so weit hinausrückt, daß Thomas mit Aristoteles sagen darf, die erkennende Geistseele sei gewissermaßen Alles 102.

Mag daher immerhin das materiale Object des menschlichen Intellectes das seiner Natur nach particuläre Sinnenbild sein, das formale Object desselben bleibt das Universale, die Wesenheit (intellectus est universalium). Denn eben weil der geistige Intellect von Natur aus geeignet (aptus natus) ist, das Wesen, wennschon zunächst nur eines einzelnen Naturdinges, zu erkennen, ist er in seiner tiesinnersten Natur auch dazu geschaffen und beschaffen, nach dem Wesen aller Dinge zu forschen; er, der nach dem ersten Warum fragen darf, ist sofort natur-berechtigt und befruchtet genug, nach dem letzten Warum zu fragen, das erste Warum fragt ja innerlich und nothwendig nach dem letzten 103. Aber was die Geistseele von diesem Ersten und Höchsten einsieht, ist abgelesen von der Sinnenwelt; die Erkenntniß muß analogisch mangelhaft bleiben. Indem wir wie Gregor von Nyssa104 Sinnliches und Uebersinnliches, Psychisches und Physisches vergleichen, die göttlichen Wirkungen sorgfältig und ehrfurchtsvoll sammeln, uns der Ursprungs- und Zielpunkte des creatürlichen Lebens versichern, fügt sich uns aus Analogieen ein Spiegelbild der Wahrheit zusammen 105, reichen wir uns auf Erden dar

Der Trübsal süße Milch Philosophie 106.

Englert, Thomas' Lehre von der Gnade Christi.

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Hier bietet sich der hehre Aus- und Einblick in das ureigene Reich des menschlichen Erkennens: von der Wesenheit des Stofflichen arbeitet es sich empor bis zu dem einen Punkte,

von dem abhängt

Der Himmel und die sämmtliche Natur 107.

Der zweite Sat kämpft mit fundamentaler Energie, wie gegen den Pantheismus überhaupt, so besonders gegen Schleiermacher, der, nach Lessing's Vorgang 108, das Verhältniß des Menschen zu Gott lediglich in eine Gefühlsbestimmtheit zersetzt 109, gegen Hegel110, welchem Religion außerhalb dem concreten wissenschaftlichen Begriffe im Bereich der Vorstellungen schwankt, gegen Ed. v. Hartmann, der sein Denken über Gott in sein Capitel von den menschlichen Illusionen herabwürdigt". Auch Herbert Spencer's12 und John Tyndall's 113 schwächliche, aber voll moderne Auffassung vom Skepticismus als Religiosität fallen in den Bereich des zweiten Sazes. Männer freilich, wie Bergmann, H. Sommer, J. H. Witte 14, auf deren zeitgenössische Studien wir nicht ohne Hoffnung blicken können, verfechten siegreich, auch ohne allzu heftige monistische Ueberspannungen, die naturkräftige Fruchtbarkeit der menschlichen Geistesmühe und steuern zur Wiedererweckung des idealen Geistes Beträchtliches bei, sie sind ebenso wenig starre Empiristen als sie im Rückfall in die Kinderkrankheit des Skepticismus stecken blieben. Gerade sie sollten doch erwägen, ob eine tiefere und breitere Grundlage geworfen werden könne, wie sie Thomas wirft in diesen beiden Säßen, die schon der Weise des Alten Bundes im Namen der Menschheit zu einer Einheit verkettete in dem Worte: Mir verlieh es Gott, auszusprechen nach Wunsch und voraus aufzufassen, was würdig ist des mir Gegebenen; denn er selbst ist Führer zur Weisheit, und Lenker der Weisen. Denn in seiner Hand sind wir sowohl, als auch unsere Reden, und alle Weisheit und des Wirkens Sinn (und Führung). Denn er selbst gab mir des Seienden untrügliche Kenntniß, so daß ich weiß den Bau der Welt und die Kraft der Elemente, Anfang und

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Altiora vero intelligibilia intellectus humanus cognoscere non potest nisi fortiori lumine perficia

Ende und Mitte der Zeiten, Veränderungen des Umlaufes, und den Wechsel der Zeitabschnitte; den Kreislauf des Jahres und die Stellungen der Gestirne, die Natur der Thiere und die Triebe des Wildes, die Gewalt der Stürme und die Sinnesweisen der Menschen, die Unterschiede der Pflanzen und die Kräfte der Wurzeln, (und) was immer ist verborgen und unwahrnehmbar, erkundete ich; denn die Alkünstlerin lehrte es mich, die Weisheit. Denn in ihr ist ein Geist, ein verständiger, heiliger, einfacher, vieltheiliger, feiner, beredter, beweglicher, unbefleckter, sicherer, lieblicher, Gutes liebender, scharfer, ungehemmter, wohlthätiger, menschenfreundlicher, gütiger, fester, verlässiger, sorgenfreier, allvermögender, allschauender, und alle Geister durchdringender, ein finniger, reiner, zarter' 115.

Diese Grundlage, auf der die menschliche Natur zu ihr spricht ja Gott im Buch der Bücher - in den großen Typen der forschenden Menschheit, vor Christus in Aristoteles, dann in Augustinus Wahrheit nach Möglichkeit so ersehnte wie errang, hält auch in Mitten der heutigen Welt deren herrlichster Freund unerschütterlich fest, feierlich spricht Papst Leo XIII. die menschliche Philosophie an als unseren ‚vorzüglichsten Naturbehelf, uns dargeboten durch die Huld der göttlichen Weisheit, die Alles mächtig und mildiglich ordnet. Denn nicht umsonst hat Gott das Licht der Vernunft dem menschlichen Geiste eingesenkt116.

7. Dritter Saz. Uebernatürliches kann der menschliche Intellect nicht erkennen, außer er werde vervollkommnet durch ein mächtigeres Licht, das, als Naturergänzung, Gnadenlicht ist.

Leicht pflücken wir die Einsicht in den Beweis des dritten Sazes, nachdem die soliden Fundamente des Beweises im ersten und zweiten Satze hinreichend tief gelegt sind, wie denn auch Thomas den dritten in den zweiten Sag verwebt. Der Kürze halber der Beweis als Enthymema: Unaquaeque forma indita rebus

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