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steigere den Werth der Wahrheit. Denn wohl müßte erst der Irrthum als solcher erkannt und dürfte vor Allem auch nicht geliebt gewesen sein, wenn er jener köstliche Weg zur Wahrheit sein soll. Denn wenn er, aus Fleisch und Blut des Denkers gekommen, einmal in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird der Mensch weit eher in ihm haften bleiben und verkümmern, als sich aufraffen, befreien, vorwärts eilen. Freilich wir Christen wissen dies längst bessert die Wissenschaft ihre Irrthümer selbst: das ist einfachhin ihre Aufgabe und Pflicht, wozu hätte sie auch sonst ihre Principien, ihre Methode? Das h. Concil vom Vatican schüßt dies edle Recht menschlicher Wissenschaft wirksamer, als jene, die es in gottgleiche absolute Autonomie überspannen, Conc. Vat. Sess. 3. Const. de fide Cath. cp. 4 De fide et Ratione, Den z. 1646: ,Nec sane ipsa (scil. Ecclesia) vetat, ne huiusmodi disciplinae in suo quaeque ambitu propriis utantur principiis et propria methodo; iustam hanc libertatem agnoscens'; ähnlich spricht Pius IX., Ad archiep. Monac. 11. Dec. 1862, Denz. 1528, vom ,ius quod habet philosophia, suis principiis seu methodo ac suis conclusionibus uti, sicut et aliae scientiae, ac si eius libertas consisteret in hoc suo iure utendo, ita ut nihil in se admitteret, quod non fuerit ab ipsa suis conditionibus acquisitum aut fuerit ipsi alienum. . . .

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Die Urtheile Christi und seiner Kirche, wie etwa über Unsterblichkeit der Seele, sittliche Verantwortlichkeit, sind lediglich göttliche Lösungen der Frage, die Kirche steht hiebei, um ein schönes Wort Hagemann's (Vernunft uud Offenbarung. 1869 S. 43) zu wiederholen, auf dem Berge der Offenbarung ,wie ein vorausgeeilter Führer, der uns durch seine Stellung das Ziel und die Richtung bezeichnet, der es aber unserm eignen Nachdenken überlassen muß, den Weg zu finden, der uns sicher neben Schlünden und Tiefen dahin führt. Sie überläßt das unserer Freiheit, nur kann sie nicht zugeben, daß wir die Willkür für die rechte Freiheit ansehen und den Frrweg als den Weg zur Wahrheit betrachten. Die Vernunft mag ihren Weg gehen, aber unsichtbar wandert die Kirche als Führerin ihr zur Seite.

Sie warnt auch davor, nicht vorzeitig zu ermüden, nicht die erste beste Station als das Ziel, nicht die ersten besten Hügel als den zu erklimmenden Gipfel zu betrachten'. So lange die kirchliche Lehrentscheidung über irgend welche der vielen Vernunftwahrheiten, die im Himmelsschage des Glaubens beschlossen sind, nicht inneres Erkenntnißprincip des Definirten sein will, sondern wie Pius IX. charakteristisch sagt (Ad archiep. Monac. 21. Dec. 1863, Denz. 1533) stella rectrix, qua praelucente sibi a syrtibus et erroribus caveant, so lange ist die Klage über Bindung der wissenschaftlichen Freiheit in der Kirche ohne sittliche Berechtigung, die Gegner stellen sich hier uns gegenüber auf einen Standpunkt von Vorausseßungslosigkeit, der menschlichem Denken naturrechtlich so wenig zukommt, daß sie von ihm aus, sobald sie anfangen zu denken, auch nicht einen Schritt innerhalb der natürlichen Denkgrundlagen zu thun vermöchten. Voraussetzungslose menschliche Forschung durchbricht das Naturgefüge des Menschen, der entstanden ist und durch seine Natur auf eine höchste Ursache weist. Aber selbst ein Mann, wie Wundt, der so gerne unbefangen sein will auch bei Würdigung. des kirchlichen Geisteslebens, gelangt nicht zu der grundsätzlichen Einsicht, wie etwa Dorner sie ausspricht (Christl. Ethik 24): ,Das natürliche und das erworbene christliche Wissen vom Sittlichen kann sehr wohl für den christlichen Ethiker in eine Einheit zusammengehen. Weil es aber nicht nothwendig ist, daß das Natürliche und Sittliche, wie unterschieden auch, ewig außer einander oder gar wider einander bleiben: so folgt auch zweitens für das Verhältniß christlicher Ethik zur philosophischen, daß sie nicht müssen wider einander sein. Wie es keine Nothwendigkeit giebt, daß die theologische Ethik unwissenschaftlich sei oder blind gegen die erste Schöpfung: so ist auch keine Nothwendigkeit vorhanden, daß die Philosophie irreligiös oder wenigstens außerchristlich sei und bleibe."

208) 1 Cor. 1, 24. Vgl. hierüber Augustin. De Mor. Eccles. cath. 1 cp. 13 n. 22.

209) Col. 2, 3. Jn gewaltige Zusammenhänge stellt Paulus dieses Wort. Er spricht es den Colossern und denen in Lao

dicea und allen, so nicht gesehen haben sein Angesicht im Fleische, ,damit getrost würden ihre Herzen, ausgerüstet in Liebe und für den ganzen Reichthum der Vollgewißheit des Verständnisses, zur Erkenntniß des Geheimnisses Gottes des Vaters und Christi Jesu. Wie im Innern der Gläubigen grundlegend, so soll dies Gotteswort von Christi Kraft und Weisheit auch schirmend wirken nach außen, auf das Leben nicht bloß nach ihm, sondern auch aus ihm und in ihm als auf's Ziel des Christenthums hinweisen, so daß Christus Lebensgrund, Lebensinhalt und Lebensform der Seinigen wird, und die gläubige Lebensführung vor Täuschungen und Angriffen sicher stellen: ,Dieses sage ich, damit Niemand euch täusche in hochtrabender Rede. Denn wenn ich auch dem Fleische nach abwesend bin, doch dem Geiste nach bin ich mit euch, mich freuend und wahrnehmend euer Geordnetsein und die Veste eueres Glaubens an Christus. So wie ihr nun empfangen habt Jesum Christum, den Herrn, wandelt in ihm, gewurzelt und auferbaut in ihm, und befestiget im Glauben, so wie ihr auch gelernt habt, überströmend in ihm in Danksagung. Sehet zu, daß euch Niemand verführe durch die Weltweisheit und eitlen Trug nach der Ueberlieferung der Menschen, nach den Anfangsgründen der Welt, und nicht nach Christus, da in ihm innewoht die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und seid ihr in ihm erfüllet.' Vgl. Matth. 5, 3; 11, 25; 1 Cor. 1, 30; 2, 4. 10; 2 Cor. 4, 4; Ephes. 4, 14.

Hiezu die sehr zeitgemäße Bemerkung Augustins, De Mor. Eccl. cath. 1 cp. 21 n. 38: ,Est item aliud, quod de corporibus per imaginationes quasdam concipit anima, et eam vocat rerum scientiam. Hinc illud est (Coloss. 2, 8): Cavete ne quis vos seducat (Vulg. decipiat) per philosophiam (et inanem fallaciam). Et quia ipsum nomen philosophiae si consideretur, rem magnam totoque animo appetendam significat, si quidem philosophia est amor studiumque sapientiae, cautissime Apostolus ne ab amore sapientiae deterrere videretur, subiecit: et elementa huius mundi. Sunt enim qui desertis virtutibus, et nescientes quid sit Deus et quanta maiestas semper

eodem modo manentis naturae, magnum aliquid se agere putant, si universam istam corporis molem, quam mundum nuncupamus, curiosissime intentissimeque perquirant. Unde tanta etiam superbia gignitur, ut in ipso caelo, de quo saepe disputant, sibimet habitare videantur. Reprimat igitur se anima ab huiusmodi vanae cognitionis cupiditate, si se castam Deo servare disposuit. Tali enim amore plerumque decipitur, ut aut nihil putet esse nisi corpus; aut etiamsi auctoritate commota fateatur aliquid esse incorporeum, de illo tamen nisi per imagines corporeas cogitare non possit, et tale aliquid esse credere quale fallax corporis sensus infligit. Vgl. Serm. 197 De Kal. Januar. Fragm. n. 6. Ueber die obige Stelle des Apostels selbst handelt im Sinne unseres Artikels der Lehrer der Gnade zweimal: Enarr. in Ps. 135 n. 8 und Serm. 51 De concord. Matt. et Luc. cp. 4 n. 5.

210) Leo P. XIII. a. a. D. 75. Aehnlich denkt Augustinus, De ver. Relig. cp. 31 n. 57, wenn er den Sah entwickelt, die wandellose Wahrheit sei die weltrettende Kunst des allmächtigen Künstlers.

211) Sprüch. 8, 22. 23; Sir. 24, 5; Joh. 1, 1.

212) Sir. 24, 7. 8.

213) Sir. 17, 5. 6.

214) Sir. 24, 9—11.

Vgl. Matth. 24, 30. Joh. 17, 5.

215) Sir. 24, 12-16. Vgl. Ps. 2, 6-8. Sprüch. 8, 31. Matth. 28, 20.

216) Sir. 24, 17—23. Vgl. Ezech. 17, 22-24:,So spricht der Herr, Gott: Jch aber werde nehmen vom Marke der hohen Ceder, und einsehen; vom Wipfel ihrer Zweige will ich einen zarten abbrechen, und ihn pflanzen auf hohen und erhabenen Berg. Auf hohem Berge Israels werde ich ihn anpflanzen, und er wird ausschlagen in Sprossen, und wird Frucht bringen und werden zu einer großen Ceder, und wohnen werden unter ihr alle Vögel, und jegliches Geflügel wird im Schatten ihrer Zweige nisten. Und erkennen werden alle Bäume des Feldes, daß ich, der Herr, erniedrige den hohen Baum, und erhöhe den niedern Baum; und daß ich vertrockne den grünenden Baum,

und belaube den dürren Baum. Jch, der Herr, spreche und vollziehe. Hiezu Hohel. 1, 16; 3, 6. Matth. 13, 31–32. Joh. 15, 1-8. 2 Cor. 2, 15.

217) Sir. 24, 25. Vgl. Joh. 14, 6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.'

218) Sir. 24, 34-38. Jene Ströme gingen so hoch in ihrem Bette, daß sie ringsum das Land bewässerten. Vgl. Zach. 14, 7-8. Matth. 11, 27. Luk. 10, 22. Joh. 8, 12.

219) Ps. 35, 9:,Sie werden trunken von der Ueberfülle deines Hauses, und mit dem Strome deiner Wonne tränkst du sie.' Vgl. Ps. 45, 5. Joh. 4, 13–14. Offenb. 7, 17.

220) Sir. 24, 41-47. Vgl. Sir. 33, 18. Hieher gehört das vielgebrauchte Wort des Herrn Matth. 6, 33, bei Luc. 12, 31-32 gleichsam im Hinblick auf die scheinbar reichere einseitige Weltcultur mit dem tröstenden Zurufe: Fürchte dich nicht, du kleine Heerde! weil es euerem Vater wohlgefallen hat, euch das Reich zu geben. Bei Paulus, 2 Cor. 4, 17—18, sind die Gebrechen des Natürlichen bereits in die vollen Bezüge zu ihrer übernatürlichen Vollendung gesezt: ,Das in der Gegenwart Augenblickliche und Leichte unserer Drangsal wirkt über Maßen in Ueberschwenglichkeit ewige Wucht der Herrlichkeit in uns, die wir nicht schauen auf das, was gesehen, sondern auf das, was nicht gesehen wird. Denn was gesehen wird, ist zeitweilig, was aber nicht gesehen wird, ewig.' Vgl. Weish. 7, 11. Röm. 8, 32.

221) Clem. Alex. Strom. 2, 1. Und 2, 4: ý ríotis avτñs scil. ἐπιστήμης κριτήριον. Τhomas flingt an diefen Sat an Summ. theol. p. 1 q. 1 a. 6 und Sup. Boëth. q. 2 a. 3, in den drei ersten Büchern der philos. Summe führt er ihn durch. 222) Clem. Alex. Strom. 1, 7; vgl. Justin. Apolog. 2, 8. Augustin. De doctr. christ. 2, 40 (citirt bei Leo P. XIII. a. a. . 63).

223) Clem. Alex. Strom. 1, 7: оoа εйonτaι лaq' Éxáoτŋ τῶν αἱρέσεων τουτῶν καλῶς δικαιοσύνην μετὰ εὐσεβοῦς ἐπιστήμης διδάσκοντα, τοῦτο σύμπαν, τὸ ἐκλεκτικὸν, φιλοσοφίαν φημί. Τη Stefen beiden Bejtimmungen: τὸ σύμπαν μηδ τὸ ἐκλεκτικόν (eigentlich das Erwählende) hat Clemens in einer der Fein

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