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ferung das verlorene Leben evangelischer Armuth zurückrufen, darin lag ein Rückblick auf das Ursprüngliche, ein Anklang der evangelischen Botschaft; die etwas jüngeren Franciscaner, volksthümlich, weich, heiter, phantastisch, die älteren Dominicaner, ernst, gemessen, doctrinär und richterlich, suchten und fanden ihr Publicum in den ihnen zusagenden Schichten der Gesellschaft, die Letztgenannten also in den höheren Ständen, daher nahmen sie auch kein Laienelement in sich auf, während die Minoriten, unter dem niederen Volke thätig, durch den Anhang der Tertiarier ihren Einfluß auf weite Kreise ausdehnten 184. Und war der Protestantismus anfangs und in der Wurzel seines Stifters nicht ein Verächter aller rein menschlichen Wissenschaft? Aber aus den Verächtern von damals find die eifrigsten Denker und Forscher geworden, der Protestantismus ist zur Zeit ein Hauptträger der Weltwissenschaft, ja man kann von ihm sagen, er lebt jezt von wissenschaftlichen Kraftanstrengungen, seitdem in dieser wildbewegten Zeit die übernatürlichen Quellen ihm mehr und mehr versickern. Wir haben unsern mit dem Beginn der Neuzeit erstandenen Gegner seitdem so viele Wandlungen auf dem Gebiet von Religion, Intelligenz und Cultur durchmachen sehen, das "protestantische Geistesleben ist seiner Natur nach in einem so regen Flusse, daß es nicht selten später von eben den Mächten innerlichst ergriffen wird, die es früher am härtesten abstieß. Aus den Reihen Derer, die einst gerade gegen Thomas protestirten, können sehr wohl,Thomisten' aufstehen, nicht etwa indem sie sofort alle Folgefäße des englischen Lehrers annehmen oder gar direct von ihm aus in das Heerlager der Kirche einschwenken — solche Hoffnung trüge utopistisch Gewaltthätiges an sich, aber indem sie ihn zunächst wissenschaftlich anerkennen, mit der Ruhe der Objectivität seine Texte studiren und zwischen ihm und der Gegenwart Verhältnisse herstellen. Denn auch die Geistesgeschichte zieht mit Obmacht über die Menschen ihre Consequenzen, auch in ihr, in ihr erst recht, war nichts vergebens.

Wenn aber diese großen Geistesmächte wieder zu Thomas sich kehren, mit uns arbeitend, dann wird's ein herrlicherer Englert, Thomas' Lehre von der Gnade Christi.

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Thomas sein als der alte, derselbe und doch ein anderer, ein neuer Thomas, nicht ein schlechtweg repristinirter und aufgedrungener, vielmehr ein von innen wissenschaftlich angenommener und entfalteter, ein Thomas, der in Christus Geist und Leben ist auch für dieses Weltalter, ein Thomas, der allseits wirkliche moderne Bedeutung beansprucht auf Grundlage jenes inhaltschweren Wundt'schen Forschungsergebnisses, in welchem die Forschung unseres Jahrhunderts endlich zur relativ vollen Gesundung ihres Urtheils über Thomas vordrang wir können dies Ergebniß gerade eines so zuverlässigen und hochstehenden Forschers wie Wundt nicht entschieden genug unterstreichen, nicht oft genug wiederholen : die Scholastik habe, weil sie zuerst die Theologie wissenschaftlich zu begründen suchte, nicht hoch genug zu schäßende Wirkungen auf die folgende Entwicklung der Wissenschaften gehabt, zum ersten Mal gewinne hier die Theologie den Charakter einer. selbständigen Einzelwissenschaft, um fortan nicht mehr, wie im Alterthum, als ein bloßer Bestandtheil der Metaphysik zu gelten, die Scholastik sei es, in der allmählich jene Kräfte des Denkens geübt wurden, aus deren freieren Bethätigung die Wissenschaft der Neuzeit hervorging, die großen Aristoteliker des dreizehnten Jahrhunderts, ein Albertus Magnus und Thomas Aquinas, seien bemüht gewesen, nach allen Seiten das theologische System durch die weltlichen Wissenschaften zu ergänzen, sie stehen so mit ihren umfassenden Systemen, aus denen überall die einzelnen Theile als selbständige Disciplinen sich loszulösen im Begriffe sind, zu der in den folgenden Jahrhunderten kommenden Erneuerung der Einzelwissenschaften in einem Verhältnisse, welches dem des Aristoteles selbst zu der nach ihm kommenden alexandrinischen Zeit entspreche 185.

Von dieser verheißungsvollen Hochwarte aus, wessen Brust entränge sich nicht der in Christus innige dankbare Gruß und Ruf 186:

Te

quotquot ecclesiae sumus in fide
O Thoma de Aquino

divini ingenii virum

salvere iubemus

quem suum philosophi et theologi ducem
suspiciunt sequuntur.

Alme sol

qui post sexcentos annos
orbi christiano

aliusque et idem nasceris
iterum iterumque salve
vel in invitos

lucis spicula iacito.

Dann darf die Kirche der menschgewordenen ewigen Weisheit betend über sich selbst jubeln, denn es wird eine neue, eine wissenschaftliche Epiphanie des Herrn sein: Auf, Jerusalem! Werde licht, weil kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn über dir aufgehet. Denn sieh, die Finsterniß bedecket die Erde und Dunkel die Völker; über dir aber gehet auf der Herr und seine Herrlichkeit wird in dir gesehen. Und es wandeln Völker nach deinem Lichte und Könige in dem Glanze deines Aufganges. Erhebe ringsum deine Augen und schaue: sie alle sammeln sich, kommen zu dir; deine Söhne kommen aus der Ferne, und deine Töchter erstehen zur Seite. Alsdann wirst du schauen und überströmen, und erbeben wird und sich erweitern dein Herz, da dir zugewendet wird des Meeres Fülle, die Macht der Völker gekommen ist zu dir. Hochfluth von Kameelen wird dich bedecken, Dromedare von Madian und Epha; alle von Saba werden kommen, Gold und Weihrauch bringend und das Lob des Herrn verkündend. Alle Heerden Kedars werden sich sammeln zu dir, die Widder Nabajoth's dir dienen

sie werden dargebracht auf meinem Sühnaltare, und das Haus meiner Herrlichkeit verherrliche ich. Wer sind die, welche wie Gewölke heranfliegen, und wie Tauben zu ihren Gittern? Denn meiner harren die Inseln und die Schiffe des Meeres

im Anbeginne, daß ich herführe deine Söhne aus der Ferne, ihr Silber und ihr Gold mit ihnen, für den Namen des Herrn, deines Gottes, und für den Heiligen Israels, weil er dich schmückt. Und es bauen Söhne der Fremde deine Mauern und ihre Könige dienen dir; in meinem Zorne wohl habe ich dich geschlagen, und in Wiederkehr meiner Gnade erbarme ich mich deiner. Und aufgethan werden bleiben deine Thore unabläßig, Tag und Nacht werden sie nicht geschlossen, damit man einbringe zu dir die Macht der Völker und deren Könige herführe. Denn das Volk und Reich, welches dir nicht dienen wird, gehet zu Grunde, und die Nationen werden verkommend zertrümmert. Die Herrlichkeit des Libanon wird kommen zu dir, Tanne und Buy und Pinie zumal, um zu schmücken die Stätte meines Heiligthums, und den Ruheort meiner Füße werde ich herrlich machen. Und gehen werden zu dir tiefgebückt die Söhne derer, welche dich gepeinigt, und zu den Sohlen deiner Füße werfen sich nieder Alle, welche dich verachtet, und nennen dich: Stadt des Herrn, Sion des Heiligen Israels." Dafür, daß du verlassen warst und gehaßt, und Niemand war, der dich durchwanderte, mache ich dich zum Stolze der Weltalter, zur Wonne von Geschlecht zu Geschlecht, und du wirst trinken die Milch von Nationen, und an der Brust der Könige wirst du gesäugt, und wirst inne werden, daß ich bin der Herr, dein Retter, und dein Erlöser, der Starke Jakobs. Statt des Erzes bringe ich Gold, und statt des Eisens bringe ich Silber, und statt des Holzes Erz und statt der Steine Eisen, und ich sehe zu deiner Aufsicht den Frieden, und als deine Vorsteher — Gerechtigkeit 187.

Eine berechtigte zielhafte Linie auf jenem königlich breiten und weiten Wege der Kirche wird einschlagen, wer etwa dem stillen Werdegang folgend, wie ihn Natur ringsum ablesen läßt, die von der Neuzeit massenhaft gebotenen und sie bewegenden Bildungsstoffe zunächst dem ursprünglichen Thomas zuführen, dem Texte desselben mit unmittelbarer Lebendigkeit angliedern möchte. Denn wenn ein Höhepunkt menschlicher Intelligenz und Cultur wie Thomas von Natur darauf angelegt

ist, mit allem Späteren in naturkräftige Beziehungen zu treten, dann wird auf dieser Linie eine ebenso vorsichtige, allem Katastrophalen abholde wie ächt organische, fruchtbare und zeitgemäße Aufbauung, Ausbildung und Ausweitung der Lehrweisheit des Thomas erzielt. Es ist ein neuer, aber der wurzelächte Thomas, zahlreiche Verästelungen werden herrlich ausgewachsen sein, große heutige Lebensgebiete überschattend, andere sind zurückgeblieben, aus dem urgesunden Mark schossen einige frische Triebe. Auch heischt unbefangene Schätzung die Thatsache, daß dieser Pfad von der päpstlichen Encyklika zunächst aufgemacht und wohlbegünstigt ist. Manche wird zum Bevorzugen und Beschreiten desselben das innigzarte Licht ächtmenschlicher Bescheidenheit locken, das aus ihm schimmert, vielleicht auch der Umstand, daß solche ruhige Geschichtlichkeit in deutscher Eigenart liegt. Besonders aber wird, wer so vorwandert, zum Pionier des wissenschaftlichen thomistischen Textstudiums für die Modernen.

Später, wenn der Proceß der An- und Aufnahme des Neuen vollzogen, wenn Thomas der heutigen Welt vertraut geworden ist, wird um so leichter und wirksamer eine freiere Bewegung in großem Stil sich ermöglichen lassen, völlige Bewältigung in umfassenden, für die Jeztzeit vielleicht abschlüßlichen Neuschöpfungen. Das zwanzigste Jahrhundert mag nachweisen, daß der Papst, der Thomas' Textstudium anrieth, gewaltig Bahn gebrochen, wie anderwärts in socialem, so auch in theoretischem Betracht.

Immerhin darf der mit edlem Kampfesmuthe vordrängenden Richtung, welche die absolute Wahrheit der katholischen Religion nachdrucksam betont und mitten aus dem feindlichen Weltboden heraus zu neuen selbständigen Gestaltungen der kirchlichen Wissenschaft strebt, in Brüderlichkeit zugerufen werden, daß jawohl objective Berechtigung dem Gedanken innewohnt, der Gottmensch könne in seiner Kirche einen Menschen so herrlich ausgezeichnet, begabt und beeinflußzt haben, wie die Päpste Thomas preisen. Auf einen Solchen könnte allerdings vollvernünftig und im Geiste Papst Leo's XIII. die seiner eigenen Epoche folgende Culturzeit mit ihren neuen Schäßen in principieller Treue ein

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