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durch eine form wie ellu und durch das fehlen des i auch bei den ja-stämmen (mâru etc.) bewiesen wird, dass auch dem Otfridschen u durchaus ein iu vorherging. Wir haben also als die ältesten erreichbaren formen blint (identisch mit got. blinda) und die neubildung blintiu anzusetzen.

In der behandlung dieser endung iu ist aber ein unterschied zwischen dem fränkischen und den oberdeutschen mundarten zu constatieren. Die ursprüngliche betonung dieser endung war ohne zweifel iú, das heisst, das i war der halbvocal j. Demgemäss war zu erwarten, dass in eben dem maasse, in welchem die i in den übrigen ableitungen mit ja schwanden, auch das dieser endung sich verlor. So ist es in der tat im fränkischen. Im Weissenburger katechismus gibt es noch guodiu (8) und redihaftiu (93), ebenso wie I. sing. gilaubiu (43), ellies (32) etc. Bei dem späteren Otfrid aber ist dieses i durchaus geschwunden: es heisst guatu, scônu, ebenso wie I. sing. giloubu, gihôru. Desgleichen ist im T. das i dieser adjectivendungen in dem grade geschwunden, wie diess auch bei den übrigen endungen auf iu der fall ist; vgl. Sievers s. 24, 25 mit s. 47; statt an letzterer stelle hätte das in des adjectivs zusammen mit den andern gleichen endungen s. 24, 25 besprochen werden sollen. Weil nun im fränkisch-mitteldeutschen sprachgebiete iu im adjectiv ebensogut in u überging wie z. b. iu in der I. sing. der verba auf jan, so wurde es auch eben so schnell zu e geschwächt wie dieses; wir haben darin den grund der erscheinung, dass zur mhd. zeit in diesen gebieten kein iu im adjectiv erscheint: es heisst schon im Arnsteiner Marienleich (Dm. 38) alle dinc 104, alle craft 106, alle duse werlet etc., ebenso in den hierher gehörigen denkmälern des 12. jahrhunderts, z. b. im grafen Rudolf (vgl. Grimm 2 s. 7), in der dem südfränkischen dialekt zugehörigen StrassburgMolsheimer hs. (für den Alexander vgl. Weismann I. p. XCIV). Wir sehen also die voraussetzung dieser mitteldeutschen spracheigentümlichkeit schon bei O. und T. entwickelt.

Anders in Oberdeutschland. Hier ist auffälligerweise aus dem ursprünglichen iú durch accentversetzung ein iu geworden, oder (um es mit der geläufigen terminologie *) auszudrücken)

*) Diese kann jedoch bei der gewöhnlichen vorstellung vom j leicht

ju ist in den diphthongen iu übergegangen. Wir werden wol nicht fehlgreifen, wenn wir hierin die einwirkung des artikels diu sehen. So war nun das iu vor allem die übrigen ableitungs-i betreffenden schwunde sichergestellt, es war dem iu der stammsilben gleichgeworden, hatte mit demselben gleiche schicksale (bair. eu) und wird auch wie dieses bei N. iu accentuiert.

Wenn es nun feststeht, dass die älteste erreichbare endung neben dem organischen blint im ganzen hochdeutschen gebiete blintiú (blintju) ist, so haben wir jetzt zu fragen, ob und wie wir diese neubildung erklären können.

Den lautgesetzen gemäss wurde aus dem got. blinda (n. s. fem. und plur. neutr.) zunächst (*blinto), *blintu, aus got. midja ein mittiu; die diesen entsprechenden formen mit u liegen im alts. und ags. noch zahlreich vor. Für die ja-stämme hätten wir in mittiu ohne weiteres die gesuchte form, wenn nicht im ahd. das gesetz durchgriffe, welches im alts. und ags. nur in besonderen fällen gilt, dass das aus got. a entstandene u in diesen casus abfällt. Wir erhalten so die regelrechten und wirklich vorhandenen formen blint und mitti, und es scheint sonach auch mittiu verloren zu gehen. Das substantivum kann uns hier den richtigen weg zeigen. Allerdings kann nur das neutr. plur. in betracht kommen, da der ursprüngliche nom. fem. durch den acc. verdrängt ist (vgl. s. 160, anm.). Das got. vaurda, kunja gibt zunächst ahd. wortu und cunniu. Daraus werden nach dem eben erwähnten gesetze die gewöhnlichen ahd. formen wort und cunni. Während aber der abfall des u bei den a-stämmen so strict durchgeführt ist, dass Dietrich (p. 6, 7) nur wenige, nicht einmal durchweg sichere *) beispiele des älteren standes auftreiben konnte, finden sich bei den jastämmen die fälle der erhaltung des u nicht selten. Den von Dietrich p. 6 aufgeführten stancfazziliu, effiliu (Rb.), kenestidiu (gl. St. Paul.), funtanissu (gl. Jun.) füge ich hinzu: meremanniu

irre führen. Wir haben es im ahd. nur mit dem unbetonten vocal i zu tun, der eben dadurch vor einem betonten vocale als halbvocal erscheint, nie mit einem j in unserem sinne. Man sollte deshalb nicht den ahd. texten formen wie suntja statt suntia aufoctroyieren, während man das gleichwertige e in suntea, uuilleono ruhig stehen lässt.

*) chindo Is. ist bestimmt als gen. plur. aufzufassen.

(Physiol. Dm. 82, 5, 2), orchussiu (Bib. 11 bei Graff IV, 524) und aus N. stucchiu II, 496, eimberiu M. C. 278 (sing. taz eimberi 279a). Besonders häufig ist iu bei den diminutiven auf li, die von Weinhold, alem. gr. s. 234 gegebenen beispiele lassen sich noch vermehren. *) Erwägt man nun dazu, dass im dialekt des T. das u nur bei den neutralen a-stämmen abgefallen, bei den ja-stämmen aber erhalten ist, so wird man zu dem schlusse kommen, dass der abfall des u, welcher sich im sächs. nach länge oder kürze der stammsilbe richtete, sich im ahd. (natürlich in einer vor unsern denkmälern liegenden zeit) nach dem unterschiede der a- und ja-stämme richtete. Dasselbe verhältnis auf die adjectiva angewendet gibt blint, aber mittiu. Da nun aber die adjectiva, besonders wenn sie ohne artikel beim substantiv standen, einer bezeichnenden endung nicht entraten mochten, so wurde das iu der ja-stämme auch den endungslosen a-stämmen angehängt. Diese hatten nun zwei formen: blintiu und das organische blint, die jastämme aber nur eine mittiu. Doppelformen besass man jetzt bei den a-stämmen im nom. sing. aller genera und im nom. plur. neutr., bei den ja-stämmen nur im nom. sing. masc. und neutr.: mitti neben mittêr und mittaz. Das sprachgefühl gewöhnte sich nun daran, in den nominativen zwei formen vorrätig zu haben, und, indem besonders im praedicativen gebrauch die kürzere form sich festsetzte, machte man sich für die nominative, welche keine organische endungslose nebenform hatten, durch übertragung eine solche zurecht. Es wurde also im nom. plur. masc. und fem. statt blinte, blinto in praedicativer stellung ebenso blint angewant und bei den ja-stämmen ausserdem statt mittiu das im masc. und neutr. vorhandene mitti. So weit die vorgeschichte der endung iu, die weitere entwicklung vom eintritt unserer denkmäler an haben wir schon besprochen.

*) louuiliu Bib. 11, Grff. II, 32, gibundiliu Bib. 10, Diutisca III, 424, snuorliu D. III, 427; gruobiliu Bib. 10 u. 13, Diut. III, 423 und II, 45a. W. BRAUNE.

LEIPZIG.

NACHTRAG ZUR BENEDICTINERREGEL.

(Vgl. bd. I, 402-485.)

Steinmeyer hat in seinem aufsatze 'Sangallensia' (in der zeitschr. f. deutsch. altert. XVII, pag. 431 ff.) eine neue genaue collation des St. Galler codex 916, der die benedictinerregel enthält, gegeben. Danach hat sich die Hattemersche ausgabe als eine sehr sorgfältige und zuverlässige erwiesen. Für den grammatisch-statistischen teil der in bd. I dieser beiträge pag. 402 ff. enthaltenen abhandlung ergeben sich daher nur wenige änderungen, die ich im folgenden zusammenstelle. S. 408, z. 29 u. 30. inhuctlicho 60,1 ist mit hch geschrieben; also 48 und 62 mal.

S. 409, z. 9. hch steht auch in ahchust 82,2 und kimahcher 111,1, also 85 mal.

S. 412, z. 9. für kiworban steht 79 kihworban; diess ist also neben hwassi die zweite ausnahme.

S. 417, z. 34. sceidan 118,2 ist zu streichen, da es nach der regel mit sk geschrieben ist.

S. 418, z. 17. kebétan 81,2 (87,2 ist druckfehler) ist zu streichen, da es nach der regel mit p geschrieben ist.

S. 422, z. 8. scauoen 86, zu streichen, weil scauuoen geschrieben. Z. 23. piscauuuohe bestätigt.

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S. 423, z. 13. auch 92,1 steht inbizzes, also 6 mal im-, 3 mal in-.Z. 31. kespannan 122,2 fällt weg, weil mit einem n geschrieben. Z. 38. kernnissa auch 69,2. Z. 39. durufttigôn auch 83,2, notduruftti 83,1. Daher ist auf s. 424, z. 2 zuzusetzen 82-84 und auf s. 477, z. 5 zwischen 3 und 7 noch 5 einzuschieben.

S. 424, z. 11. zua-aerfultiu fällt weg, weil zuaerf. geschrieben.

S. 426, z. 20. ubana 91 ist in obana corrigiert, war also sicher nur schreibfehler.

S. 435, z. 29. deonoostman 86,1 kommt hinzu, also 15 mal. S. 438, z. 8. es kommt hinzu ruavo] (aber in -a corrigiert) 30,2, also 4 mal.

S. 446, z. 1. imo 77 fällt weg, da imv geschrieben; z. 35 pidio 79, da pidiu geschrieben.

S. 448, z. 35. das eine ka fällt weg. arlaube 83,1.

-

ebenso

Z. 36. ar auch in

S. 451, z. 8. für anao 57 ist Steinm. geneigt anoo zu lesen. Z. 38. das auffallende kelidet 78 scheint Steinm. in kelidit corrigiert.

S. 453, z. 32. St. bestätigt piwerie.

S. 459, z. 37. Hattemer hat sich in der tat verlesen: es steht ketaan da.

Der störende schatten (Zarncke im literar. Centralblatt 1874, sp. 602) wäre also hiermit beseitigt.

Zur weiteren zurückdatierung bin ich nicht, wie Zarncke meint, durch die unselbständigkeit der deutschen übersetzung, die ja bei einer interlinearversion selbstverständlich ist, veranlasst, sondern durch die enorme unkenntnis des lateinischen, die ich in teil II nachgewiesen habe.

Für teil III ist das von gröster wichtigkeit, was Steinmeyer a. a. o. s. 432 über die verschiedenen hände angibt. Er hat sich nämlich das grosse verdienst erworben und nun endlich in dieser sache, soweit diess möglich ist, klarheit geschafft. Danach sind von erster hand geschrieben die abschnitte 1, 4, 5, 6, 8, das letzte stück von 9 (von s. 111, 127 der hdschr., an) und, da bei s. 116, 135 der hdschr., die schrift nicht wechselt, auch 10. Von zweiter hand stammt nur der kleine abschnitt 2, von dritter der anfang von 3 und 7. Die frage nach den schreibern ist also, so weit möglich, erledigt.

In betreff des originals hält Steinmeyer seine zeitschr. f. d. alt. XVI, 131 ff. aufgestellte ansicht fest, dass dasselbe von zwei verfassern herrühre, deren einer 1, 2, 4, 6, 8, 10, der andere 3, 5, 7, 9 angefertigt habe.

Die bedenken gegen diese ansicht sind schon bd. I, s. 477 bis 479 geltend gemacht worden; es sind diess die zum teil bedeutenden orthographischen unterschiede zwischen abschnitten,

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