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in E, die sich in ihrem tone an echte str. anschliessen, müssen wir doch wol annehmen, dass sie erst ziemlich spät, nachdem die lieder bereits in sammlungen vereinigt waren, hineininterpoliert sind, wenn auch nicht erst in der hs. E, so doch in ihren nächsten quellen, eben weil sie in den andern überlieferungen fehlen. Insbesondere müsten wir in diesem falle annehmen, dass die interpolation erst stattgefunden hätte, nachdem die str. sub 1 und 2 bereits in einer sammlung der lieder Walthers beisammen standen, da sonst die identität des interpolators kaum begreiflich wäre. Und jedenfalls wenn auch einzelne str. schon früher während der schriftlichen oder mündlichen tradition der einzelnen lieder eingefügt sein mögen, immer war es natürlich die absicht der verfasser, die zusätze nicht als ihr dichterisches eigentum, sondern als das werk Walthers gelten zu lassen. Als eine in solcher absicht verfasste interpolation können wir nun aber die in frage kommenden str. nicht betrachten, da der dichter dieselben selbst als sein eigentum vorgetragen hat. Denn wenn er in der ersten der beiden später gedichteten str. sagt, dass er durch die frühere str. sich den hass derjenigen zugezogen habe, welche der falschen minne ergeben sind, so geht daraus klar hervor, dass er als verfasser der älteren str. dem publikum bekannt ist und sich als verfasser der späteren bekennt. Wir müsten dann also annehmen, dass ein uns sonst unbekannter dichter gegen die gute sitte seiner zeit zu den drei von uns allein noch als sein eigentum zu erkennenden str. die töne von Walther und Hartmann gestohlen habe, und diese str. müssten dann zufällig bloss wegen der gleichheit des baues in der sammlung E mit den liedern Walthers verbunden sein. Wir kommen auf diese weise zur annahme vou unwahrscheinlichkeiten, die durch keine analogie zu entschuldigen sein werden, deren wir aber sofort enthoben sind, wenn wir diese drei str. Walther beilegen. Sie zeigen in ton und haltung nichts, was dem widersprechen könnte. Auch Wilmanns findet den schluss der zweiten der beiden zusammenhängenden str. 'ganz in Walthers art'. Welcher andere dichter hätte auch wol den stolzen ausspruch tun dürfen ez gât diu werlt wol halbe an mînen rât. Der eigentliche grund für Lachmanns athetese ist nur der versschluss tet ich. Dieser grund kann nur für den massgebend sein, welcher

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PAUL ZU HARTMANNS LIEDERN.

Lachmanns metrische regeln für etwas unanfechtbar feststehendes hält, wogegen jeder andere kritische grundsatz seine geltung verliert. Haben wir diesen standpunkt überwunden, so hindert uns nichts, wir haben im gegenteil allen grund dazu die fraglichen str. als Walthers eigentum anzuerkennen. Damit sind wir aber nach den oben gegebenen ausführungen genötigt auch die str. sub 2 Walther, nicht Hartmann zuzuweisen. Dazu stimmt nun auch, dass der reim vernam: gewan wol bei Walther, nicht aber bei Hartmann analogien findet cf. Lachm. zu Walth. 120, 24. Der reim gewan: benam Er. 3648, womit Bech und Heinzel die verfasserschaft Hartmanns retten wollen, beruht auf unnötiger conjectur. Ich mache noch besonders darauf aufmerksam, dass den an und für sich sehr misslichen combinationen über die minneverhältnisse Hartmanns, welche an dies lied MSF 214, 34 geknüpft sind, der boden gänzlich entzogen wird, wenn wir es Walther zuweisen müssen. Ueber die echtheit der noch übrig bleibenden str. Lachm. Walth. 120, 16 möchte ich mich nicht bestimmt entscheiden.

FREIBURG i/Br.

H. PAUL.

Halle, Druck von E. Karras.

JUDAS ISCHARIOTH

IN LEGENDE UND SAGE DES MITTELALTERS.

In durchaus einfacher und schmuckloser rede erzählt die heilige schrift die gefangennahme und die kreuzigung Christi; sie lässt die tatsachen bloss durch sich selbst wirken. Gegen den verräter Judas lässt sie weder ein wort des tadels laut werden, noch bemüht sie sich, seine handlungsweise zu motivieren. Um so mehr spielraum war hier der phantasie des mittelalters dargeboten. Auf der einen seite wurde die erzählung der bibel selbst durch allerlei kleine züge vermehrt, auf der andern wurden die spärlichen nachrichten, die wir über Judas besitzen, zu einer vollständigen biographie ergänzt; ausserdem bemühte man sich, wie wir sehen werden, die höllenstrafen des Judas möglichst schauerlich auszumalen.

Was nun zunächst die direct an die bibel anschliessenden traditionen betrifft, so muste vor allen dingen die legende bei dem bestreben nachhelfen, einen grund für den verrat aufzufinden. In der bibel war bekanntlich bloss erzählt, Judas sei zu den hohenpriestern gegangen und habe ihnen angeboten, Christum zu verraten. Das einzige nachteilige, das vorher von Judas erzählt wird, ist, dass er, als Christus in Bethanien bei Lazarus war, Maria getadelt habe, weil sie sich zur salbung Christi einer, wie er sagte, allzukostbaren salbe bediente.1) Judas soll den verkauf der salbe um 300 groschen angeraten haben, wie er selbst sagte, um diese summe unter die armen

1) Joh. 12. 4—6. Jedoch ist Johannes der einzige, der diesen vorwurf speciell dem Judas in den mund legt; Marcus (14. 4) und Matthäus (26. 8) drücken sich allgemein aus.

Beiträge zur geschichte der deutschen sprache. II.

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zu verteilen, in wirklichkeit aber, weil er sie unterschlagen wollte. Diese begebenheit wurde nun mit dem verrat in zusammenhang gebracht. Es entstand die tradition, Judas habe als kassenführer von allen einnahmen ein zehntel sich angeeignet; um sich nun für den verlust der 300 groschen schadlos zu halten, habe er Christum für 30 groschen verkauft. 1) Diese tradition steht aber in directem widerspruch mit der heiligen schrift, welche bei der erzählung der scene im hause des Lazarus von 300 groschen (denaren), bei angabe des verräterlohnes aber von 30 silberlingen (άorúpia) 2) spricht. Die Towneley - mysteries, in welchen Judas in einer langen rede vor dem synedrium auseinandersetzt, dass er Christum aus dem angegebenen grunde verraten wolle, sprechen von 300 pfund. 3) Die dreissig silberlinge, welche den preis des verrates bildeten, wurden selbst der mittelpunkt einer eigentümlichen und vielverbreiteten sage. Sie zeigt, wie alle gelehrten sagen, die tendenz, den gegenstand bis zu seinen äussersten anfängen zurück zu verfolgen. Es wurde gefabelt, die silberlinge hätten ursprünglich Tharah, dem vater Abrahams gehört und Abraham hätte sie zum ankaufe des familiengrabes verwendet. Wenn die sage so weit zurückgriff, so liess sie sich natürlich auch nicht die gelegenheit entgehn, die 30 silberlinge als lohn für den verkauf Josephs zu bezeichnen; es lag ja sehr nahe, diesen verrat mit dem verrat Christi in zusammenhang zu bringen, da derselbe zur erhöhung Josephs und zur rettung der Israeliten aus der hungersnot ebenso notwendig

1) In dem mittelniederländischen osterspiel (mitgeteilt von Zacher in Haupts zeitschrift II, 346) wird die sache so dargestellt, dass Judas als kemerere rechtmässig einen anteil von einem zehntel gehabt habe. 2) Matth. 26, 15.

3) Towneley-Mysteries. London 1836 für die Surtee-Society. p. 176 f. Die legenda aurea sucht auch die verschiedenen versionen zu vereinigen. Sie sagt bei erzählung der legende von Judas (p. 184-86 ed. Graesse): Dolens vero tempore dominicae passionis, quod unguentum, quod trecentos denarios valebat, non fuerat venditum, ut illos etiam denarios furaretur, abiit et dominum triginta denariis vendidit, quorum unusquisque valebat decem denarios usuales et damnum unguenti denariorum recompensavit; vel, ut quidam ajunt, omnium, quae pro Christo dabantur, decimam partem furabatur et ideo pro decima parte quam in unguento amiserat, scilicet pro triginta denariis, dominum vendidit.

war, wie der verrat des Judas zur erlösung der menschheit durch Christum. 1) Die geschichte der silberlinge bis zur zeit Christi wurde durch Gottfried von Viterbo poetisch behandelt.2) Auch in der legende vom heiligen Orendel kommen die silberlinge vor; es wird dort erzählt, dass sie der preis waren, um welchen Orendel dem fischer den heiligen rock Christi abkaufte.

Was nun den weiteren verlauf der passion betrifft, so bemühte man sich, überall etwas ungünstiges gegen Judas herauszulesen, auch da, wo die heilige schrift nicht einmal von ihm spricht. Besonders stark ist darin Abraham a Santa Clara in seinem grossen werke 'Judas der erzschelm'.3) Da er in diesem umfangreichen buche bestrebt ist, alle möglichen sünden und verbrechen an dem beispiele des Judas darzustellen und zu erläutern, so kommt es ihm gar nicht darauf an, eine sünde, welche weder die bibel noch die tradition von Judas berichtet, demselben einfach anzudichten oder, wenn der ausdruck erlaubt ist, anzuinterpretieren. So folgert er daraus, dass Judas Christum zum jüngern hohenpriester, Kaiphas, anstatt zum ältern, Annas, führte, Judas habe keine ehrfurcht vor dem alter gehabt.4) Bei erzählung der fusswaschung sagt er, Judas werde sich jedenfalls bei derselben den ersten platz angemasst haben und knüpft hieran eine längere auseinandersetzung über die grobheit.5) Für unsern zweck ist das werk Abrahams dadurch von besonderer bedeutung, dass der verfasser im laufe der darstellung sehr oft mit grosser belesenheit stellen aus älteren kirchenschriftstellern citiert, welche deutlich zeigen, wie viel die willkürliche interpretation der heil. schrift

1) Ueber diese typologische auffassung der erzählung von Josephs verkauf vgl. Isidorus, allegoriae sacrae scripturae. Ausg. von Arevalo vol. V pag. 125.

2) Abgedruckt bei Du Méril, poesies populaires latines du moyen âge pag. 321 ff. Ueber ein denselben gegenstand behandelndes catalonisches gedicht cf. Milà y Fontanals in Eberts jahrbuch für romanische und englische literatur V, pag. 137 anm.

3) Judas der Erzschelm für ehrliche Leuth oder eigentlicher Entwurff und Lebensbeschreibung dess Ischariothischen Bösewichts etc. vol. I, II, III. Bonn 1687, vol. IV Salzburg 1695.

4) vol. IV pag. 263.
5) vol. II pag. 215.

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