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s. 24): 'Doch werden in Niederdeutschland sehr viele kürzen noch als kürzen gesprochen, freilich mit hinzunahme der aspirata [d. h. des reibelautes] statt der media im auslaute: tag (gesprochen tach), sprach u. dgl., oder der geminierung der tenuis: bad (gespr. batt), grab (grapp), gab (gapp).'

Wenn Andresen u. a. gegen nhd. schreibungen wie steLLt, stiLL u. s. w. zu felde ziehen und steLt, stil fordern, während sie steLLen, stiLLe unangefochten lassen, so muss man sich selbstverständlich vor der schnöden verdächtigung hüten, sie nähmen dabei eine der wissenschaft unwürdige rücksicht auf die heutige sprache: sie wollen damit nicht sagen, dass im nhd. stellen, stille das LL irgendwie anders klinge als das L in stelt, stil, sondern beabsichtigen weiter nichts, als die orthographie unserer mhd. drucke nachzumalen.

Wenn es einzelne gegenden gibt, welche, wie z. b. die Schweiz und das Rheinland, in einfachen wörtern lange mitlauter hören lassen, so ist doch zu beachten, dass auch diese mit der üblichen auffassung nur schlecht übereinstimmen. Angeblich ist ein mitlauter im nhd. nur dann gedehnt, wenn er zwischen zwei selbstlautern steht, deren erster kurz und stark ist, nicht aber im auslaut und nicht vor und nach einem andern mitlauter, z. b. wol tsin'a (zinne), däk'un (deckung), fardum'un (verdummung), thaša (tasche), räc'n (rechen), kxas'ə (kasse) u. s. w., nicht aber tsin' (zinn), gədäk' (gedeck), dùm' (dumm), raš (rasch), fräç' (frech), fas' (fass), hùn’də (hunde), fän'stər (fenster), halt'ə (halte), laute (laute), lamp'ə (lampe), kynaip'a (kneipe) u. s. w. Aber jene gegenden dehnen entweder gewisse mitlauter nach etymologischen rücksichten in jeder stellung, oder sie lassen im inlaut nach kurzem starkem selbstlauter nur lange mitlauter zu, auch wenn unmittelbar darauf ein anderer mitlauter folgt.

In den allermeisten deutschen mundarten ist die abneigung gegen lange mitlauter so gross, dass diese sogar in folgenden fällen vermieden werden. Wenn ein mitlauter den auslaut eines wortes und den anlaut des unmittelbar folgenden bildet, sollte er, da es niemandem einfällt, irgend eine pause einzuschieben und den laut zwei mal zu sprechen, nur einmal, aber gedehnt auftreten, wie im indischen -ă ǎ-, -Ĭ Ĭ-, -ŭ ŭ- zu -ā-, -ī-, -ū- wird; z. b. w achtthurm, annageln, mittheilen,

schnellläufer, armmünze, laub prasselt, weit treiben, schlaf folgt, schmuck kleidet, haijagd, zwei jahre, sei jugendlich sollte sein: wayť hùrm, an'ágin, miť ́hailn, sʻnäl′öüfər, arm'üntsə, làu p'rraslt1), wai tṛraibn, slá f'òlkt, § mù k'llaidǝt, haiakt, tswa iárə, fa iúgntlic wie Brücke (Ueber eine neue Methode der phonetischen Transscription, Wien 1863, s. 42), Krönig (s. oben s. 566), Merkel (Anatomie und Physiologie des menschlichen Stimm- und Sprachorgans, Leipz. 1857, s. 915 f.), Benedix (Der mündliche Vortrag, Leipz. 1868, I, s. 62. 63. 65 u. s. w.) bezeugen. Aber gewöhnlich geschieht dies nicht und formen wie araiçn (erreichen), tsaraisə (zerreisse), fəraifə (verreise), kyaufaṛthai (kauffarthei), fórükt (vorrückt), héraux (heerrauch), filipen (vielliebchen), tsílós (ziellos), anémn (annehmen), sifart (schiffahrt), stalàthärnə (stalllaterne), wòlùst (wollust) n. s. w. sind die vorherschenden. Benedix sagt ausdrücklich, man höre oft rieb rot statt rieb brot (d. h. wer mit den Süd- und Mitteldeutschen prót statt des nhd. und norddeutschen brót verwendet, spricht rip rót statt ri p'rót), laub rasselt statt laub prasselt (dies ist nur dann möglich, wenn man im anlaut nach süd- und mitteldeutscher weise pr statt phr oder prr spricht), feucht rinnen statt feucht drinnen, gebet ringt statt gebet dringt, weit reiben statt weit treiben, haut heilen statt haut teilen, schla folgt statt schlaf folgt, ruh ringsum statt ruhr ringsum, stroh messen oder strom essen statt strom messen u. S. W. Van den Bergh (Jahns Jahrb. 1867, II, s. 347 f.) setzt hat die = hă dĭ und bemerkt dazu, dass im älteren deutsch beim zusammentreffen zweier T-laute nicht selten nur einer geschrieben werde: wiltu, wirstu u. s. w. 'In der tat, völlig wie eins gesprochen, verursachen dergleichen zusammenstossende consonanten durchaus keine position oder kakophonie. Freilich kann man sie so aussprechen, dass beide consonanten zur geltung kommen und also position machen,

1) Es versteht sich von selbst, dass der weisse raum, welcher zwischen den einzelnen wortbildern leer bleibt, für die laute nicht die allermindeste bedeutung hat; z. b. aspra m, aspr am, asp ram, as pram, a spram sind genau gleich zu sprechen, d. h. immer wie aspram. Ueber und 7 s. Kuhns Zeitschr. XXI, s. 59 f.

aber eben so wahr ist, dass man es auch bei correcter aussprache ohne schaden bei einem consonanten bewenden lassen kann und dies in der conversation regelmässig tut.'

Die kürzung der einst unzweifelhaft vorhandenen langen mitlauter, zu welcher die dehnung der kurzen selbstlauter ein seltsames gegenstück liefert1), spiegelt sich in der geschichte der nhd. orthographie deutlich genug wider. Im XIV. bis XVI. jahrhundert wurden die consonantenzeichen beinahe nach jedem kurzen selbstlauter auch in den nebensilben verdoppelt; z. b. in Luthers geleitbrief nach Worms steht: Karl von gottes gnadenn Erwelterr Rhomischerr Keysserr, Zu allenn tzeittenn Mherer Des Reichs... Dann Wir Dich bei Dem obgemelten unnssernn gelaitt vesstiklich handt habenn wellenn u. s. w. Anderswo findet man: vornn, andernn, wörternn, phalltzgraven, sturmm, ummb, hanndt, krannckheit, ertrennckt, sprunng u. s. w. u. s. w. Vergleicht man diese schreibung mit dem lautstand der meisten heutigen mundarten, so kann nicht der mindeste zweifel darüber bestehen, dass damals die alten LL, RR, NN u. s. w. in vielen gegenden mit verlust ihrer ursprünglichen bedeutung lediglich als kürzezeichen für den vorhergehenden selbstlauter galten, gerade wie die alten H im inlaut und auslaut bloss als dehnungszeichen in die nhd. orthographie übergingen (s. Kuhns Zeitschr. XXI, s. 53 f.).

Auch in anderen sprachen findet man die abneigung gegen lange mitlauter. Das französische besitzt beinahe keine mehr ausser denjenigen, welche durch zusammenstossen von gleichem aus- und anlaut entstehen. Wenn der Portugiese seine consonantenzeichen oft verdoppelt, so geschieht dies bloss der älteren orthographie zu lieb, keineswegs mit rücksicht auf die heutige sprache (Diez, rom. Gr. 1870, I, s. 380 f.). Das Spanische dehnte im XVI. jahrhundert bloss noch das S (Diez I,

1) Wenn man annimmt, im altdeutschen sei die länge so schleppend gewesen wie in einigen der heutigen mundarten, so hätten wir in den übrigen auch für die langen selbstlauter eine gewisse kürzung anzunehmen. Aber auch dann ist es befremdlich, dass mundarten, welche doch immerhin zwischen langen und kurzen selbstlautern scharf unterscheiden und die alten langen mitlauter zu ganz entschiedenen kürzen gemacht haben, dennoch viele alte kurze selbstlauter dehnen.

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s. 359); jetzt ist auch dieses der allgemeinen strömung erlegen, welche in der neueren zeit durch verbannung aller verdoppelungen (ausser NN in zusammengesetzten wörtern) auch von der orthographie anerkannt worden ist (CC kp, und RR, welches sich dem klange nach von R unterscheiden soll, sind natürlich nicht als ausnahmen zu betrachten). Die provençalische orthographie bevorzugt ebenfalls die einfache schreibung (Diez I, s. 399), was als abweichung von der lateinischen überlieferung nur durch die sprache bedingt sein kann. Die Rumänen schreiben nie doppelbuchstaben; doch kann dies slavischer einfluss sein, so dass für die sprache nichts daraus zu schliessen ist. Wenn im Ormulum die verdoppelung der consonantenzeichen nach kurzem selbstlauter streng durchgeführt ist, z. b. Wallterr, affterr, annd, Crisstenndom, þurrh, fulluhht, trowwpe, Ennglissh, pohhtesst, wipp u. s. w., so geht daraus hervor, dass wenigstens in gewissen gegenden Englands die prosodische veränderung der langen mitlauter spätestens schon im XIII. jahrhundert eingetreten ist; ob sie sich heute über das ganze sprachgebiet erstreckt, vermag ich nicht zu entscheiden, da es mir an zuverlässigen beobachtungen fehlt.

Was das alter der deutschen mitlauterverkürzung betrifft, so versteht es sich hier wie in allen lautgeschichtlichen dingen von selbst, dass einzelne gegenden den übrigen vorausgeeilt sind; andere, wie z. b. die Schweiz, haben noch heute das alte bewahrt. Schon in der ahd. orthographie sehen wir nach anderen mitlautern und nach langen selbstlautern die verkürzung bevorzugt. Im XIV. jahrhundert erscheinen die etymologisch unberechtigten verdoppelungen als bezeichnung für die kürze der selbstlauter schon häufig, was also auf kürzung der ursprünglichen consonantenlängen hinweist. Natürlich war damals die neudeutsche dehnung der starken selbstlauter vor mitlautenden kürzen bereits eingetreten.

SAARGEMÜND.

J. F. KRÄUTER.

KLEINIGKEITEN.

1. Zu Walthers elegie.

Bei der frage nach Walthers heimat ist in den letzten jahren häufig seine elegie, wie Wilmanns treffend das lied Owê, war sint verswunden alliu mîniu jâr nennt, herbeigezogen worden, und so verschieden die antworten auf jene frage auszufallen pflegen, so übereinstimmend scheint man in der annahme zu sein, dass Walther dies lied gedichtet habe, als er nach langen jahren wider einmal in die heimat seiner kindheit gekommen sei und dort bis auf den lauf des flusses alles verändert gefunden habe.

Dieser annahme muss ich widersprechen.

Allerdings, eine anzahl verse legen jene auffassung recht nahe. Wenn Walther singt:

und ist mir unbekant

daz mir hievor was kündic als mîn ander hant;
liut unde lant, dâ ich von kinde bin erzogen,
die sint mir frömde reht, als ob ez sî gelogen;
die mîne gespilen wâren, die sint træge unt alt.
vereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt:
wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent flôz,

für wâr ich wânde mîn unglücke wurde grôz.
mich grüezet maneger trâge, der mich ê kande wol

so passen diese verse so ganz in jene situation, dass man es wol verzeihlich finden darf, wenn man sich durch diesen eindruck beeinflussen lässt und es übersieht, dass der zusammenhang diese deutung unmöglich macht.

Unmöglich gemacht aber wird sie durch das jenen versen voraufgehende wie durch das ihnen nachfolgende.

Zunächst durch die voraufgehenden verse.

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