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Das ist, wie ich glaube, bei unserem gedichte der fall. Ich gehe nun die von von der Leyen beanstandeten stellen einzeln durch und versuche die von ihm für die ausscheidung geltend gemachten gründe zu entkräften, sowie gegengründe für die unentbehrlichkeit mancher stelle innerhalb des gedanklichen zusammenhangs darzulegen. Ich lege dabei die reihenfolge der verse, nicht die vom herausgeber in der einleitung beliebte anordnung der stellen zu grunde.

25-34 (s. 34). von der Leyen sagt: 'vers 25 und 34 besagen ganz dasselbe ... Der inhalt von vers 25-34 ist daher: ich will anfangen und gott um hilfe bitten; und da mir gott verheissen hat, er wolle mein gebet erhören, so will ich eben anfangen. Einen solchen zirkel macht Hartmann niemals'. Er hat also den zusammenhang der gedanken nicht erkannt. Dass 25 und 34 nicht dasselbe besagen, zeigen schon die einleitenden partikeln iedoh und số. Der ganze passus scheint mir inhaltlich unentbehrlich. Hartmann sagt: 'hätte ich die nötige weisheit (18), so wollte ich den glauben, an den sich viele wertvolle erwägungen anknüpfen lassen (23), in angemessener weise (bescheidenliche 20, vgl. 1629) auslegen'. Der bescheidene laienbruder subintelligiert dabei: 'im besitz dieser weisheit bin ich aber nicht'. "Trotzdem (iedoh) will ich die rede beginnen; gott wird, wie er selbst verheissen hat, mir helfen; in dieser hoffnung will ich denn (số) getrost ans werk gehen' (ich glaube in understân einen rest der sinnlichen grund bedeutung zu fühlen). Inhaltlich ist also alles in bester ordnung; denn dass Hartmann den so wichtigen gedanken seiner unzulänglichkeit, göttliche probleme würdig zu behandeln, ein paar mal hin- und herwendet, darf uns nicht wunder nehmen; von der Leyen freilich sieht darin eine 'wichtigtuerei'. Seine schlussbemerkung verstehe ich nicht, wenn sie sich nicht auf das glossierende daz sprichit (29) beziehen soll; doch vgl. 751. 1109. 2368. 2908. 2954. 3014. Die äusserlichen gründe von der Leyens fallen auf anhieb. Wande steht sonst immer zur erläuterung des vordersatzes, hier (33) zur begründung des nachsatzes; daraufhin zu athetieren heisst einen starren schematismus in eine lebendige, von grammatikergesetzen noch unbeeinflusste sprache hineintragen, was auch in der textbehandlung vielfach geschehen ist; der herausgeber unterbindet

dem dichter jede freiere beweglichkeit und varietät des ausdrucks. Reiche belege für wande im vordersatz stehen im Mhd. wb. 3, 501 a, wo auch die an unserer stelle vorliegende satzverbindung wande só mehrfach bezeugt ist. Das vorkommen von hoffen war einer der lexikalischen beweise für Hartmanns mitteldeutsche heimat (Reissenberger s. 31). An unserer stelle (26) soll nun das oberdeutsche gedingen (wie auch 1511 dingen) in diesem sinne stehen. Das wort an sich ist nun weder dem mitteldeutschen überhaupt noch Hartmann im besondern fremd (vgl. s. 33 anm. 1; hier sind die übersetzungen zum teil recht sonderbar; z. b. war für 3128 auf grund von Mhd. wb. 1, 338 a eine andere bedeutung anzusetzen). Warum soll es gerade hier 'hoffen' bedeuten? Kann man diese einzelne bedeutungsnüance überhaupt so isolieren, dass man einem dichter den stamm in verschiedenen bedeutungsvarietäten zugesteht, diese eine aber abspaltet? Wer hat endlich bewiesen, dass (ge)dingen und hoffen im gleichen sinne mitteldeutsch nicht neben einander bestehen konnten? 26. 27 können ganz gut 'an den himmlischen gott will ich wegen hilfe appellieren' oder 'hilfe will ich mir vom himmlischen gott ausbedingen' übersetzt werden.

77-80 (s. 41). Hier nimmt der herausgeber ausser der nicht weiter auffallenden widerholung (79-83) daran anstoss, dass tût (79) auf zestunt (78) sich zurück bezieht und daher 'angefickt' sei, während er tût (83) wegen des vorhergehenden getete für 'berechtigt' erklärt. Er hat also nicht an die syntaktische regel gedacht, dass tuon ein vorangegangenes verbum ersetzen kann und dann die construction dieses verbums annimmt (Paul, Mhd. gr. § 386). Consequenterweise müsste er dann auch die beiden andern bei Hartmann noch vorkommenden fälle dieses gebrauchs, wo tuon ein vorhergehendes geschehen aufnimmt (725. 954), für interpolationen ansehen.

99-104 (s. 38) sollen wegen der anaphorischen widerholung der anfangsworte vil michil ist (89. 104) unecht sein und 'sind ohnehin noch vers 98 und 84 allzu ähnlich'. Diese widerholung aber ist, zumal sie auch 312 sich findet, nicht nur zweifellos beabsichtigt, sondern geradezu formelhaft (vgl. Kraus zu Baumg. Joh. 55). Die formel fehlt in von der Leyens formelverzeichnis wie so manche wendung, die hineingehörte, während eine ganze zahl von andern verbindungen sich zu unrecht darin findet. Beiträge zur geschichte der deutschen sprache. XXIV.

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105. 106 (s. 40) 'unterbrechen störend die vielen parallelismen und anaphern, die Hartmann in dieser partie absichtlich häuft'. Kurz vorher war die anapher ein grund zur athetese, hier wird das princip plötzlich umgekehrt. Die verse sind schon deshalb unentbehrlich, weil 105 eine zweifellos absichtliche parallele zu 125 enthält, was schon Reissenberger (s. 10) gesehen hat.

201. 202 (s. 40) sollen wegen des anklangs an 105. 106 fallen und verwischen die juristische färbung, die 200 und 203 ohne einschiebsel haben'. Der erste grund erledigt sich von selbst; auf die 'juristische färbung' muss ich mit ein paar worten eingehen. Von der Leyen hat (s. 5) herausgefunden, dass sich Hartmann mehrfach in wendungen bewegt, 'die nach dem ausweis der wörterbücher in der weltlichen rechtssprache beliebt sind'. Beweisen sollen das die acht wörter (nicht wendungen) eichenen, termenunge, getelinc, missehellen, veichen, reiten, verplegen und ingetûme. Die belege der lexica stammen allerdings zum teil aus rechtsquellen, geben uns aber keinerlei berechtigung, in diesen wörtern sozusagen juristische termini zu sehen, die ein dichter wie Hartmann der rechtssprache entlehnt haben müsste. Eichenen kommt nur in der Wiener Genesis vor, die kein rechtsbuch ist; veichen kennen in Hartmanns sinne nur die Hohenfurter Benedictinerregel und der Williram, widerum keine rechtsbücher; ingetûme hat auch Wernher von Elmendorf; einzig termenunge ist nur aus dem Kaiserrecht belegt; die übrigen wörter sind überall zu finden. Wenn es nun aber mit der 'juristischen färbung' von Hartmanns sprache so steht, dann erledigt sich auch der zweite einwand gegen unsere verse leicht.

229-234 (s. 39). Der herausgeber nimmt daran anstoss, dass das zweimalige er (229. 230) im nebensatze (232) durch das substantiv got aufgenommen wird. Schon die parallele 1486 zeigt, dass wir es hier mit einer formelhaft stereotypierten wendung zu tun haben, bei deren anwendung der dichter sich nicht erinnerte, dass das viele zeilen vorher stehende subject vater (222) ebenfalls auf gott geht. Warum die aufzählung von himmel und erde, meer und höllengrund 'ungeschickt' sein soll, vermag ich nicht einzusehen. Zudem wird der gedankliche fortschritt durch die athetese bedenklich gestört. Ohne sie ist alles in ordnung: gott hat seinem sohne die gewalt

über alles erschaffene gegeben; meer und hölle (also zwei der unergründlichsten dinge) kennt er genau, da er sie ja in seiner weisheit im anfang erschaffen hat. Dieser letzte causalsatz schwebt ohne 234 gänzlich in der luft.

299. 300 (s. 41). Warum gerade diese antithese interpoliert sein soll, die im zusammenhange nicht mehr und nicht weniger geschmackvoll ist als alle andern, ist nicht ersichtlich; denn das motiv des anklingens von liht (299) an lieht (297) ist doch nicht ernst zu nehmen. Der flickvers 300 scheint mir zwischen den gepaarten begriffen nicht schlechter als 298.

617-622 (s. 39). Auf von der Leyens metrische kriterien kann ich ein für allemal nicht eingehen, da seine behandlung dieser dinge (s. 45) den an eine rhythmische statistik zu stellenden ansprüchen nicht genügt. Von den metrischen tendenzen des gedichts hat er sich offenbar selbst kein klares bild gemacht, vielmehr bietet er an stelle einer nüchternen untersuchung phrasen (wie z. b. s. 52). Dass der inhalt dieser verse in einen streng logischen gedankenzusammenhang nicht ganz hineinpasst, kann man zugeben, ohne an interpolation zu denken: warum sollen wir dem dichter jedes abspringen des gedankens oder der empfindung vom geraden wege verübeln? So bleibt nur das zweimalige tubel (617. 619) als stein des anstosses: 619 könnte wider wie oben bei 232 eine stereotypierte wendung vorliegen (belege gibt Kraus zu Makkab. 101), doch hilft schon die annahme einer emphatischen anapher (ähnlich z. b. 1928. 1932. 1935. 1940) über die schwierigkeit hinweg, wenn es überhaupt eine gibt.

705-710 (s. 36). Hier wird dem dichter wider ein gedankensprung zum vorwurf gemacht. Aber lag es denn wirklich so fern, beim preise der Maria an den glanz zu erinnern, der von dem göttlichen sohne auf die mutter zurückstrahlte? Ist eine gedankenentwicklung wie diese: Maria war aus Davids geschlecht, nie hatte eine mutter einen mächtigeren sohn, diesen sohn gebar sie als jungfrau wirklich so 'unpassend'? Wenn die widerholung des reimworts ist (704. 710) athetesen begründen kann, dann müssen noch viel mehr zeilen des Credo verdammt werden. Welcher luftige turm endlich auf das wort werltkuning (706) gebaut worden ist, mag man bei dem herausgeber selber nachlesen.

714. 715 (s. 41) soll ein gelehrter zusatz sein, der aber doch nicht gelehrter ist als alle andern lateinischen verse innerhalb des deutschen contextes. Der gute reim lilium 713 : filium 716, der nach dem herausgeber hier durch den interpolator zerstört sein soll, sollte durch seinen genauen gleichklang eher verdächtig wirken.

805-808 (s. 40) sind nur durch gedankenvariation anstössig, also in wahrheit unverdächtig. Wie man den zeilen 807. 808 und 799. 800 denselben inhalt zuschreiben kann, weiss ich nicht.

982-985 (s. 40) werden aus dem nichtigen grunde beanstandet, dass der bericht des Marcus cap. 14 durch eine Lucasstelle (denn statt Marc. 9, 16 ist hier und s. 178 Luc. 9, 16 zu lesen) und eine stelle der Apostelgeschichte unterbrochen werde. Das erledigt sich ohne weiteres, da ja eine derartige contamination von verschiedenen bibelstellen doch wol dem dichter zuzutrauen ist. In der widerholung (982. 985) sehe ich nicht ein 'nicht weiter können', sondern emphase, wie schon oben in einem ähnlichen falle. Will man nicht absichtliche verquickung jener beiden motive annehmen, so könnten im gedächtnis des dichters die ähnlichen situationen auch ganz unbewusst in einander geflossen sein. Trotzdem aber könnte von der Leyen von rechts wegen nur 983. 984 ausscheiden, da ja auch Marcus benedicens hat; dann gerieten aber die beiden dankverse unmittelbar hinter einander, wodurch klar wird, dass es mit der ganzen athetese nichts ist.

In der partie 1085-1124 (s. 42) bleibt absolut unverständlich, welche absichten der urheber derartiger umstellungen und interpolationen bei seiner vandalischen tätigkeit gehabt haben soll. Wo solche kunststücke nötig sind, um den vermeintlich echten text widerherzustellen, liegt die mangelhaftigkeit der begründung der athetesen auf der hand. Aber wider lassen sich ausserdem die einwände des herausgebers unschwer entkräften. Die widerholungen (1095. 1096, 1103. 1104 und 1123. 1124, 931. 932) stören uns natürlich nicht, denn sie sind nicht ungeschickter als manche andern, die doch ruhig passieren dürfen. Der gedankengang ist freilich nicht der einer logischdialektischen entwicklung, aber doch keineswegs 'unklar'. Sicher ist 1097 ein flickvers, aber warum gleich ein 'sinnloser'?

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