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eingeschlagen hat, weder zum guten noch zum bösen sinne: beide wege stehen noch offen. Wir erkennen aber in den angeführten beispielen auch schon den grund dafür, dass der erste weg beschritten worden ist: gerade die häufigsten der aufgezählten wörter, gîrisc, mordisc, gipûrisch, kindisc waren nur dieser entwicklung fähig, die entgegengesetzten, êrwirdisc, adalisc, fronisc waren leichter ersetzbar und sind denn auch früh ausgestorben, denn adelisch bei Luther, Murner (An den adel 36) und Agricola ist eine junge neubildung und ohne gefühlswert: dass es hier u. ö., z. b. auch in Scheidts Grobianus s. 4 d. n. ironisch gebraucht wird, ist wol zufall.

Die grosse menge der ahd. adjectiva auf ise bezeichnet die herkunft, die meisten sind von völker- und ländernamen abgeleitet: arabisc, frenkisc, crêhhisc, nazarênisc, punikisk, samaritanisg, sirisc, spanisc, walahisc u. v. a.

7. Auch im mhd. bleibt das die hauptsächlichste verwendung unsrer adjectiva, und noch heute können wir fast zu jedem völkernamen ein adjectiv auf isch bilden. Aber gerade weil diese klasse unserer adjectiva immer neu gebildet wird, entwickelt sie meist gar keine eigne bedeutung: für die bedeutungsgeschichte kommen nur wenige fälle in betracht, in denen eine übertragung der bedeutung stattgefunden hat. Zwei beispielen für diese entwicklung sind wir schon oben in jüdisch und heimisch begegnet, weitere mögen hier folgen.

vlämisch, d. i. 'flamländisch', war im mittelalter 'fein gebildet', denn aus den Niederlanden kam die ritterliche cultur nach Deutschland, und nach Stalder 1, 376 bedeutet es in der Schweiz noch 'das feine, zarte'. Flämisch zu reden hält der junge Helmbreht und nach Grimmelshausens Vogelnest 1, 18 im schwedischen kriege ein Schwabe für vornehm. Umgekehrt redet in Paulis Schimpf und ernst no. 484 ein heraufgekom-. mener nit me sein sprach, er nimpt sich an schwebisch züreden. Als eine andere culturwelle viele flämische colonisten über Mitteldeutschland nach dem osten führte, bekam flämisch offenbar nach dem grossen wuchs, der ernsten art und den trotzigen gesichtern der Flemminge die neue bedeutung 'gross, grob, plump, rücksichtslos' (im Hennebergischen ist auch hollandsch 'sehr gross', Zs. fdm. 3, 134; die lausitzische bedeutung 'sehr' ist wol eine abschwächung aus der folgenden; K.G. Anton

17, 19 vergleicht unflätig), dann in der Altmark und in Niedersachsen, Schlesien und Nord böhmen, Franken, Henneberg und Hessen 'mürrisch, verschlossen, tückisch', schliesslich im Bairischen wald, Nordböhmen und Thüringen (Stieler 496) 'böse, zornig'. Auf eine dritte, vielleicht noch bevorstehende, entwicklung deutet Knothe, Markersdorfer mundart 38, wenn er für Nordböhmen flamända 'vagabund, liederlicher mensch' anführt. Sie entspräche einer dritten invasion der Flamen, der als herumziehender händler. Dieses neueste flämisch hat aussicht, entwickelt zu werden, denn es kann an redensarten anknüpfen wie er ist von Flandern, vagi sunt eius amores (Serz, Teutsche idiotismen 43a), er ist aus Flandern, ein Fländerer, er fländert (J.G. Berndt, Versuch zu einem schlesischen idiotikon, Stendal 1787), mädchen aus Flandern (Schmeller 1,792), die aus volksetymologischer umdeutung von fländern 'flattern' entstanden sind (vgl. auch flandern im DWb.). Umgekehrt hat wol auf die entwicklung des volksnamens flämisch zu ‘mürrisch' das weitverbreitete flänschen 'das gesicht verziehen' einfluss gehabt, namentlich die verbindung flämisches gesicht ist durchaus flunsch, doch darf man nicht mit Adelung flämisch in diesem sinne überhaupt als ableitung zu flennen u. s. w. ansehen.

Auf einem umwege vom volksnamen zum tadel geworden ist mhd. hiunisch. Begreiflicherweise hatten die Hunnen in Deutschland nicht den besten ruf hinterlassen, das zeigt schon die 38. zeile des Hildebrandsliedes: dû bist dir, alter Hún, ummet spáhér wo der tadel noch rein occasionell in das substantiv gelegt zu sein scheint. Doch hat sich wol Althun als scheltname festgesetzt, vgl. Förstemanns Namenbuch 1, 757 und Grimm, Deutsche mythologie 490. hiunisch aber und harthiunisch wurde scheltname für eine schlechte weinsorte (s. ausser Lexer und DWb. Schmids Schwäb. wb. Anz. fda. 4, 138 ff. Zs. fda. 23, 207 und Zs. fdm. 1, 257. 2, 250. Weistümer 3, 487. Fischart, Garg. 310. 313f. Bienenk. 243a. Ist vielleicht hundswein Sachs, Schwänke 1, 262 = hiunischer wein? Dann könnte hundssoff und hundstrunk im DWb. als rausch von hiunischem weine aufgefasst werden, hundsvoll und hundstrunken (auch bei Sachs, Schwänke 1, 262. 594) 'von hundswein trunken' heissen. Eine andere erklärung im DWb. und den Generibus

ebriositatis, das. unter hundsvoll). Unabhängig von dieser in den weingegenden, also namentlich im obd. vorgenommenen entwicklung, wandelte die norddeutsche sage mit dem mittelpunkt in Westfalen (Grimm, Myth. 490) die Hunnen in riesen. Das zugehörige hiunisch gieng aus der bedeutung 'riesenhaft' mit neuem tadel in die von 'ungeschlacht, roh, unedel' oder 'grimmig' über, des letzte oft bei Sachs, z. b. Schwänke 1, 25. Widerum abweichend ist das bairische hünsch aus 'ungeschlacht' zu 'gierig, heisshungrig' verengert worden. Sollte hier das wortspiel Ungern-hungern eingewirkt haben, das z. b. Murner, Narrenbeschw. 88, 15 verwendet (vgl. Spaniers anm. zu dieser stelle und unter 17)? Ganz anderer herkunft ist das weitverbreitete hinsch als name einer pferdekrankheit, Spanier zur Narrenbeschw. 95, 78. Staub-Tobler 2, 1475. Jung ist hünisch 'wie ein hüne' in Jordans Nibelungen 1, 15 u. ö.

Wenn Fischart, Garg. 374 das ungeziefer seines helden. das vngarisch vihe nennt, so knüpft er ausser an die unreinlichkeit der Ungarn (vgl. Sachs, Schwänke 2, 421) an den grossen ruhm an, den das ungarische rindvieh in Deutschland genoss (Garg. 381. Podagr. trostbüchlein 28). Es ist schwer zu sagen, ob diese bosheit ein witz Fischarts oder eine redensart ist. Geschichtliche verhältnisse dagegen spiegeln sich in der entwicklung die die wörter sklavisch und polnisch im deutschen genommen haben. Sklavisch wird etwa zu Fischarts zeit zu 'servus' geworden sein: Garg. 161 meint auff türckisch vnd sclavisch bloss die sprache, 163 den sclavischen Römern die denkart, Grimmelshausen nimmt lieber sclavonisch oder böhmisch, wo er volk und sprache meint, aber schon für Fischart ist eine bildung wie übersklavisch möglich: vberschlavischer, vberknechtischer dienst übersetzt er Bienenk. 187 a hyperdulia. Polnisch ist in Schlesien und Sachsen, in dem lande das an Polen grenzt und dem das lange mit ihm politisch verbunden war (bei Bernd, Die deutsche sprache in dem grossherzogtum Posen und einem teile des angrenzenden königreiches Polen, fehlt es), ferner in Baiern zu 'liederlich' geworden in den redensarten hier siehts polsch aus, heute machen wir pohlsch, es geht pohlsch über eck. Ein stück geschichte lebt in der in den Sudeten üblichen wendung es sitt aus wie im pulschen kriege (Albrecht, Leipziger mundart) und dem in Sachsen und

Beiträge zur geschichte der deutschen sprache. XXIV.

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Franken üblichen hier siehts aus wie im bohlschen reichstag (Albrecht und Serz). Mit unrecht zieht Schmeller das dänische polisk hierher, denn das ist, wie die nebenform polidsk und die bedeutung 'verschmitzt' anzeigen, politisch, das ja auch im md. nd. vielfach in diesem sinne auftritt. Auch das schwedische kennt ein politisk 'schlau' neben polsk 'polnisch'. Dass polsk hier zum tadel würde, ist schon wegen der alten waffenbrüderschaft der Polen und Schweden unwahrscheinlich. Von einem verrückten kleiderschnitt heisst es Simpl. 137: die hosen waren auf polnisch oder schwäbisch, und das wams noch wol auff eine närrischere manier gemacht. Die hosen waren, wie s. 207 lehrt, sehr eng.

Häufig kommen adjectiva von völkernamen, weil sie eine fremde, unverständliche sprache bezeichnen, zu der bedeutung 'unverständlich, seltsam, verkehrt'. Verbale ausdrücke dieser art führt Hildebrand im DWb. unter kauderwelsch an; von adjectiven auf -isch gehören hierher: hebräisch 'unverständlich' Fischart, Bienenk. 55 a. 79a; - lateinisch vielfach 'gelehrt-verkehrt'; winsch aus windisch 'unbeholfen, einfältig, verkehrt' K. G. Anton 15, 12;uckerwendsch, göttingisch und bremischnieders. 'eigensinnig, albern', altmärkisch auch 'unordentlich, verkehrt'; krabatisch wunderlich' bei Fischart: crabatisch verzwickt, von griechischen buchstaben, Bienenk. 228a; welches (Gargantuas mantel) mächtig lustig crabatisch sahe Garg. 180; gut krabatisch geschirr 229; ein krabatischen verrenkten bossen reissen 354; böhmisch in den redensarten böhmische dörfer, schon Simpl. 21, von Schmeller durch ein spottverschen auf die czechischen dorfnamen erläutert, böhmischer ohrleffel Simpl. u. ö. von einem starken knotenstock, böhmischer sträl Garg. u. ö. 'fünfzinkiger kamm', und in ausdrücken wie: mausen und der pferdte warten, worzu die böhmische art, wie ich höre, die beste seyn soll Courage 2; disz böhmisch handwerck ebda., vom stehlen, vgl. Sachs, Schwänke 2, 421. Die vorwürfe die hier den Böhmen gemacht werden, sind also unverständliche sprache, gewalttätigkeit, unsauberkeit und dieberei. Eine geschichtliche erinnerung birgt dagegen der satz du (Luther in Worms) würdest mit deinem predigen, beheymische geschenck geben, clöster vnd stifft. welche du ytzt den fürsten verheyssest Th. Müntzer, Schutzrede 38 d. n. Erklärt wird die stelle durch Murner,

understast vnsern

Narrenbeschw. 35, 32. Dan du (Luther) glauben zu schedigen, vnd bôhemische meren zu verkünden Murner, An den adel 22 d. n. geht deutlich auf die Hussiten; - zigeunerisch 'vagabundus et vage' Stieler. Auf die zigeuner als marktschreier zielt der satz jnen das pludermusz vnd wurmsamenkat auff zigeinerisch eingauckelen Garg. 302; spanisch

noch fast im eigentlichen sinne bei Grimmelshausen: da satzte es schmale biszlein, so meinem magen, der nunmehr zu den westphälischen tractamenten gewöhnet war, gantz spanisch vorkam Simpl. 371. Uebertragen schon bey diesem herrn kam mir alles widerwertig und fast spanisch vor 174. Der herr ist ein Kroate. Allmählich hat man die herkunft der wendung so ganz vergessen, dass die gelahrtheit des magisters Serz und C. S. T. Bernds dabei an gr. oлávios gedacht hat, mit dem es natürlich ausser durch diese gelehrte volksetymologie nicht im geringsten zusammenhängt. Eine spur schliesslich der inquisition sind die spanischen stiefel und der spanische mantel; kauderwelsch, weitverbreitet in der älteren sprache: Fischart, Praktik 11. Bienenk. 1b. Grimmelshausen, Teutscher Michel 5. Simpl. 684. Gryphius, Peter Squenz 12. Stieler. Germ. 28, 371, und in den neueren mundarten: Bernd. Zs. fdm. 1, 286. 2, 247. 6,292. Freier als der heutige sprachgebrauch bewegt sich Grimmelshausen, Vogelnest 2, 3: so kauderwelsch ..., dasz ich keins verstehen konte, und Serz: kauderwälsch, verborum praestigiae, mixobarbarum; kauderwälsches latein, cum faunis et aboriginibus loqui; - krautwelsch, nach dem urteile des Tirolers Schöpf, Zs. fdm. 6, 292 nur eine entstellung aus kauderwelsch;

kurwelsch, als churwallisch zuerst in einer Graubündner urkunde. Fischart, Garg. 31; - rotwelsch, zunächst und noch heute die stark mit welschen brocken versetzte sprache der bettler bezeichnend (der erste teil des wortes selbst ist welsch: rupta

mhd. rote), aber früh verallgemeinert zu ‘ungereimt' (Grimmelshausen, Teutscher Michel 13) und 'unverständlich'. Ganz allgemein in Holteis Schlesischen gedichten, ausgabe letzter hand 218: uf lateinsch a brünkel ruthwälschen; - kinder-, klugwelsch in Kluges wb. unter kauderwelsch; rebsteckenwelsch Grimmelshausen; zeitungswelsch Grenzboten vom 5.6. 1897 (58, 18) s. 213; gotisch nahmen die Deutschen, vorurteilslos genug, in der bedeutung 'mittelalterlich beschränkt' aus dem

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