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entzückt von den Madonnen Raphaels weggeht und zu denen des Beato Angelico da Fiesole sich wendet, muss man gestehen, dass diese einen viel richtigeren, reineren Eindruck machen als jene, und man verwundert sich, in Raphaels Madonnen dasjenige nicht vermisst zu haben, was einem nun in denen von Fiesole als nothwendiger Hauptzug eines so himmlischen Characters klar wird, nämlich Reinheit, Einfachheit, Unschuld. Ich will nicht sagen, dass diesen Darstellungen Raphaels jene Eigenschaften abgehen, aber sie sind durch die wirklich zu üppigen Formen, durch die so glücklich gewählten Stellungen und die Anordnung der Kleider überstrahlt und man glaubt, besonders in seinen letzten Arbeiten, etwas Gefallsucht durchstechen zu sehen. Ja, es ist traurig, dass es unter den Künstlern so viele Pharisäer gibt und gab. Sie thun, als wären sie treue Diener der Kunst und dienen indessen nur ihrem eigenen Ruhme. Und was mich am meisten empört, ist, dass es so viele vom Ruhme Geblendete gibt, denen es gar nicht einfällt, sich des Bekenntnisses zu schämen, dass dieser Ruhm ihr einziger Zweck sei. Man scheint ganz zu vergessen, dass im künstlerischen wie im übrigen Leben jedes Streben eines Christen unwürdig ist, wenn es nicht die Ehre Gottes, die Belehrung und Erbauung der Menschen zum Ziele hat.» In diesen Worten hat Deschwanden sein künstlerisches Glaubensbekenntniss ausgesprochen, an dem er stets festhielt, da seine ganze Thätigkeit nur auf religiöse Kunst, auf die Darstellung religiöser Stoffe sich beschränkte, nachdem er der früher cultivirten Porträtmalerei entsagt hatte. Er stand also vorzugsweise auf dem Standpunkte Overbecks und der Düsseldorfer, denen er 1842 einen Besuch abgestattet hatte und deren Leistungen er sehr hoch schätzte, während er mit den frühesten Leistungen der Beuroner Schule nicht ganz zufrieden war. Er war entzückt über die Tiefe der religiösen Auffassung, die den Werken der Beuroner Künstler zu Grunde lag, aber er tadelte das Formelle derselben und schrieb an dieselben mit Freimuth: «Aufrichtig bin ich zur Ueberzeugung gelangt, dass Eure Verehrung des Alten eine überspannte und die Nachahmung desselben eine pedantische ist, die nicht zum Zwecke gehört. Nur den Geist der alten christlichen Meister solle man nachahmen, nicht aber die noch unbeholfene, kindliche Form. Als er aber später die grossen Werke der Beuroner wieder betrachtete, da war er hocherfreut, constatiren zu können, dass die widerliche Steifheit überwunden und ein Fortschritt zu weicheren Formen erkennbar geworden sei.

Mit den hier eingeflochtenen Aeusserungen Deschwandens ist seine eigene Kunstrichtung bereits hinlänglich characterisirt Gleichwohl wollen wir noch einige Bemerkungen einschalten,

welche Kuhn über die Leistungen Deschwandens an verschiedenen Stellen des trefflichen Buches gemacht hat. Darnach war unser Künstler vor Allem ein tüchtiger Zeichner, der in unglaublich kurzer Zeit mit der grössten Leichtigkeit und beispielloser Sicherheit die correctesten Bilder entwarf. Auch das Malen ging so einfach und schnell wie das Zeichnen. Mit derselben Raschheit, womit er zeichnete und malte, componirte er auch, so dass er in einigen Stunden, oder doch in paar Tagen figurenreiche, fein ausgeführte Zeichnungen lieferte. Am liebsten malte er lyrische Stoffe und Darstellungen, in denen das Weiche und Zarte, das Reine zum Ausdruck kam. Die bevorzugten Lieblingsgestalten waren die Madonnen und der hl. Johannes. Er selbst erklärt als Ideal seines Künstlerstrebens die Verherrlichung Mariens. Er schaut schreibt P. Kuhn Maria nicht als die erhabene, verherrlichte Königin der Engel und Heiligen in den Wundern ihrer Grösse und Begnadigung, sondern als die demüthige Magd des Herrn und als die bescheidene, liebende Mutter des Erlösers. Sein Typus ist ein ihm ganz eigener und eigenthümlicher, leicht erkennbarer. Ihr Blick ist fast immer gesenkt, auch wenn sie auf Wolken thronend das Diadem trägt; eine sanfte Röthe scheint über ihr Antlitz zu fliegen, während die Beschauer und Beter den Blick zu ihr erheben; eine milde Güte und Liebe spricht aus allen ihren Zügen und weckt Vertrauen und Hoffnung; die innere Grösse, Tugend und Gnade offenbart sich in den überaus reinen, einfachen und anspruchslosen Formen, verklärt von einer mit den Jahren nicht alternden Jugendblüthe. Immer umgibt Deschwanden das Bild Marias mit einer heiligen Ruhe; mag sie beseligt auf ihr göttliches Kind blicken, oder leidvoll unter dem Kreuze stehen, oder vom Grabe Christi zurückkehren, dort keine erregte Aeusserung der Freude, hier keine leidenschaftliche Trauer, sondern hier wie dort ein stilles, ruhiges Sichversenken in Gottes Rathschlüsse. Das heisst gewiss, Maria wahr und richtig auffassen.»

So nachdrucksvoll aber Herr P. Kuhn die Vorzüge des Künstlers hervorhebt, eben so entschieden zieht er auch die Mängel und Schwachheiten desselben an's Licht, so dass man ihm keineswegs Voreingenommenheit oder einseitige Lobhudelei zum Vorwurfe machen kann.

Ich hatte mir viele Punkte angemerkt, die ich besonders hervorzuheben gedachte. Ich verzichte indess auf weiteres Eingehen in's Detail, weil ich glaube hoffen zu dürfen, dass die Leser dieser Zeilen sich das interessante Buch selbst anschaffen und es recht aufmerksam lesen werden. Keiner wird es bereuen, diesem meinem Rathe Folge geleistet zu haben.

Ich bemerke nur noch, dass das Buch technisch und artistisch elegant, ja luxuriös, ausgestattet, mit 9 artistischen Original-Illustrationen und mit mehreren Stahlstichen geschmückt ist, welche die vorzüglichen Werke des Meisters in kleineren Copien dem Auge des Lesers zur Anschauung vorführen. In Anbetracht dessen kann der Preis des Werkes ein sehr niedriger genannt werden.1) Dr. Jos. Dippel.

I. Geschichte des deutschen Volkes

seit dem Ausgang des Mittelalters. Von Johannes Janssen.

I. Bd. Deutschland's allgemeine Zustände beim Ausgang des Mittelalters. II. Bd. Vom Beginn der politisch-kirchlichen Revolution von 1525. III. Bd. Die politischkirchliche Revolution der Fürsten und Städte und ihre Folgen für Volk und Reich bis zum sogenannten Religionsfrieden von 1555. Freiburg in Breisgau. Herder'sche Verlagshandlung. 1881 und 1882.

II. An meine Kritiker. Nebst Ergänzungen und Erläuterungen zu den drei ersten Bänden meiner Geschichte des deutschen Volkes. Von Johannes Janssen. Sechstes Tausend. Freiburg in Breisgau. Herder'sche Verlagshandlung. 1882. S. XI. 227.

Wenn ein Werk, dessen erster und zweiter Band in Einer Jahresfrist die siebente Auflage erlebt hat, den Verfasser nöthigt, einen eigenen Band an seine Kritiker zu schreiben: so ist dies ein Beweis, dass Janssen's Geschichte des deutschen Volkes ein ungewöhnliches Aufsehen unter den Geschichtsgelehrten Deutschland's hervorgerufen hat, und doch behandelt J. eine Zeit, die dem äusseren Anscheine nach hinreichend bekannt ist. Also Neuheit des Gegenstandes hat das wohl begründete Aufsehen nicht erregt, was also? es ist vor Allem der Muth des Geschichtsschreibers, eine gründliche Revision der bisherigen Geschichtsdarstellung der von ihm behandelten Periode sine ira et studio, quorum causae ipsi ignotae, vorzunehmen, und dann ist es die Methode, welche er für seine Darstellung wählte.

Seit der sogenannten Reformation galten die Wiegendrucke, die Editiones principes, der über die Ursache und den Verlauf dieser gewaltigen kirchlichen und socialen Umstaltung handelnden Werke als Quelle der geschichtlichen Darstellung. Leider gerieth die Presse gleich im Beginn der Bewegung in protestantische, also den Katholiken feindliche, Hände; auch erklärlich, weil die Presse, nach Erwerb haschend, denjenigen diente, welche sie bezahlten und das waren die Häupter der Bewegung. Diese konnten zahlen, weil ihnen die angezettelte Bewegung Vortheil brachte. Gegen diese gewaltige Waffe der Presse konnten die Angegriffenen nur vereinzelt und schüchtern auftreten. Während die Gegner Folianten druckten, vertheidigten sich die Katholiken in kleinen Broschüren. Die Ersteren erhielten in den

1) Wir bitten die bez. Einlage beachten zu wollen.

Die Red.

Bibliotheken einen hervorragenden Platz, die Letzteren kaum irgend einen Winkel und so gewöhnten sich, selbst in späteren Zeiten, die Geschichtsschreiber nach den Folianten zu greifen, weil sie zugänglicher waren, und kümmerten sich wenig oder gar nicht um die Widerleger und Richtigsteller derselben, um die kleinen, schwer zugänglichen katholischen Broschüren. Auf diese Weise musste es geschehen, dass die ganze Geschichtsschreibung des deutschen Volkes in der Periode zwischen Maximilian I. und Ferdinand I. eine protestantische, also eine einseitige wurde. Nun tritt Janssen auf, und revidirt die Quellen und die darauf basirte Geschichte und kommt zu Resultaten, welche das Staunen der Leser erregen. Gleichzeitige, aber längst vergessene Broschüren und Traktätlein werden hervorgesucht und mit den sich vornehm dünkenden Folianten verglichen; es wird das Leben der Stimmführer analysirt, Kunst, Literatur und Wissenschaft in das Bereich der Untersuchung hineingezogen, um beantworten zu können die Frage: hatte die sogenannte Reformation, wie man annimmt, in dem Verfalle des damaligen deutschen Volkes ihren Berechtigungsgrund, oder nicht? Und weil nun Janssen auf diese Frage mit Nein antwortet, erhob sich ein Heer von Kritikern, die seine Arbeit, weil sie nicht todt geschwiegen werden konnte, wenigstens als unwissenschaftlich, als unhistorisch, wenn nicht gar tendentiös und parteiisch darzustellen suchten. Janssen schreibt als Katholik mit offenem Vesier, und dazu gehört in unseren Tagen Muth und viel Muth. Weil er als Katholik schreibt, daraus folgt noch nicht, dass seine Darstellung eine parteiische oder tendentiöse sei. Man mag von der Objectivität der Geschichte reden, wie man wolle wenn die Geschichte nichts anderes ist, als eine Aufzählung merkwürdiger Begebenheiten, dann kann die Darstellung objektiv d. i. farblos gehalten werden; wenn aber, wie bei J., die Geschichte irgend eines Volkes vom kulturhistorischen und sozialpolitischen Standpunkte aus geschrieben werden soll, dann ist der Einfluss der Erziehung und des Gesichtskreises, in welchem der Darsteller aufgewachsen ist, wenigstens bei den Urtheilen über den Werth und Unwerth der handelnden Personen und ihren Triebfedern unvermeidlich. J. ist katholisch erzogen und macht aus seiner Erziehung kein Hehl. Es verhält sich mit dem Geschichtsschreiber, wie mit dem Baumeister. Das diesem zu Gebote stehende Material ist allen Baumeistern gemein und doch wie verschieden sind die daraus aufgerichteten Gebäude! Es kommt alles darauf an, wie das Material verarbeitet wird. Janssen benützt das aus der Gleichzeit stammende geschichtliche Material und baut daraus sein Gebäude auf ohne irgend eine andere Tendenz, als die der reinen Wahrheit. Diese musste sich ihm offenbaren, weil er nicht seiner Eingebung, sondern den Worten der Zeitgenossen folgt mit einer Aufrichtigkeit, welche dem Verfasser zur höchsten Ehre gereicht. Nie entschlüpft ihm ein hartes Wort, nie ein unmotivirtes Urtheil über die sogenannten grossen Männer der Reformation. Wenn

er jedoch aus den gleichzeitigen Quellen wahrnehmen muss, dass ihr Bild anders in der Geschichte steht, als dasselbe gewöhnlich dargestellt wird und er nur berichtigend auftritt, dann handelt er als Historiker, der sich aus den Quellen Gewissheit verschafft hat und der, als Böhmer's Schüler, sich wohl bewusst ist, wie wenig wir Richtiges über die Geschichte der Reformationszeit wissen und wie diese Geschichte erst von Neuem aufgebaut werden muss. J. thut es, und zwar in einer neuen Methode.

Diese neue Methode ist es, welche dem Werke einen so zahlreichen Lesekreis in kurzer Zeit erworben hat, dass der erste und zweite Band bereits in der siebenten Auflage erscheinen musste. Wenn man von einer Geschichte spricht, so denkt man an eine chronologische Darstellung von sogenannten Haupt- und Staatsactionen, von Kriegszügen und Schlachten und wählt zum Mittelpunkte einer solchen Darstellung den Regenten, dessen Regierungszeit man eben beschreibt. Das Volk und dessen Leben gibt höchstens die Staffage zu einem solchen Geschichtsbilde. J. macht es umgekehrt; er schildert das Volk und dessen Leben und lässt den Regenten als Staffage, oder besser gesagt, als Markstein gelten, damit das von ihm geschilderte Volksleben eines chronologischen Anhaltspunktes nicht entbehre, wesshalb J. auf den Volksunterricht, auf die religiöse Unterweisung des Volkes, auf Kunst und Wissenschaft, Landwirthschaft, Gewerbe, Handel, Capitalwirthschaft u. s. w. sein besonderes Augenmerk richtet und diese Studien als Erklärungsgrund der verschiedenen äusseren Erscheinungen im Leben des deutschen Volkes hinstellt. Mit anderen Worten: was wir Culturgeschichte nennen, ist ihm die Basis seiner geschichtlichen Darstellung, was eine Methode bedingte, welche von der üblichen ganz verschieden, einen eigenthümlichen Reiz auf die Leser ausübt. Dieser wird in das Leben jener Zeit förmlich hineingedrängt, es wird ihm dasselbe verständig und darum, weil verständig, auch lieb. Die erzählten Staatsactionen knüpfen sich an das so begriffene Leben, fliessen naturgemäss aus demselben und gestalten sich zu einem harmonischen Bilde, das anspricht, weil es verstanden wird. Das Verständniss ist ein der hervorragendsten Verdienste von J's Geschichte, ein Verständniss, welches durch historischen Muth und durch eine glückliche Methode erzielt wurde.

In das Detail dieses epochemachenden Werkes können wir uns nicht einlassen; es muss hier die Bemerkung genügen, dass jedem Bande eine lichtvolle Inhaltseintheilung vorangeht, und jeder Band mit einem Personen-Register endet, was den Gebrauch des Werkes sehr erleichtert. Mit der Darstellung Deutschlands geistiger Zustände beim Ausgang des Mittelalters beginnt J. sein Werk, spricht hier über Volksunterricht und die Wissenschaft, wendet sich der Kunst und dem Volksleben mit namentlicher Anführung der Künstler und ihrer Werke zu, übergeht dann zu' Deutschlands wirthschaftlichen, rechtlichen und

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