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Die erste Kirchenversammlung auf deutschem

Boden.

Ein Beitrag zur Kirchengeschichte des vierten Jahrhunderts von P. Ambrosius in Metten.

Il faut avoir beaucoup de respect et de déférence pour les traditions des églises, et quoiqu'il s'y mêsle assez souvent des circonstances fabuleuses, que la substance enest ordinairement véritable.

Dom Mabillon,

Praefat. in Acta Sanct. O. S. B.

Wenn man vom ersten Concilium Germanicum spricht, so versteht man darunter die Versammlung der Bischöfe und Aebte germanischen Geblüts auf dem Reichstage, welchen «Carlomannus Dux et Princeps Francorum», der sechs Jahre später den Purpur mit dem Busskleide des hl. Benedict vertauschte, am 21. April 742 für die deutsche Hälfte des Frankenreiches in einer gegen den Rhein gelegenen Stadt hielt, und deren Capitularia er als Gesetz promulgirte.) Sie trägt mit Recht jenen Namen, insofern sie das erste bekannte Provinzialconcil jener nun zum ostfränkischen Reiche gehörigen uralten Kirchenprovinz war, deren Neuerrichtung Papst Gregor III. 732 anbahnte durch Erhebung des Missionsbischofs Wynfred Bonifatius zum «Archiepiscopus provinciae Germaniae», zum Metropoliten des im Jahre 727 der Stadt Rom (27 v. Ch.) zur Gallia Belgica geschlagenen Stromgebietes des Rheines mit überwiegend germanischer Bevölkerung. 2) Dass in diesem Germanien im Sinne der Römer schon sehr frühzeitig katholische Bisthümer bestanden, beweist der hl. Irenäus, welcher den damals in Gallien angesehensten Stuhl von Lugdunum (Lyon) einnahm, wenn er gegen Ende des zweiten Jahrhunderts die katholische Einheit gegenüber der babylonischen Verwirrung der Secten also preist: «Die Kirche, obwohl in der ganzen Welt zerstreut, bewahrt doch sorgfältig die Predigt und den Glauben, welchen sie (von den Aposteln und ihren Schülern) empfangen hat, als wenn sie nur ein Haus bewohnte . . . Denn wenn auch die Sprachen in der Welt verschieden sind, der Inhalt der Lehre ist überall derselbe. Auch

1) Pertz, Monumenta Germaniae historica, Leges, tom. I., pag. 16. 1) Dio Cassius, Histor. Romana LIV, 11. 20.

die in Germanien (ἐν Γερμανίαις in duabus provinciis germanicis) gegründeten Kirchen glauben oder lehren nichts anderes. >1) Besonderen Aufschwung nahm die gallische Kirche durch die Aussendung römischer Glaubensboten, wozu die Päpste die lange Friedenszeit seit 260 benützten, noch mehr durch die Begünstigung des Christenthums, deren sich gerade Gallien schon seit 292 durch Constantius Chlorus erfreute. In der Mitte des vierten Jahrhunderts sehen wir daher in dem von den Pyrenäen bis an den Rhein reichenden Gallien mehr als vierzig Bisthümer. Aus dieser Constantinischen Zeit nun bis zur Karolingerzeit zählt Hartzheim dreizehn gallische Concilien auf, an welchen Bischöfe aus römisch-Germanien theilnahmen. Binterim bezeichnet als das erste deutsche Concilium» jenes, welches der hl. Hilarius in seiner um 358 an die gallischen Bischöfe gerichteten Schrift De Synodis andeute. 2) Hingegen sind von Alters her Acten überliefert, wonach schon 346 in Köln ein Concil stattgefunden hätte. Diese Acten haben aber zuerst 1591 Baronius, der sie aus der Conciliensammlung des Surius kennen lernte, 3) dann Hartzheim) u. a. von ihren Sammelwerken als verdächtig ausgeschlossen; Binterim theilt sie zwar in mangelhafter Uebersetzung mit, aber nur um sie als Fälschung nachzuweisen. 5) So hat das Concil Feinde und Freunde gefunden. Letztere waren in schwieriger Lage, da sie nach den früheren Geschichtskenntnissen manche Einwände nicht befriedigend zu lösen vermochten. Hauptgrund der Verdächtigung war die Unvereinbarkeit der in Köln wegen Häresie geschehenen Absetzung des Bischofs Euphratas mit dem durch das grosse Concil von Serdica ) vermeintlich ein Jahr darauf ihm geschenkten Vertrauen. Entgegen den alten lateinischen Chronisten, welche dasselbe auf 344 ansetzen, hielt man sich nämlich an

1) Iren. contra haereses lib. I, cap. 10, num. 2, ap. Migne, Patrolog. Graeca, tom. VII. col. 552. Cf. Tertullian. adv. Jud. c. 7. ap. Migne, Patr. Lat. II, 611. Friedrich, Kirchengeschichte Deutschlands I, 80-86. Acta Sanctorumn, Octob. VIII, 16-36.

2) Binterim, Gesch. d. deutschen Concilien I, 391.

3) Bar. Annales ecclesiastici ed. Pagi t. IV. p. 421, ad an. 346, n. 7.
4) Hartzheim Schannat, Concilia Germaniae, I, Praef. § 26; pag. 48.
5) Gesch. d. deutsch. Conc. I, 345-388.

*) Diese Hauptstadt von Dacia interior oder Mösien hat ihren Namen von den thrakischen Serden und ist Triaditza, südlich von Sophia in der Bulgarei. Die Lateiner schrieben stets Serdica, die Griechen, welche a vor r lieben, gewöhnlich Sapotza. Pauly, Real-Encyklopädie d. classischen Alterthumswissenschaft, VI, 1. 1065.

die griechischen Kirchengeschichtschreiber Sokrates und Sozomenus, nach welchen dasselbe in 347 fiele. Auch nachdem Maffei zu Verona 1738 jene alexandrinische Chronik entdeckt hatte, welche mit aller Genauigkeit die Zeitbestimmungen für die Kämpfe des hl. Athanasius mit den Arianern angibt,1) und Mansi hienach das Jahr 344 für Serdica reclamirt hatte, 2) verlegte man lieber jenen zeitgenössischen Bericht in viel spätere Zeit, um den herrschenden Irrthum festhalten zu können. Aber siehe da die ungeahnte Erfüllung des Wunsches des letzten Herausgebers der Werke des grossen griechischen Kirchenvaters führte einen plötzlichen Umschwung herbei. 1698 klagte der Benedictiner Montfaucon über den Verlust so mancher Schrift des hl. Athanasius: Sed nulla opinamur jactura major quam epistolarum έoptaotixwv aut festalium . . . Hoi, hei, quam pungit dolor amissi thesauri! quantum ad historiam, ad consuetudines Ecclesiarum, ad morum praecepta hinc lucis accederet! Et fortassis adhuc alicubi latent in Oriente, ubi bene multa exstant.3) 1848 veröffentlichte nun der Syriolog Cureton 20 Osterbriefe des hl. Athanasius, welche die Engländer in einem Kloster der Nitria bei Alexandrien entdeckt hatten, und in demselben Jahre 1852, wo Hefele noch scharf gegen Mansi schrieb,) wurden jene durch Uebersetzung auch in Deutschland bekannt. Hefele erkannte nun an, dass die Historia acephala eine glänzende Bestätigung erhalten, und bewies selbst, dass das Concil zu Serdica vom Herbste 343 bis ins Frühjahr 344 versammelt war. 5) Jedoch zog er nicht die Folgerungen für das Kölner Concil und wiederholte seine Bedenken noch 1855.) Nun traten der Bollandist Victor de Bück) wie Professor Friedrich) mit grosser Sachkenntniss für die Echtheit der Acten ein. Sonderbarer

Weise werden aber in dem 1875 veröffentlichten ErgänzungsBande der Bollandischen Geschichtssammlung Beider Forschungen

1) Ap. Migne P. Gr. 26, 1343.

2) Collectio Concil. III, 87.

3) Athanas. Opera omn. ed. Paris. t. I, praefat. p. XV.

4) Tübinger Theol. Quartalschrift 34. Jahrg. S. 360-378.

3) A. a. O. 1853, 146-167. — ) Conciliengeschichte I, 605.

6) Acta Sanctorum, Oct. XI, 831-842.

7) Kirchengeschichte Deutschlands I, 283-300.

8) Auctarium in XI. Oct. p. 65.

gänzlich ignorirt, was jedoch in dem Datum der Druckerlaubniss von 1852 seine Erklärung findet. Allein auch in den neuesten Lehrbüchern der Kirchengeschichte vermisst man mit Schmerz die Verwerthung dieser bedeutungsvollen Errungenschaften und beginnt die deutsche Kirchengeschichte erst mit dem hl. Bonifatius, obwohl sie schon im vierten Jahrhundert eine hocherfreuliche Blüthezeit hatte.

SO

Wenn nun gar ein rheinischer Theolog in dem überall verbreiteten Freiburger Kirchenlexikon die unverfrorene Behauptung hinwirft, «historisch sei an dem Concil und an dem Arianismus des Euphrates gar nichts», und zwar weil Euphrates 347 zu Serdica als Vertreter der Orthodoxie erschien » : heisst es wohl nicht, Eulen nach Athen tragen, wenn wir von dem Standpunkte der heutigen Geschichtskenntniss aus die Acten der ersten nachweisbaren Kirchenversammlung deutschem Boden einer kurzen, jedoch gründlichen Prüfung unterwerfen, um eventuell dazu beizutragen, dass deren reicher Inhalt endlich Gemeingut der Kirchengeschichte werde. Wir beginnen naturgemäss mit Herstellung des ältesten Textes des SynodalProtokolls und lassen vorderhand alles aus dem Spiel, was man damit in verwirrende Verbindung gebracht hat.

I.

auf

Den ersten Druck der Kölner Acten lieferte der FrancisAcaner Peter Crabbe von Mecheln in der Conciliensammlung. welche er für die von Paul III. bereits 1536 ausgeschriebene allgemeine Kirchenversammlung veranstaltete und Kaiser Karl V. widmete. In der Vorrede an diesen schildert er sein Verfahren also: Per varias antehac bibliothecas diligenter investigavimus veterum schedas et exemplaria, in quibus acta Conciliorum generalium continerentur, ut quae in libris hactenus typis excusis vel depravata fuerant, vel etiam praetermissa, non absque summa fruge lectoris emendatiora in lucem locupletioraque prodirent. In dem der ersten zweibändigen Kölner Auflage von 1538 vorausgeschickten Verzeichnisse der nach Handschriften zum ersten Mal veröffentlichten Urkunden führt nun Crabbe an 26. Stelle auch die Acten des Kölner Concils auf und gibt dieselben

1) Prof. Floss im Ergänzungsband 1856 S. 241.

fol. CLXXXIX. Nach der dritten durch den gelehrten Kölner Karthäuser Sauer (Surius) 1567 besorgten vierbändigen Auflage haben Labbé (II, 615), Harduin (XI, 1693), Mansi (II, 1371) und zuletzt die Mauriner Herausgeber der Concilia Galliarum (Paris 1789, I, 106) den Text abgedruckt.

Den zweiten selbständigen Druck lieferte 1615 Chapeaville von Lüttich in seinem Werke: Qui gesta pontificum Tungrensium, Trajectensium et Leodiensium scripserunt auctores, in dessen erstem und zweitem Band er die 1251 vollendete Lütticher Bisthumsgeschichte des Aegidius von Aureavallis, 1) welche jene Acten auch enthält, nach dessen eigener Handschrift abdruckte.

Binterim stand nun nicht an zu behaupten, jener alte Cisterzienserabt habe auf Grund einer märchenhaften Geschichte des zu Köln besonders betheiligten hl. Servatius die Kölner Acten nach dem Muster des afrikanischen Concils von Cirta 2) <zuerst in die jetzige Form eingekleidet, vor ihm habe sie Niemand gekannt. (I, 379. 388.) Katholische Geschichtsschreiber sollten aber mit dem schweren Vorwurfe der Urkundenfälschung gegen ihre Vorfahren etwas vorsichtiger sein. Die Handschrift des ganzen Werkes des Aegid ist noch vorhanden. im Luxemburger Priesterseminar, Bibliotheknummer 264, und wurde im 25. Bande der Pertz'schen Monumenta Germaniae aufs neue von Heller zum getreuen Abdrucke gebracht. Darnach liess Aegid die auf sein Thema bezüglichen Schriften von zehn Brüdern abschreiben, deren verschiedene Handschrift sich von Seite zu Seite verfolgen lässt, machte seine Bemerkungen dazu, schickte so das Concept den Augustinermönchen von Huy zu, die gleichfalls ihre Bemerkungen machten, und dann erst schloss er sein. Werk ab. Trotzdem bittet er den Cathedralclerus seiner Heimathstadt Lüttich, auf dessen Wunsch er diese actenmässige Ge

1) Dieses de Monasterium beatae Mariae Aureae vallis, zu unterscheiden von drei gleichnamigen Klöstern Galliens, ist nicht Airvaut bei Poitiers, wie Floss meinte, sondern Orval bei Chiny im belgischen Luxemburg, 1131 von Albert Graf von Chiny und Bischof von Verdun dem hl. Bernhard übergeben und von der Abtei Trois-fontaines im Bisthum Châlons s. Marne aus besetzt, stets zum Bisthum Trier, jetzt aber zu Namur gehörig. Die herrliche Abtei wurde 1793 durch die Revolutionsbanden zerstört. Jeantin, Les Chroniques 'Orval, 1857. Mabillon Annales O. S. B. t. V. p. 29, t. VI. p. 121. Migne Patrol. lat. t. 98, 812; t. 179, 538; t. 220, 1020.

2) Acta Concilii Cirtensis ap. Migne Patrol. lat. VIII. 744.

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