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LIBRARY OF THE

LELAND STANFORD JR. UNIVERSITY.

a.36398

ZU WALTHER VON DER VOGELWEIDE.

1. Der vaden 44, 9.

Das lied im hohen stil 43, 9 ff Ich hoere in so vil tugende jehen, eine huldigung des sängers, die er einer frau darbringt, und zwar vor ihr selbst, in persönlicher gegenwart vorgetragen gedacht, geht durch antworten der frau in eine wechselrede über, in welcher die rechte art der minne verhandelt wird. am schlusse verheifst die frau dem bewerber, der recht verfahre, das beste (womit natürlich den edlen frauen mehr zugeschoben wird, was sie tun sollten):

kan er ze rehte ouch wesen fro

und tragen gemüete ze maze nider unde hô,

der mac erwerben swes er gert.

welch wip verseit im einen vaden? guot man ist guoter siden wert. Der faden war das zeichen der gunst, die verheifsen wurde, und zwar der höchsten, nur dass, wie bei aller verblümten rede, der grad, das wieviel der zugesagten gunst unbestimmt bleibt.

Wie es eigentlich gedacht war, wird deutlich durch eine stelle in Boccaccios Decamerone 9, 5, wo eine frau einem manne ihre gunst gewährt u. a. mit den worten: tu m'hai con la piacevolezza tua tratto il filo della camiscia, in Steinhöwels übersetzung: du hast mir mit deiner lieplichen (so 1.) zucht den faden aus dem hemde gezogen (s. 567 Keller). es erscheint da schon zur blofsen redensart geworden, setzt aber voraus, dass die frau zuerst würklich einen faden aus dem gewebe ihres kleides herauszog (das also ein entsprechend lockeres sein muste) und dem manne übergab, damit aber sinnbildlich sich selbst: der faden war ein für eine zusage gegebenes pfand.

Sprachlich zu bemerken ist noch für Walthers worte, dass das einen vaden nicht einen beliebigen meint, sondern den bestimmten mit der bekannten bedeutung, wie es auch bei Boccaccio il filo heifst, mit derselben bedeutung; es gehört zu dem dritten ein, das der beobachtung so lange entgangen ist, obschon es uns in 'ein hohes ministerium' uä. noch so nahe liegt, und das sich pun immer häufiger findet, seitdem man das auge dafür hat.

Z. F. D. A. XXXVIII. N. F. XXVI.

1

Der gebrauch des fadens erscheint auch in der niederländischen fassung des alten liedes von der Frau von Weissenburg im Antwerpener liederbuch von 1544 nr 23 (auch in Uhlands Volksliedern s. 289 ff), hier aber so, dass umgekehrt der mann den faden aus dem ärmel zieht und der frau hingibt. der frau 'von Lutsenborch' hat ihr buble Friedrich den willen getan und ihren gatten erschlagen; aber da sie nun ihn selbst für sich will, weist er sie schnöde ab (s. 293), er wolle ihre treue nicht, denn sie könne ihn ebenso verraten:

hi troc uut sijnder mouwen
ein sijden snoerken fijn:
'hout daer 1, ghi valsche vrouwe,

ghi sulter bij 2 bedroghen sijn'

dh. er übergibt ihr nur den faden, hier schnur genannt, aber damit nicht sich selbst, worauf sie rechnete, sodass das herkömmliche sinnbild hier umgekehrt verwendet ist. die frau erhält aufserlich, worauf sie anspruch machte, aber nur so, die schnur ist da nicht mehr sinnbild, sondern die ganze gabe selber, die doch durch die sonstige bedeutung nun eine verhöhnende bedeutung erhält. es erinnert an den im minneleben entwickelten seltsamen gebrauch des korbes, eigentlich zum aufziehen des bewerbers zum stelldichein, dann aber mit dem boden so eingerichtet, dass der arme 'durchfiel', der korb also als zeichen scheinbaren gewährens, aber höhnisch ins gegenteil verkehrt.

Die sinnbildliche verwendung des aus dem kleide genommenen fadens stammt aber aus dem rechtsleben, jener gebrauch im minneleben ist eigentlich eine rechtshandlung 3. der faden ist

1 'nehmt hin', genau wie franz. tenez là.

2 d. i. sult daer bij.

3 ich verdanke das meinem verstorbenen collegen vom deutschen recht, prof. Stobbe, und möchte, da einmal sein name zu nennen ist, auch eines wenig bekannt gewordenen umstandes erwähnung tun, der freilich schmerzliche empfindungen erregen muss. Stobbe hatte jahre lang für eine zweite ausgabe von JGrimms Rechtsaltertümern mit hingebender liebe gesammelt und ist zur ausführung des vorhabens nicht gekommen, wie JGrimm selbst auch nicht, sodass nun ein buch von 1828 die stelle ausfüllen muss, für die seitdem durch forschung und funde so viel stoff und licht hinzugekommen ist. wie fehlt uns nicht, auch für philologische zwecke, eine genauere kenntnis des alten rechtslebens, das ja damals leben und denken der leute (von jugend auf) umspannte und durchdrang, nicht wie jetzt ein vom leben abgesondertes gelehrtes gebiet war. der obige fall kann das wider nahe legen.

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