Page images
PDF
EPUB

seinen töchtern und der Thrakerkönig Clymenos oder Harpalykos mit seiner tochter mit einander verschmolzen worden und so der zug der Wolfdietrichssage, dass der vater seine tochter den fremden preisgibt, schon früher eingedrungen sein. auch ein einfluss der verwanten Marpessa auf den namen der Harpalyke ist denkbar.

Das antike mischproduct zeigt sich im Wolfdietrich vielfach umgemodelt durch die anschauungsweise und cultur der kreuzzugszeit, aus der das gedicht stammt. schon nach der antiken überlieferung hiengen die häupter der unglücklichen freier an säulen oder waren über der tür aufgesteckt, aber ihre massenhafte aufpflanzuug auf die zinnen der burg war doch erst saracenische sitte, welche die Araber namentlich auch in Spanien oft in erschrecklicher ausdehnung an christenhäuptern ausübten (DHB III s. XXIX). wie das antike ballspiel des Apollonius von Tyrus in ein schirmfechten Jourdains von Blaivies und weiterhin in ein turnier Orendels umgebildet wurde (Zs. 37, 331), so verwandelte man das antike wagenrennen des Oinomaos, der seinen gegner mit einer lanze durchbohrt, in ein messerwerfen Belians, der seinen gegner mit einem messer zu durchbohren trachtet. die wahl gerade dieses gefährlichen wettspiels erklärt sich aus der häufig bezeugten freude jener zeit am messer- oder schwerterwerfen, das vielleicht an die altheimischen schwerttänze anknüpfte, und weiterhin aus dem, wie es scheint, morgenländischen messerkampf. nach den älteren berichten tat sich Taillefer nicht durch seinen sang, sondern durch sein spiel mit hoch in die luft geworfenen schwertern hervor 1. über die bewegten ruder an der aufsenseite des schiffes hinschreitend spielte der norwegische könig Olaf Tryggvason mit drei messern, die er in die luft warf, und der mythische könig Gylfi traf vor Valhöll einen mann, der sogar sieben messer zugleich in der luft hatte 2. in ganz ähnlicher lage wie Belian den Wolfdietrich fordert Galagandreiz den Lanzelet, der ohne seine einwilligung seine tochter beschlafen hat, zum zweikampf mit zwei zweischneidigen messern heraus 3. dass

1 nach einem gedichte des Troubadours Guiraut von Calanson fiengen die spielmänner kleine äpfel mit messern auf, vgl. AKaufmann Caesarius von Heisterbach s. 123.

2 KHoffmann Roman. studien 1 432. Heimskringla c. 92 s. 195. Gylfaginn. c. 2.

3 Lanzelet v. 1119. Heinzel Wiener SB. 119, 68 ff. 78 ff; DHB iv 317. vgl. ASchultz Höfisches leben и 130.

im Wolfd. der meister im messerkampf ein heide ist und Belian heifst, hat seine guten gründe. Belian, Pelian, Baligan usw. gilt im altfranzösischen und darnach im mhd. epos für einen heidennamen, den manche Saracenenfürsten und später in würklichkeit auch christliche herren im morgenlande, zb. die herren von Sidon, trugen. er wird von Belus, dem Bel oder Baal zu Babel, berzuleiten sein. die euhemerisierende kirche sah in diesem einen vergötterten könig, den ersten götzen, den urheber alles heidentums 1. darum heifst Belian zb. im Orendel v. 400 f ein wol vermessener heidnischer könig der wüsten Babilonie und, weil man Belus im altertum auch als sohn der Libya kannte, erwähnt Biterolf v. 315 einen Baligan von Lybia. anderseits kennt ihn Hyginus fab. 274 als den ersten, ‘qui gladio belligeratus est, unde bellum est dictum'. nach diesem zuerst mit dem schwert hantierenden heidenkönig des orients wurde in unsrer dichtung oder deren vorlage der aus der Oinomaos-Harpalykos (-Diomedes?)sage hervorgegangene vater der heldin benannt und vollends zu einem mörderischen, messerwerfenden, auf einer einsamen burg hausenden heidenfürsten Belian umgeprägt, seitdem der Assassinenhäuptling, der scheik der Ismaeliten, der geheimnisvolle Alte vom Berge oder Senior Montanae, durch seine messer einen furchtbaren ruf im abendlande erlangt hatte. der kreuzzugshistoriker Jacob von Vitry nannte ihn 'dominus cultellorum'. mancher muhamedanische fürst fiel unter den meuchlerischen messern seiner sendlinge, wie auch mancher christliche: 1152 graf Raimund von Tripolis, 1193 markgraf Konrad von Tyrus und, was die Deutschen näher berührte, 1231 herzog Ludwig von Baiern. der herr dieser leute selber konnte kaum anders denn als ein grausamer messerwerfer auf seinem bergschlosse gedacht werden. die annahme eines einflusses dieser merkwürdigen historischen figur auf den messerwerfenden burgherrn Belian in Wolfd. D scheint der eigentümliche zug zu bestätigen, dass der böse heide den ritter an der hand über den hof vor das bild des Todes führt mit den worten:

'schouwe, ritter edele, daz bilde heizt der Tôt.

ez bringt dich, degen küene, noch hiute in groze not!' denn es wurde von dem Alten vom Berge erzählt, er habe vor 1 vgl. zb. Lactantii Institut. epitome c. 19 (24). Isidor. Etymolog. vII

11, 23.

sich ausrufen lassen, dass er den tod der könige in seiner hand trage'.

Der hauptstock des Wolfdietrichsabenteuers ist damit erklärt, nur einzelne nebenzüge sind noch unaufgehellt. der burgname scheint romanisch, sowie die zaubereien, die an ähnliche in den Artusromanen vorkommende erinnern, wie denn überhaupt auch die namenformen Belian und Marpalie einen durchgang des stoffes durch französische epen befürworten. noch kann man hinzufügen, dass ebenso wie unsre Belianepisode wesentlich der Pelopssagenfassung des scholion zum Apollonius Rhodius 1, 752 entspricht, noch ein anderes abenteuer vom kampf mit einem ungeheuer, dessen ausgeschnittene zunge vorweisend Wolfdietrich sich der königin als den würklichen sieger einem betrüger gegenüber ausweist, auf ein scholion zu demselben schriftsteller 1, 516 zurückgeht, vgl. DHB IV s. XLIII.

An drei beispielen der mhd. spielmannspoesie des 12 und 13 jhs. ist der einfluss des hellenistischen romans und des spätgriechischen mythus nachgewiesen. wie diese art der antiken poesie um dieselbe zeit auch in die nordische sagenwelt, namentlich Saxos und der Prosaedda übergegriffen hat, davon ein andermal. Freiburg i. B., 28 jan. und 20 sept. 1893.

ELARD HUGO MEYER.

KRITISCHES UND EXEGETISCHES ZU ALTDEUTSCHEN DICHTERN.

Es sei mir gestattet, diese analecta zu beginnen mit zwei gedichten, die ich selbst soeben, zu einem bändchen vereinigt, neu herausgegeben habe. in der einleitung zu den Zwei altdeutschen rittermæren (Berlin, Weidmann, 1894) haben litterarhistorische erörterungen einen so breiten raum eingenommen, dass es geraten schien, über die wahl einzelner lesarten wie über das ganze kritische verfahren an anderer stelle rechenschaft zu geben.

1. MORIZ VON CRAON.

Mir selbst so wenig wie dem leser habe ich eine augenweide bereitet mit der scharfen heraushebung derjenigen wörter und wörtchen, die einzuschieben mir notwendig oder richtig schien;

1 Weil in der Histor. zs. 9, 419. Döllinger Akadem. vorträge ш 207.

ich wünsche auch gar nicht, dass mein beispiel regelmäfsige nachahmung finde. für diesmal habe ich einen bestimmten zweck dabei im auge gehabt. unter den 42 zusatzwörtern oder wortgruppen, die ich nur zum kleinern teil in übereinstimmung mit. Haupt oder Mafsmann eingeschaltet habe, befinden sich nur wenige, bei denen für mich metrische rücksichten entscheidend gewesen sind. wenn ich auch oft genug durch einen metrischen anstofs aufmerksam geworden bin, so habe ich doch nur in zwei oder drei fällen dem vers zu liebe interpoliert. ich wollte mit den vielen einmal nachdrücklich zeigen, wie oft ein gewissenhafter herausgeber, der mit den idiomatischen eigentümlichkeiten der mhd. dichtersprache rechnet und auch das wenige besondere, was sich einer dichtung von kaum 1800 versen für die eigenart des verfassers entnehmen lässt, zu lernen versucht hat, einer einzigen hs. gegenüber in die lage kommt, den vers 'füllen' zu müssen. ich denke metrisch viel weniger streng als MHaupt und nehme beispielsweise an inhaltlich und sprachlich tadellosen dreihebigen versen oder wenigstens versparen keinen anstofs und doch habe ich noch weit öfter als er ein wörtchen eingeschoben. wortauslassungen sind die häufigste aller fehlergattungen: ganz besonders aber da, wo die hs. (oder ihre vorlage) ohne absetzung der verszeilen geschrieben ist; denn die unter einander gerückten verse erleichtern ungemein die controle des zeilenumfangs und wortbestandes. einer unserer jüngsten metriker, AHeusler, dem ich sonst in vielem gegen Lachmann und meine eigene frühere auffassung recht gebe, hält doch in der verteidigung des nur in der minnesängerls. C erhaltenen textes der Kürenberg-lieder (zb. Mfr. 8, 13: Zur gesch. d. altd. verskunst s. 94) gelegentlich allzu einseitig an dem fest, was metrisch möglich ist.

Es schien mir aber die heraushebung der restituierten wörter auch noch einen andern nutzen zu gewähren: die verschiedenen gründe der auslassung, meist solche fürs auge, treten schon bei einem raschen überblick zu tage. so die verwechselung zweier wortausgänge in fällen wie 538 muoz (ez), 833 wiz (ûz), 960 ein (swan), 1281 vil (wol); 576 (doch) ich, 634 (daz) ez; seltener der wortanfänge: 561 wizzet (wol), 1739 müejet (mich): der schreiber glaubt das mit z, n, ch; w, m auslautende resp. anlautende nachbarwort schon geschrieben zu haben. ähnliche wortbilder haben den verlust auch herbeigeführt in fällen wie 484

mir (ie), 1346 (dir) wie; selbstverständlich in 1543 (er) erschrikte, 1709 (ir) irgan, sehr wahrscheinlich in 1164 darinn (in), 1435 hin wider (in), 1401 ich (ir), 1129 ich (iz), 1717 muoz ich [h-ähnliches !]. viermal ist nach meiner recension der versanfang verloren (90. 576. 983. 1284), nur einmal der versschluss: 1748, worüber unten näheres. den artikel habe ich viermal einsetzen zu müssen geglaubt: 208 (die) sicherheit ist vielleicht nicht unbedingt nötig; die übrigen drei fälle aber bilden eine gruppe, und die ist belehrend:

[ocr errors]

672 und sante nach (dem) maste

872 und rouben wolte ûf (dem) mere

1553 und erschrac und mit (dem) munde

vielleicht erklären sich alle drei beispiele aus enklise des artikels an die praeposition in der vorlage: nachem, ufem 1, mittem, was dem abschreiber nicht geläufig war.

Ich wende mich nun zur besprechung ausgewählter stellen, wobei ich ein paarmal mich mit einem hinweis auf die seitenzahlen meiner einleitung begnügen kann. wo ich einer restitution oder emendation FBechs gefolgt bin, wird man die begründung, soweit eine solche nötig ist, auch in dessen aufsatz Germ. 17, 168 ff finden.

V. 2 ist mit rede eine adverbialische bestimmung, die dasselbe besagen mag wie das adv. redeliche und die also durch das von wærlichem mære des folgenden verses nur variiert wird. im übrigen vgl. Er. 3804 f als ez diu werlt vername und ez ir für kæme. v. 21 1. Deiphebus, vgl. einl. s. xii'. v. 31 f: ich habe v. 32 hypotactisch genommen (für reguläres si enherten) und reichte der hs. stehn lassen, obwol ich eine genaue parallele für diesen gebrauch des verbums reichen sufficere' nicht nachweisen kann. zu v. 76 vgl. einl. s. xiv. v. 90. 91 hs. vnd bereitet sich weyt im lannde haben wir einen jener fälle, wo der schreiber völlig in die prosa entgleist scheint: den zweiten vers habe ich genau so hergestellt, wie er in der Eneide mehrfach (zb. 4526. 10641) vorkommt (vgl. auch gr. Rud. ẞ 5 witene after deme lande); das im 12 und im anfang des 13 jhs. so häufig bezeugte after lande wird in jüngern hss. oft genug durch in dem lande verdrängt, vgl. zb. die laa. zu En. 2418. 8432. die ergänzung von v. 90 wird einer bessern gern platz machen. in v. 94 scheint

[blocks in formation]

7

« PreviousContinue »