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Die Untersuchung der noch verbleibenden Verschiedenheiten zeigt, dass viele von ihnen verhältnismässig wenig Bedeutung haben. Horts Endurteil ist, dass das Gebiet, das durch wesentliche Verschiedenheiten in Anspruch genommen wird „kaum mehr als ein Tausendstel des ganzen Texts bilden kann." Um eine Vorstellung davon zu gewinnen, was das bedeutet, können wir sehr einfach vorgehen. Ein neben mir liegendes griechisches Neues Testament enthält fünfhundertundsechzig Seiten, die nicht einmal so gross wie meine Hand sind. Ein paar Zeilen verschiedener Lesarten finden wir fast auf allen Seiten. Ein Tausendstel davon würde dann nach allem ungefähr eine halbe Seite oder fünfzehn oder sechzehn dieser kurzen Zeilen sein. Das ist wirklich nicht sehr viel.

Das Wichtige für den Christen ist, dass er wünschen muss, sein einziges grosses Buch in den besten möglichen Zustand gebracht zu sehen. Es wäre eigentümlich, wenn ein Christ dafür Sorge trüge, eine gut gebaute Kirche, einen gut vorbereiteten Pfarrer, und einen gut geschulten Chor zur Verfügung zu haben, aber sagen sollte: „Es hat keine Not mit dem Neuen Testament. Die Ausgabe, die Estienne vor dreieinhalb Jahrhunderten gedruckt hat, als man nur wenig über den Text wusste, ist vollständig gut genug für mich." Es ist sonderbar, einen Menschen zu sehen, der sich eifrig darum bemüht, das neueste und beste elektrische Licht zu haben, dem es aber völlig gleichgiltig ist, ob er den besten Text in seinem Neuen Testament habe oder nicht.

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III.

Kritik der Schriften.

Die Kritik des Kanons hat das Gebiet, auf dem wir zu forschen haben, abgegrenzt. Die Kritik des Texts hat Umschau über das. was auf diesem Gebiet liegt, gehalten, und uns über seinen Zustand berichtet. Wir haben nunmehr in der Kritik der Schriften in die Untersuchung über die verschiedenen Abteilungen dieses Gebiets einzutreten.

Siebenundzwanzig Schriften sind zu prüfen. Wir haben ihren allgemeinen Inhalt festzustellen, ihren Zweck zu erkennen, ihre Sprache nach ihrer Eigentümlichkeit zu befragen, und schliesslich aus diesen und anderen möglichen Leitgedanken und Leitfäden ihre Entstehung in ihrem Zusammenhang aufzuklären. Wir haben die Fragen nach dem Verfasser, nach den Lesern, ferner nach der Zeit und nach dem Ort der Entstehung, so weit wie tunlich, zu entscheiden, damit der Exeget, der Ausleger dieser Schriften, seine Arbeit auf sicherer Grundlage ausführe.

Indem wir uns anschicken, die Bücher des Neuen Testaments einzeln zu besprechen, haben wir es zuerst nötig über eine Anordnung derselben klar zu werden. Das heisst nicht, dass wir hier in eine Untersuchung über die Richtigkeit oder die Berechtigung der herkömmlichen Ordnung eintreten wollen. Die Ordnung nach der gewisse mit einander verbundene Schriften überliefert sind, und im Gebrauch stehen, mag in einer Weise richtig und durchaus zweckmässig, ohne dabei für den Literargeschichtsschreiber brauchbar zu sein. Sie mag eine faktische, pragmatische, chronologische Reihenfolge der Tatsachen oder Begebenheiten, die das Werk enthält, darbieten, die aber mit der wirklichen Entstehung der einzelnen Schriften nichts zu tun hat.

Nehmen wir ein Beispiel aus der profanen Geschichte. Der berühmte englische Schriftsteller Hume schrieb die Geschichte eines bestimmten Abschnitts der Entwicklung des englischen Volks, und gab sie in zwei Bänden heraus. Später nahm er den jenem vorangehenden Abschnitt vor und gab ihn gleicherweise in zwei Bänden

heraus. Und schliesslich behandelte er ebenfalls in zwei Bänden die vor dem zweiten Abschnitt liegende Zeit. Ich habe die sechs Urbände gesehen. Seitdem nun das ganze Werk vorlag, konnte es keinem Vernünftigen mehr einfallen, darauf zu bestehen, dass es gerade so gelesen, gerade so wieder herausgegeben werden müsste, wie es zuerst geschrieben wurde. Trotzdem muss jeder, der die Geschichte der englischen Literatur schreibt, die Entstehung des Werks so verfolgen.

Die herkömmliche griechische Anordnung der Schriften des Neuen Testaments ist: Evangelien, Apostelgeschichte, katholische Briefe, paulinische Briefe, Offenbarung. Das ist eine Anordnung, die wir als chronologisch dem Stoff nach ansehen können. Denn die Evangelien bieten die Heilspredigt Jesu dar, die Apostelgeschichte erzählt von der Begründung und Ausbreitung der Kirche, die katholischen Briefe liefern die Ermahnungen der Urapostel, die paulinischen die Ermahnungen des Paulus, und die Offenbarung eine schwärmerische Darstellung der Zukunft. Diese ist die für die Gemeinde beizubehaltende praktische Anordnung.

Unsere Aufgabe verlangt eine andere Reihenfolge. Wir haben uns mit dem Stoff nicht von dem Gesichtspunkt des tatsächlichen Vorgangs aus zu befassen, sondern von dem genaueren Gesichtspunkt aus, der wirklichen Entstehung der einzelnen, uns vorliegenden Bücher. Doch darf man nicht zu viel verlangen. Die Spärlichkeit der uns zur Verfügung stehenden Zeitangaben wird nicht ausreichen, um die ganz ins einzelne gehende Anordnung klar zu machen. Deswegen aber dürfen wir nicht vollständig darauf verzichten, diese richtige Anordnung anzustreben. Es ist nicht möglich, in jedem Fall Jahr für Jahr sagen: hier schrieb Paulus diesen Brief, hier zeichnete jener seine ersten evangelischen, oder brieflichen, oder apokalyptischen Erfahrungen, oder Wahrnehmungen, oder Gedanken, oder Träume auf. Wir nehmen aber das allgemeine zu unserer Richtschnur und lassen das Untergeordnete sich fügen.

Wir fangen daher mit Paulus an. Denn wir haben jeden Grund anzunehmen, dass er zum Schreiben geneigt und befähigt war, und dass die Art seiner christlichen Tätigkeit ihm leicht eher als Anderen es nahe legte, Briefe abzufassen. Seine sechs Hauptbriefe werden uns zuerst beschäftigen. Es wäre zwar nicht durchaus unpraktisch darauf Alles sonst, was wir von Paulus haben, oder was die Kirche gewöhnlich Paulus zuschreibt, an diese sechs Briefe anzuschliessen. Da es aber nicht ausgeschlossen ist, dass die Schreibtätigkeit des Paulus auch bei Petrus den Gedanken an eine schriftliche Ermahnung anregte, und da man von literarischer Abhängigkeit bei mehr als einem der Briefe Pauli spricht derart, dass Petrus dem Paulus oder Paulus dem Petrus eine Vorlage ge

boten hat, lassen wir auf diese ersten Briefe des Paulus den ersten Brief des Petrus folgen. Es wird sich bei der genaueren Besprechung zeigen, dass wir dadurch nicht etwa zwei einander diametral entgegengesetzte Auffassungen des Christentums mit einander vermengen und verwirren. Wird der Brief des Petrus hier eingestellt, so bietet er eine willkommene Abwechslung in den Personen, sowol des Schreibenden wie auch der Lesenden, und eine gute Gelegenheit, die zwei Führer mit einander zu vergleichen.

Die sogenannten Gefangenschaftsbriefe des Paulus werden sodann unseren Blick auf sich ziehen. Ihnen lassen wir den Brief des Jakobus folgen. Wie vorher bei Petrus, so wird auch dieser hier eingefügt, die zu beschauende Lage vollständig ändern. Die Verschiedenheit der Menschen wird durch die scharfe Aufeinanderfolge ihrer Schriften um so deutlicher in die Augen fallen. Daneben wird auch wieder die Frage über eine vermutete schriftstellerische Verbindung zu überlegen sein.

Die Hirtenbriefe schliessen die Schriften des Paulus. Bald nach ihrer Abfassung hat wol des Römers Wut dem Leben des Heidenapostels ein Ende gesetzt.

Der Judas-Brief, der Hebräerbrief, und die Offenbarung bringen die jüdische Seite des Christentums in dreifacher Art zum Vortrag. Sie sind fast die letzten Schriften gewesen, die die Christen noch in den Hallen des Tempels in Jerusalem haben besprechen können. Es ist möglich, dass nur eins der drei synoptischen Evangelien, das Markusevangelium, vor dem Jahr 70 und vor der Zerstörung des Tempels in Jerusalem entstanden ist. Dann folgen Matthäus, Lukas, und die Apostelgeschichte.

Den Schluss bildet das vierte Evangelium mit den drei Johannesbriefen, nur dass einige Worte dem sogenannten zweiten Petrusbrief zu widmen sind.

Diese Anordnung ist gewiss nicht die genaue zeitliche Reihenfolge der Briefe nach ihrer Entstehung. Sie gibt uns aber zu denken. Sie lässt uns nicht in schläfriger Weise die weit weniger zeitliche Reihenfolge, die unser Neues Testament bietet, benutzen. Sie ist nicht unpraktisch.

1.

Paulus und die Anfänge der christlichen schriftlichen

Überlieferung.

Bei der Gründung der christlichen Kirche zu Jerusalem gab es unter den Führern derselben keinen Schriftgelehrten, niemand der die Gelehrsamkeit für seine Hauptbeschäftigung ansah. Verschiedene der Zwölfapostel, wahrscheinlich alle, sind wie Jesus des Lesens und Schreibens kundig gewesen. Doch waren sie alle, soweit wir sie kennen, Gewerbetreibende oder Handwerker, abgesehen von dem Zöllner Matthäus. Es hat keiner von ihnen den Drang gefühlt, die Feder als das ihm naturgemässe und gewohnheitsmässige Werkzeug sofort zu ergreifen. Die christliche Kirche war nicht eine gelehrte Gründung.

Die Weise, auf die die Kirche zu fördern war, war durch mündliche Mitteilung von Mann zu Mann. Die Aussendung der Zwölf und der Siebzig ist vorbildlich für die fernere apostolische Tätigkeit gewesen. Die Apostel wendeten sich grösstenteils an die Armen und Ungebildeten unter dem Volk, die eine schriftliche Predigt weder kaufen noch lesen konnten. Es lag also weder in den Umständen, noch in der Art ihrer Tätigkeit, noch in dem Bedarf der von ihnen zu Erreichenden die Veranlassung zum Schreiben.

Die allgemein menschliche Bestimmung des Christentums wurde zwar bald, doch aber erst dann erkannt, als die Fremden beim Pfingstfest gläubig geworden waren. Die nach Haus zurückkehrenden Diasporajuden haben ohne Zweifel die Kunde vom Christentum weit von Jerusalem hinausgetragen. Nichtsdestoweniger blieb vorderhand die amtliche Verkündigung der Frohbotschaft des Himmelsreichs auf einen sehr kleinen Raum beschränkt, bei dem der Gedanke an schriftlichen Verkehr sich weniger nahe legte. Kurz, die ersten Führer der Kirche waren zum kunstmässigen, schriftstellerischen Schreiben nicht aufgelegt, sie waren an weite Reisen und an einen Verkehr mit entfernten Orten nicht gewöhnt, und sie fassten ihre Aufgabe und deren Weltbedeutung noch nicht praktisch auf.

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