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Quellen und Zeit.

Dieser Schriftsteller hat seine erste Schrift in bewusster Benutzung verschiedener Quellen ausgearbeitet. Wir werden dann kaum daran zweifeln, dass er seine zweite Schrift, so weit das angängig war, wenigstens unter Mitbenutzung von Quellen angefertigt hat, denn wir haben keinen Grund vorauszusetzen, dass der Verfasser die erste Schrift gerade in dem Augenblick abbrach, wo er aufhörte, von Anderen abhängig zu sein, und dass er schon am Anfang der Apostelgeschichte von den erzählten Ereignissen als Augenzeuge berichten kann. Die Trennung der zwei Schriften ist nicht nach subjektiven, sondern nach objektiven Gründen erfolgt und sie hängt mit dem Scheiden Christi zusammen.

Es ist dann in dem ersten Teil der Apostelgeschichte ersichtlich, dass eine gewisse Quelle benutzt und überarbeitet worden ist. Nach Lage der Umstände kann diese Quelle unmöglich eine andere als eine aus der ersten jüdischen Gemeinde hervorgegangene sein. Damit stimmt dann ihre aramäische Färbung überein. Wir haben aber nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass unser Verfasser eine Quelle benutzt hat, die noch in aramäischer Sprache vor ihm lag. Diese Quelle wird, eben wie die alte Quelle für die evangelische Geschichte, schon ins Griechische übersetzt worden sein. Nach dem Masstab dieser Quelle erzählte der Verfasser gerade aus ohne irgendwelche Nebenabsicht alles, was er erzählen konnte, über das Pfingstfest, über Petri Predigt, und über jüdische Anfeindungen. Hierbei zeigt uns die Bearbeitung des Verfassers, dass er bisweilen die Quelle oder die Tragweite ihrer Ausführungen nicht genau verstanden hat. Die Reden scheinen nicht unmittelbar von unserem Verfasser frei erfunden, sondern aus der Quelle herzustammen und überarbeitet worden zu sein. Dies ist das Verhältnis im Verfolg der Erzählung bis zum 15. Kapitel.

Der zweite Teil bringt in den Abschnitten 16, 10-17; 20, 5-15; 21, 1–18; 27, 1-28, 16 eine eigentümliche Erscheinung zu Tag; denn hier wird das Wörtchen uɛls „wir“ bestimmt und klar angewendet. Man hat diese Erscheinung häufig in dem Sinn gedeutet, dass der Verfasser gerade hier aber auch nur hier Augenzeuge gewesen ist. Das mag der Fall sein. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Doch muss man feststellen, dass dieser Schluss nicht schlechthin notwendig ist. Jeder beliebige Schriftsteller und so auch unser Evangelist konnte auch über persönlich Erlebtes berichten, ohne in der ersten Person zu schreiben. Ferner, gerade so gut wie unser Verfasser wir" schreiben konnte, so hätte auch ein früherer Schriftsteller ,,wir" schreiben, und auf diese Weise als unmittelbar redend angeführt werden können.

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Die vor einigen Jahren vorgebrachte Hypothese, dass Lukas selbst zwei Ausgaben der Apostelgeschichte, eine ursprüngliche und eine revidirte, herausgegeben hat, findet in den Zeugen nicht die geringste Bestätigung.

Für die Zeit der Abfassung darf man das Jahr 85 vorschlagen, um dem Gedächtnis durch eine bestimmte Zahl eine Stütze zu bieten. Nichts aber bedingt gerade dieses Jahr, nicht verhindert schlechthin die Abfassung um das Jahr 70 herum, oder gar schon zehn Jahr früher, vielleicht genau an dem Zeitpunkt, in dem Paulus - wenn meine Vermutung richtig ist, aus der zweijährigen Haft befreit, Rom zum ersten Mal verliess.

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Verfasser.

Bei jenen „Wir"-Stücken sucht man nach Spuren des Verfassers, denn sie können von ihm besonders herrühren. Es war nicht sonderbar, dass man an Timotheus den treuen Begleiter Pauli dachte, der Paulus auch grösstenteils gerade während vieler Teile jener Reisen beistand. Er wird aber dadurch ausgeschlossen, dass er gerade unter gewissen Männern steht, die an einer Stelle den Wir" gegenübergestellt werden. An Titus, den Paulus auch geschätzt und als Reisebegleiter benutzt hat, hat man gedacht, ohne aber dass seine Reisen irgend wie in Einklang mit den „Wir“Reisen zu bringen wären. In neuerer Zeit ist man geneigt, den Silvanus oder Silas mehr überhaupt in den Vordergrund zu stellen. Man hat versucht, ihn mit Lukas zu einer Person zu verschmelzen. Doch stimmt diese Hypothese nicht auf eine solche Weise mit den ,,Wir"-Stücken überein, dass man sie für richtig halten kann. Lukas dagegen passt am allerbesten für diese Stücke, während keine wichtigen Gründe gegen ihn als Verfasser vorgebracht worden sind.

Die Schwierigkeit, dass man ihn als persönlich unterrichtet auch über einige andere, nicht durch „Wir kenntlich gemachte Stellen denken könnte, ist kein Grund, warum er nicht für den Verfasser des ganzen Buchs ins Auge gefasst werden darf. Quellen hat er zweifellos gebraucht. Nichts verhindert, dass er hier oder dort eine Quelle ausgezogen hat, wo er doch selbst etwas hätte sagen können.

Gerade der Umstand, dass die Überlieferung Lukas als Verfasser nennt, ohne dass er in den Reiseberichten und in den Briefen des Paulus sehr stark hervorgetreten ist, spricht dafür, dass er wirklich der Verfasser ist. Bis bessere Gründe gegen ihn, und bessere Gründe für einen anderen Verfasser vorgeführt werden, sind wir berechtigt Lukas für den Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte zu halten. Hier möchte ich bei

Lukas auf eins aufmerksam machen. Heute sind die Ärzte im Osten eine besonders bevorzugte Klasse. Überall unter den Muhammedanern finden wir christliche Ärzte, die hohes Ansehen, grossen Einfluss, und unantastbare persönliche Sicherheit geniessen. Das war aber ebenfalls im Altertum wahr. Lukas wird eine Sonderstellung eingenommen haben.

Aufnahme.

Die Apostelgeschichte bildet in Bezug auf ihre Annahme oder Aufnahme oder Benutzung in der Kirche eine verschiedene Erscheinung von den synoptischen Evangelien, mit deren einem sie doch so eng verbunden ist. Wir haben angenommen, dass das Lukasevangelium wahrscheinlich um das Jahr 80 verfasst wurde. Wäre die Apostelgeschichte gleichzeitig mit ihm geschrieben und in die Welt geschickt worden, so wäre sie ohne Zweifel mit ihm abgeschrieben, mit ihm in die Überlieferung eingetreten, und mit ihm von der Überlieferung gleich weiter mit übermittelt worden. ohne Rücksicht darauf, ob andere Evangelien in Betracht kämen oder nicht.

Ihr Verfasser hat sie also zu einer anderen. wahrscheinlich späteren Zeit geschrieben. Wir sind somit im Einklang mit seiner Darstellung am Eingang der Apostelgeschichte, die das Evangelium so erwähnt, als ob es sich damals schon eine Zeit lang in den Händen des Theophilus und deswegen vermutlich, sicherlich auch in den Händen Anderer befunden hätte. Als aber die Apostelgeschichte abgefasst wurde, war man im allgemeinen noch nicht so weit gekommen, in der geschichtlichen Wertschätzung des darin behandelten Zeitraums, dass man dieses Buch sofort eben so hoch wie ein Evangelium eingeschätzt hätte. Die grundlegenden Erzählungen über Jesu Geburt und seine Wirksamkeit und seine Leiden wurden eifrig gesucht, gepflegt, und abgeschrieben. Auch waren apokalyptische Träume über seine demnächst zu erwartende Rückkehr äusserst beliebt. Aber die Gründung der Kirche, die äussere Verbreitung und Gestaltung des Christentums, beanspruchte, weil es eben nur „Geschichte" war, verhältnismässig geringes Interesse.

Aus diesem Grund finden wir zwar in der ersten christlichen Literatur, wie wir bei der Besprechung des Kanons, siehe oben, S. 275, gesehen haben, Einiges, das wahrscheinlich aus der Apostelgeschichte herstammt, doch wird das Buch erst reichlich und mit dem Namen des Lukas als des Verfassers im Muratorischen Bruchstück und bei Irenäus angeführt. Die Kirche ging eben nicht besonders auf dieses Buch ein. Die Evangelien boten das Wichtigste.

Sie wurden allsonntäglich in den Versammlungen vorgelesen. Die Predigt knüpfte besonders an die Evangelien an. Sie waren interessant und bekannt. Daneben ging man teilweise auf das Alte Testament zurück, teilweise zu den Briefen, besonders des Paulus, über. Infolgedessen kam es soweit, dass Chrysostomus noch am Schluss des vierten Jahrhunderts (†407) klagen konnte, dass diese Apostelgeschichte nur wenig verbreitet wäre. Doch ist das frühe Vorhandensein des Buchs in keiner Weise anzuzweifeln.

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8.

Johannes.

Sein Evangelium.

Das Johannes-Evangelium stellt sich als ein Evangelium dar, bietet aber nur geringe Ähnlichkeit mit den drei Evangelien, die wir schon betrachtet haben. Wenn ein Evangelium nur die Frohbotschaft des Himmelreichs sein kann, so scheint diese Schrift gewissermassen nur mehr mittelbar ein Evangelium zu sein. Der Hauptgegenstand darin ist nicht das Reich, sondern der Logos oder der Sohn, von dem dann die Frohbotschaft zu reden hätte. Doch wird dieser Hauptgegenstand nicht so sehr objektiv durch andere beschrieben, sondern mehr subjektiv durch sich selbst. Man möchte dieses Evangelium die Selbstdarstellung Jesu nennen. Die Beschreibung geht weniger auf Äusserlichkeiten ein, auf das, was der Sohn auf Erden getan hat. Sie weist mehr auf das Innerliche, auf das, was der Sohn seinem Wesen nach ist. Dementsprechend beruht das Verhältnis der Anhänger des Johannes zu ihm mehr auf einer inneren, persönlichen, lebendigen Verbindung mit ihm und weniger auf einer Tat, auch einer Glaubenstat, der Jünger.

Das ganze Evangelium ist weniger sittlich, mehr religiös angelegt. Das Religiöse ist von oben her vorgetragen. Es bietet das, was Gott ist und will und tut und gewährt, weniger das, was der Mensch seinem Gott leisten soll. Es ist ein geistiges" Buch, das mit dem лvɛõμɑ zu tun hat. Es vergisst die engeren Beziehungen zu Palästina und begibt sich auf den allgemein menschlichen, überall giltigen Boden eines höheren Seins. Es hebt die Unterscheidung zwischen Himmel und Erde, Gegenwart und Zukunft auf. Es vereinigt Gott mit dem Menschen in dem sofort in Kraft tretenden Bund. Doch ist dieser Bund nicht mit nur äusserlichen Banden geknüpft und versichert. Er ist zwar ein Bund und doch wieder kein Bund, eine Zusammenfassung und doch wieder keine Zusammenfassung. Denn die beiden Glieder des Bunds sind nicht mehr neben einander. Sie sind in einander. Sie sind nunmehr nicht zwei Wesen. Sie sind mit einander zusammenverschmolzen. Sie sind Eins.

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