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Nr. 10759. ÖSTERREICH. -Beust an Andrassy.

Oesterreichs Haltung im Jahre 1870*).

Bericht über Nr. 10759.

London, 28. April 1874.

Mit dem gehorsamsten Berichte vom 24. d. Mts. Nr. 40. H. hatte ich um die Erlaubniss gebeten, unter Benützung des nächsten englischen Kuriers, welcher morgen von hier abgehen wird, Euerer Excellenz eine etwas ausführlichere Darlegung mit Bezug auf die sogenannten Enthüllungen von 1870 zu unterbreiten. Die alsbald darauf telegraphisch signalisirte Interpellation des Herrn Irany veranlasste mich, die nothwendigsten Daten mit Rücksicht auf eine eventuelle Beantwortung derselben durch mein gehorsames Schreiben vom 25. d. Mts. vorauszusenden, und ich unterlasse nunmehr nicht, dieselben zu vervollständigen. || Die nachstehende Aufzeichnung hat nicht den Zweck einer persönlichen Vertheidigung, nachdem eine Rechtfertigung nicht von mir erfordert worden ist und ich in keiner Weise damit den Wunsch einer publizistischen Erörterung verbinde. Allerdings ist es die Publicität, welche in mir das Bedürfniss einer retrospectiven Feststellung entstehen liess; allein wenn ich demselben in der gegenwärtigen Form Genüge zu leisten versuche, so geschieht es einerseits, um meiner eigenen Verantwortung vollständig bewusst zu werden, andererseits, um, soviel dies von mir aus möglich ist, Euerer Excellenz den vollen Einblick in einen Abschnitt österreichischer Politik zu bieten, über den sich zu äussern Hochdieselben mehr als einmal in den Fall kommen dürften. || Ich muss dabei im Voraus wegen Zweierlei um Entschuldigung bitten. Meine Ausführungen werden wegen ihrer Länge Geduld in Anspruch nehmen, und meine Person wird vielfach in den Vordergrund treten. Beides kann ich nicht vermeiden das erstere nicht, weil nur die Vollständigkeit des Bildes eine zutreffende Ansicht desselben gewährt, und ebenso wenig das Zweite, nicht allein, weil ich in den betreffenden Episoden als handelnd erscheine, sondern auch deshalb, weil aus meiner früheren Vergangenheit irrige Voraussetzungen stammten, die nicht ganz einflusslos geblieben sind. Nach dieser Einleitung werden Euere Excellenz hoffentlich nicht zu sehr erschrecken, wenn ich meinen historischen Rückblick nicht mit dem 1. Juli 1870, sondern mit dem 30. Oktober 1866 beginne.

Als Seine Majestät unser allergnädigster Herr mich in den Allerhöchsten Dienst zu berufen geruhten, glaubte man auf meiner Seite den Wunsch und das Bestreben einer Revanche gegen Preussen voraussetzen zu müssen, namentlich deshalb, weil der damalige Graf Bismarck mich aus dem sächsischen Staatsdienst entfernt habe. Diese letztere Kombination war schon an sich eine verfehlte; denn ich hatte am Tage, wo die Nikolsburger Friedenspräliminarien unterzeichnet wurden, dem König Johann meine Entlassung als eine

*) Nr. 10759 und 10760 sind entnommen dem Buche von Graf Beust, Aus dreiviertel-Jahrhunderten. 2. Bd. Stuttgart 1887. Red.

Oesterreich. 28. April1874.

Nr. 10759. gebotene bezeichnet, und da Seine Majestät die Entschliessung aus Gründen 28. April1874. unvergesslichen Wohlwollens verzögerten, so brüsquirte ich selbst zuletzt die

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dringende Entscheidung, indem ich mit Genehmigung des Königs mich zur Leitung der in Berlin zu pflegenden Friedensverhandlungen zwischen Sachsen und Preussen erbot, worauf dann die Erklärung des Grafen Bismarck, mit mir nicht unterhandeln zu wollen, vorausgesehenerweise erfolgte. Allerdings hat der Letztere nach der Besetzung Dresdens einige mich persönlich betreffende Maassregeln angeordnet, die vielleicht seiner nicht ganz würdig waren; allein wie ich überhaupt der Ranküne nicht sehr zugänglich bin, — so wird man insbesondere nicht wahrgenommen haben, dass ich persönlichen Gefühlen einen Einfluss auf meine politischen Aktionen je gestattet habe. || Die Voraussetzung des Gegentheils jedoch bestand, und so weiss ich, dass der mir keineswegs übelwollende Graf Mensdorff meiner Ernennung entgegengewesen war, weil er meine kriegerischen Rachegefühle fürchtete. In derselben Weise. äusserte sich gegen mich Graf Belcredi in Prag. Dass ich auf des letzteren Entfernung hingearbeitet habe, ist, um hier gelegentlich einen vielfach verbreiteten Irrthum zu berichtigen, grundlos. Die Unvereinbarkeit unserer beiderseitigen Stellungen ergab sich daraus, dass, nachdem wir Beide gemeinsam mit den ungarischen Herren Bevollmächtigten die Grundlagen des Ausgleichs vereinbart hatten, ich, davon ausgehend, dass wir die Verpflichtung übernommen hätten, diese Grundlagen in der anderen Reichshälfte zur verfassungsmässigen Annahme zu bringen, für die Einberufung des engeren Reichsraths nach dem Februarpatent als den dazu allein führenden Weg mich entschied, während Graf Belcredi, der sich durch das Septembermanifest gegen die Landtage gebunden glaubte, an der Einberufung des ausserordentlichen Reichstags festhielt, von dem die Nichtannahme des Ausgleichs zu erwarten stand. || Was ich in dem mit Allerhöchster Genehmigung an die k. k. Missionen erlassenen Antrittscirkulare erklärte, war die Wahrheit, dass ich nämlich weder Neigungen noch Abneigungen aus meiner Vergangenheit in meine neue Stellung hinübernehme. Mein einziges Programm musste sein und war, den Vortheil Oesterreichs wahrzunehmen, wo ich ihn erkennen würde. Dieser objectiven Auffassung gemäss wurde auch von mir gehandelt, und man fand in Berlin keine Veranlassung, über mich zu klagen. Ich verwendete mich dafür, dass die aufgehobenen Regiments - Inhaberschaften wiederhergestellt würden, ich leitete sofort die Verhandlungen wegen Erneuerung des durch den Krieg aufgehobenen Handelsvertrages ein und wusste der Entgegnung auf die Verlautbarung der süddeutschen Militärverträge, welche nichts Anderes waren als eine anticipirte Verletzung des Prager Friedens, eine Form zu verleihen, welche der Würde nichts vergab, aber den freundlichen Beziehungen zu Preussen volle Rechnung trug. Unserer Haltung und Vermittelung in der Luxemburger Frage wurde in Berlin dankende Anerkennung gezollt. Was damit geerntet wurde, war die Pester Depesche des Baron Werther, die dadurch zu unserer Kenntniss kam, dass das Berliner Kabinet deren Abschriften an seine Gesandtschaften

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hatte gelangen lassen, wodurch die officielle Ableugnung der Depesche jeden Nr. 10759. Werth verlor. Die Wiener Presse verlangte laut die Abberufung Baron 28. April1874. Werther's. Ich widerrieth jeden darauf bezüglichen Schritt. || Die Frage wird vielleicht nahe gelegt, warum man auf halbem Wege stehen geblieben, ob nicht das von Frankreich noch bedrohte Preussen damals vortheilhaft zu gewinnen gewesen wäre, nachdem das siegreiche Preussen sich Oesterreich so leicht angeschlossen hat. || Ich will nicht auf die eben erwähnte Erfahrung der Werther'schen Depesche hinweisen, deren Bedeutung in gleichzeitigen Berichterstattungen des Grafen Wimpffen eher eine Verstärkung als eine Abschwächung fand; ich will vielmehr in Kürze Dasjenige resumiren, was über diese Frage in einem Vortrage gesagt wurde, den ich Seiner Majestät kurz vor dem Zusammentritt der Delegationen im Jahre 1871 unterbreitete. || Wenn der aufrichtige Wunsch und das zweifellose Bedürfniss, dem Reiche die Fortdauer des Friedens möglichst lange zu erhalten, es thunlich machten, die Erinnerungen des kaum verflossenen Jahres 1866 durch freundlichen Verkehr zu verwischen, so hätte es dagegen einer Ueberwindung sehr begreiflicher und achtungswerther Gefühle bedurft, um einen Schritt in der eben angedeuteten Richtung weiter zu thun. Zu dieser Ueberwindung würde Seine Majestät sich dann allein entschlossen haben, wenn die politische Situation und das Interesse des Reichs einen solchen Weg vorgezeichnet hätten. Allein in diesem Falle befanden wir uns ja eben nicht. Die im ersten Rothbuch enthaltene, die Mission des Grafen Tauffkirchen betreffende Depesche dürfte die damalige Lage und die daraus erwachsende Unmöglichkeit einer Verständigung ziemlich zutreffend in den Worten gekennzeichnet haben, dass wir im glücklichen Falle gemeinsamen Sieges als Beutetheil ein Exemplar des Prager Friedens zu erwarten hätten.

In der That galt es, den durch den Prager Frieden (freilich in Folge. der vor Oesterreich geheim gehaltenen Militärverträge nur ostensibel) noch selbständig gebliebenen Süden von Deutschland an Preussen zu überantworten, ein Beginnen, welches damals selbst unter einem grossen Theil unserer deutschen Bevölkerung mehr als Erstaunen hervorgerufen hätte, und zwar ohne andere mögliche Gegenleistung als einen unsicheren Wechsel auf lange Sicht für den Orient, während wir die einzige Macht, die uns dort damals wirksam unterstützen konnte, nämlich Frankreich, uus zum unversöhnlichen Feinde machten. In den Akten des Ministerium des Aeusseren muss sich aus der Zeit der Luxemburger Verwickelung im Frühjahr 1867 eine Depesche an Fürst Metternich finden, worin eine vom Herzog von Gramont mitgetheilte Depesche beantwortet wird. Letztere bot uns die Allianz unter Offerirung von Süddeutschland oder Schlesien in ziemlich gelungener Weise an. In der Erwiderung machte ich darauf aufmerksam, dass der Kaiser mit zehn Millionen deutscher Unterthanen nicht wohl eine Allianz zu dem Zwecke einer Verminderung deutschen Landes schliessen könne. Ob ich in demselben Schriftstücke dem Gedanken Ausdruck gegeben habe, den ich der Herzog von

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Nr. 10759. Gramont spielt selbst in seiner Antwort im Jahre 1873 darauf an gegen 28. April1874. letzteren mehrmals entwickelt habe, ist mir nicht genau erinnerlich, wohl aber der Gedanke selbst. Es konnte nicht unsere Aufgabe sein, Deutschland anzugreifen, aber ebensowenig unser Beruf, es zu schützen. Das Feld, wohin unsere Interessen hinwiesen und wo alle der Monarchie angehörigen Stämme ohne Abneigung kämpfen konnten, war der Orient. Eine Verständigung mit Russland war zu Anfang 1867 durch eine Revision des Pariser Vertrages versucht, aber, in Folge des Mangels allen Verständnisses dafür in Paris, fehlgeschlagen, und die zu jener Zeit in Fluss gekommene panslavistische Bewegung (Moskauer Ausstellung) brachte Russland mit jedem Tage tiefer in eine Oesterreich mehr als unfreundliche Stellung. Die Situation gestaltete sich aber infolge dessen so, dass wir im Orient Russland als Gegner uns gegenübersahen und daher trachten mussten, dort Hand in Hand mit Frankreich zu gehen. Bei der Passivität Englands konnte dies unter Umständen zu einem Konflikt zwischen Oesterreich und Frankreich gegen Russland führen, und wenn dann Preussen in den Fall kam, auf russische Seite zu treten, dann konnte ein französischer Krieg gegen Deutschland ein solcher werden, in den wir ohne alle innere Schwierigkeiten hätten eintreten können. Dies hat der Kaiser Napoleon nie begriffen und in unglaublicher Verblendung immer Russland von Preussen zu trennen gehofft. In den Korrespondenzen des Fürsten Metternich wird man diesen ihm so verderblichen rothen Faden bis in den Juli 1870 hinein fortgesponnen finden.

Die Beziehungen zu Frankreich hatten noch vor Ende 1866 durch den raschen Abschluss eines Handelsvertrages eine äusserlich sehr freundliche Gestalt gewonnen, und an den beiden Höfen hatten die beiderseitigen Botschafter die beste Stellung. Als einen ersten Versuch zu einer Allianz hat man sich gewöhnt die Salzburger Entrevue von 1867 zu betrachten, was wiederum eine unbegründete Voraussetzung war. || Das tragische Ende des Kaisers Maximilian drohte einen tiefen Riss in die Beziehungen zu Frankreich zu bringen. Ich erlaubte mir den Rath, auch hier die Politik den Gefühlen vorausgehen zu lassen und für das Verfahren des Kaisers Napoleon, indem seine Truppen Mexiko räumten, weil die Aufnahme eines Krieges mit den vereinigten Staaten für ihn eine Unmöglichkeit war, eine nicht ganz abzuweisende Entschuldigung in den Vorgängen des Jahres 1866 zu finden, wo Oesterreich selbst in ähnlicher Lage nicht anders handeln konnte, als jetzt geschah. Ich war daher entschieden dafür, dass Seine Majestät der Kaiser die beschlossene Reise zur Pariser Ausstellung nicht aufgebe; jedoch erschien es mir unerlässlich, dass es in der Gestalt eines Gegenbesuches geschehe. Fürst Metternich vermittelte den Besuch in Salzburg, und so hatte unser erhabener Monarch wenigstens die Genugthuung, der einzige europäische Souverän zu sein, der, nicht ohne zuvor den Besuch des französischen Herrschers empfangen zu haben, die Reise nach Paris unternahm. || Euere Excellenz waren bei der Salzburger Entrevue gegenwärtig und werden selbst gewiss bei der immer wiederkehrenden Schil

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Oesterreich.

derung gelächelt haben, wonach Sie gewissermaassen mich am Rockschoss Nr. 10759. halten mussten, damit ich mich nicht blindlings in die französische Allianz 28.April1874. stürze. Ich kann ebenso wenig für mich das Verdienst besonderer Vorsicht und Sprödigkeit in Anspruch nehmen; der Kaiser Napoleon und ich standen, wenigstens in den Unterredungen, die wir pflogen, uns gegenüber wie zwei Reiter, von denen jeder fürchtet, der andere werde ihm vorschlagen, über einen tiefen Graben zu setzen. Während der Kaiser ein vier Bogen langes Mémoire des Herzogs von Gramont zurückwies und, als der Letztere replicirte: Mais il faudra le conserver", ihn mit den Worten beschied: ,,Non, il faut le brûler", ging derselbe ohne Zögern auf meine Gedanken ein und billigte eine entsprechende Aufzeichnung, welche die Genehmigung Seiner Majestät des Kaisers unseres Allergnädigsten Herrn fand und von der Euere Excellenz auch damals in Ihrer Wohnung im Schiff" Einsicht genommen haben. Darnach hatte man sich darüber geeinigt, dass, um den durch den Prager Frieden geschaffenen Status quo zu erhalten, Oesterreich nichts Besseres zu thun habe, als seine verfassungsmässigen Zustände im Geiste eines konservativen Liberalismus zu entwickeln, während Frankreich dagegen jeden Anschein einer Einmischung in die deutschen Angelegenheiten und namentlich jede Bedrohung sorgfältig vermeiden müsse. Der übrige Theil galt der damals brennenden kretensischen Frage und möglichen Eventualitäten in Rumänien. || Der Besuch in Paris war eine lange Reihe von Huldigungen für unseren erhabenen Monarchen, und wir erreichten das, was wir allein wollten, nämlich dass Frankreich, welches in der kretensischen Angelegenheit, entgegen den Salzburger Verabredungen, sich einer Kollektiv-Erklärung von Russland, Preussen und Italien angeschlossen hatte, davon wieder zurück auf unsere und Englands Seite trat. Ein an die k. k. Missionen erlassenes Circular beruhigte über mögliche Konsequenzen des Pariser Besuches.

Das Jahr 1868 brachte auf der einen Seite Verstimmungen mit Preussen und auf der anderen accentuirtere Suggestionen Frankreichs. || Zu den ersteren gehören die Affaire der hannoveranischen Pässe, in welcher das Berliner Kabinet eine offenbar rein persönliche Ungeschicklichkeit des damaligen Polizeidirektors Strobach, der den Hietzinger Hof als massgebende Autorität behandelt hatte, in sehr übelwollender Weise zu einer Staatsaktion hinaufschraubte, und dann die Verlautbarung der Usedom'schen „Stoss-ins-HerzDepesche", welche ich ignorirt hatte, und worüber sehr ungeschickter Weise eine interpretirende Depesche von Berlin kam, die mir Veranlassung gab, dem Baron Werther zu sagen: „Wenn ich höre, dass Sie über mich einen schlechten Propos gehalten haben, so kann ich das ignoriren; wenn Sie aber kommen, mir zu sagen, dass es in guter Absicht geschah, so ist das eine Beleidigung; denn Sie halten mich für so dumm, es zu glauben." Dieser Anschauung hat auch eine Depesche Ausdruck gegeben, die nicht im Rothbuch erschien, welche aber, ich weiss nicht wie, theilweise in das „Mémorial diplomatique" ihren Weg fand. Allein das den Delegationen in Pest im November

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