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für die Tiefe und den Ausdruck chriftlicher Begriffe geeignet und es bedurfte daher für jene Abficht noch einer anderen Sprache, welche gleichzeitig und mit tieferen Mitteln der Wortableitung, des Wurzelzufammenhanges (fides erreicht nie galáubeins) und des Satzbaues begabt, ohne fich felbft Gewalt anthun zu müssen und fomit ihren Zweck zu verfehlen, Wort für Wort den griechischen Text der h. Schriften treu zu begleiten und wahrhaft wieder zu geben vermochte. Dies ift unbedingt die gothifche oder deutsche Sprache.

Lachmann hat bei seiner Ausgabe (Novum Teft. graece et latine; 1842. 1850) verschmäht, aufser der lateinischen Vulgata, Handschriften irgend welcher der vorgenannten und andrer Ueberfetzungen zu Rathe zu ziehen; hatte er doch fchon die griechifchen fich eng genug begrenzt. Dafs er aber für das vierte Jahrhundert grade Ulfilas' Ueberfetzung unbeachtet gelassen, dessen auf uns gekommene Handfchriften doch fo wenig von jenem Jahrhundert abstehen und fo treu das ursprüngliche Wort überliefert haben, ift mir ftets unerklärlich geblieben. Tifchendorf dagegen hat in feiner Ausgabe (Nov. Teft. graece: 1849) das Verfäumte einzubringen fich bemüht und fich deshalb an die Ausgabe des Ulfila von Dr. Gabelentz und Dr. Löbe (1836), fo wie an Knittel's unvollkommene Bemerkungen gehalten. Wie diefe ihn wohl und übel geleitet, habe ich S. LXXXVI der gefchichtlichen Einleitung näher nachgewiefen. Dafs aber die felbftgefteckte Begrenzung der Lesartenbenützung bei Lachmann auch nach Löbe noch (1843. 1846) in zweifelhaften Fällen des gothifchen Wortfinnes vollständig im Stiche liefs, hat Tischendorf's weiter gezogener Gefichtskreis zu R. 11, 1 dargethan: man f. S. 651 und LXXXIV. Ich wiederhole aber und bekräftige hier das S. LXXXV-VII bereits anders Gefagte, dafs vielleicht Niemand einen befseren Zeugen für den griechischen Text des vierten Jahrhunderts abzugeben im Stande fei wie Ulfilas; und ich hätte, wie einft W. Wackernagel in feinem Altd. Lefebuche versucht hat, getroft aus ihm einen griechifchen Text herftellen können, wie er dem Ulfilas einft vorgelegen haben müsse, wenn mich davon nicht ander

weitige Rücksichten abgehalten hätten; weshalb ich mir mit gegenfeitigen Klammern (eckigen und runden) beim gothischen und griechischen Texte genügen liefs, alles Uebrige und Befondre aber bei diefer Schulausgabe in die Anmerkungen verwies. In diefe ift, beide Zwecke diefer Auf- und Ausgabe im Auge behaltend, in aller Kürze Vieles, was die Lefung der gothischen wie griechischen Handfchriften und auch, was den Geift der gothifchen Sprache betrifft, hineingelegt worden, weshalb auch ftets hinlänglich viel Gleichftellen beigebracht worden find.

In der gefchichtlichen Einleitung habe ich, nach Darstellung von Ulfilas Leben und Lebenswerke für alle Stämme der gothischen Sprache (ana gutthiudái), ausführlicher von der Sicherheit oder treuen Ueberlieferung ihrer auf uns gekommenen Handschriften, als worauf die ganze Werthung der gothischen Bibelüberfetzung beruht, gefprochen und bin hier, die ganze Fülle der vereinzelten Lesarten und Fehler mehr, als in der feiner Zeit auch darin verdienstlichen Ausgabe von Gabelentz und Löbe gefchehen ift und gefchehen konnte, unter Einen Gefichtspunkt zu bringen, aus Einem Gesetze der Schrift zu erklären bemüht gewefen; wozu mir Uppftröm's Abdruck der filbernen Handschrift befonders durch genaue Einhaltung der handschriftlichen Zeilen fehr dienlich gewefen ift: weniger war er mir dies in feinen fanskritanifchen Wörtererklärungen (wie zu vituths: Mc. 10, 38) oder griechifchen (zu tharihis: Mt. 9, 16) oder gar gothifchen (wie zu manvithổ: L. 14, 28; naisvor: Mc. 6, 19; managans láun: Mc. 10, 45; gananthida: L. 5, 4; gabadáuthnith: J. 11, 25 u. f. w.), wie im Latein feiner Anmerkungen, worin wir die Abmessungen der Wortlücken in der Handfchrift nach dem Decimalmafse oder die mühfelige Befchreibung eines N. (J. 9, 4) gegen eine erträgliche lichtbildliche Abfpiegelung zweifelhafter Stellen ihm gerne erlassen hätten. Dagegen danken wir ihm die Abänderung mancher auch bei Löbe noch altvererbten Lesart (wie barabagms: L. 17, 6; attiuhats: Mc. 11, 2; galiugachristjus: Mc. 13, 22; innatgahts: L. 1, 29; gafkóhi: L. 10, 4. 15, 22; lukarnaftathin u. garda: Mt. 5, 15; alabrunsts: Mc. 12, 33 und auch die Bestätigung des von Löbe erst nach der Heimkehr er

rathenen vulthrizans: Mt. 6, 26; u. f. w.); obgleich er uns auch neue Räthfel bietet (wie ibdalja: L. 19, 37 u. bimampjan: L. 16, 14 etc.) und alte wieder vorlegt (wie áibr: Mt. 5, 63; plapja: Mt. 6, 5; giftradagis: Mt. 6, 30; tharihis: Mt. 9, 16; unfibjana: Mt. 7, 23; Jóféz: Mt. 27, 56; funs sa ahma: Mc. 1, 12; .. aifvôr: Mc. 5, 16; balsagga: Mc. 9, 42; hvaírneins ftaths Mc. 10, 22; afar: L. 1, 15; tvalibvintrus: L. 2, 42; du viga ̄na: L. 4, 31; bnáuan: L. 6, 2; gananthida; L. 5, 4; frêt: L. 15, 30; funa guth; J. 17, 3; gabadáuthnith: J. 11, 25 etc.); woran fich die Lesarten aus Mailand reihen: jah ráifida: R. 9, 17; liubóna unliubóna: R. 9, 25; inuhthiudom: R. 10, 19; alláizê runôs: 1 C. 13, 2; all bôko... thaúrflos: 2 Tm. 3, 16; huhjands: 1 C. 16, 2; uhtiugs: 1 C. 16, 12; munth unfar: 2 C. 6, 11; arbjós unfaris: E. 1, 14; gavalisa: C. 3, 12; andáugi izvara: 1 Th. 2, 11; hváizós: 1 Th. 4, 2; futja lôs: 1 Tm. 2, 2; háunitha: 1 Tm. 2, 11; gaman 2 C. 13, 13 (vgl. G. 2, 8); munafidáu: 2 Tm. 3, 10; ubila biarja: Tit. 1, 11; bijandzuh: Philem. 22; gúitsa: N. 5, 18; aufóna: N. 6, 16 u. f. w.; über welche fämmtlich in den Anmerkungen Rechenfchaft gegeben, Vermuthung gehegt, Besserung gewagt worden ist. Gáits. a. hat Löbe feiner Zeit fchon anerkannt, in allen Wörterbüchern und Sprachlehren steht aber lautwidrig immer noch gáitsa, was schon zu gáitein(s) gar nicht pafste. Ob fich váifvôr (Mc. 5, 16) durch feine geringe Aenderung und tiefe Bedeutung empfehlen werde, wollen wir erwarten; die Erklärung von managein feinamma (R. 11, 1) wird fich Anerkennung erwerben. Andre Befserungen fprechen für fich felbft.

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Den gothifchen Text habe ich gänzlich in lateinifcher Schrift durchgeführt. Hätte ich got hifche gewählt, wozu mich der Befitz dreier fchöner, abgeftufter ABC, die ich der Güte des fel. Endlicher danke, sehr reizte, so würde weder „Germanologen" noch Theologen damit gedient gewefen fein. Freilich hab' ich drum auch das angelfächfifche th (P) gemieden; noch mehr die unglücklichen w ft. hv und q für qu'oder ku (gleich dem agf. cv, das Verelius fchon anwendete), wodurch die ganze Reihe der hl, hn, hr, hv u. kv zur Anfchauung kommt. Ein gothifches mitten in lateinische Schrift aufnehmen, hiefse allem Gefchmack abfagen. Für eine

Schulausgabe lag nahe, durchweg die langen Selbftlaute (é u. ổ neben a u. u) so wie ái u. aí, die au u. aú zu bezeichnen; vaila liefs ich wohlweislich offen; gabaúrjaba u. baúrjóthus wird mir J. Grimm nach dem, was er in feinem deutschen Wörterbuche Sp. 1175 unter Bauer gefagt, nicht gelten lafsen, fo wenig wie ihre Stellung unter bairan (S. 675). Eben fo wenig wohl áihtrôn, áihts, áihta, als zu áigan gehörig (S. 667).

Das Wörterbuch habe ich, den Zweck streng im Auge, auch streng nach dem ABC und dennoch wiederum wurzelhaft (beides läfst fich gar wohl vereinigen), übrigens auch ftreng nach der Folge des lateinischen ABC (alfo g nach h, th unter t, wie hu unter und nach hkv nur k), geordnet.

Leider mufste aus äufseren Gründen die Sprachlehre mit der Formenlehre abbrechen. Noch leider aber thun mir manche Druckfehler, die bei weiter Entfernung des Druckortes, oft nach und während der Verbesserung noch eindrangen (man vgl. z. B. 5 Mof. 32, 21 u. 1 Th. 5, 5) und die ich in einigen besondern Fällen schon in den Anmerkungen berichtigt habe.

Das nachfolgende Inhaltsverzeichnifs befagt von felber, dafs nicht nur die „Skeireins," fondern auch der gothische Kalender (oder das Martyrologium), die gothifchen Urkunden, das gothifche Diftichon ihres Ortes aufgenommen, fomit fämmtliche der Zeit uns zuständige gothifche Sprachdenkmäler hier wieder vereinigt worden find. S. LVIII—LIX aber läfst überblicken, was aus dem Alten Bunde uns wirklich erhalten, was aus den Anführungsftellen des N. B. daraus entnommen und nicht unlehrreich zurück aufgestellt worden ist.

Es ist mir in diefer Ausgabe des Ulfilas ein Lieblingsgedanke und langjähriger Wunsch meines Lebens erfüllt. Schon vor Jahren, in München noch, trug ich den Plan mit mir, wie früher zu den gothifchen Ueberreften nach Mailand, Rom und Neapel (1833), so auch zu erneuter Vergleichung des Codex argenteus nach Upfala zu reifen; und hier in meiner Vaterstadt dem Aufbewahrungsorte der filbernen Handschrift um fo viel näher gerückt, durfte ich mich der Hoffnung einer baldigen Verwirklichung

meines Planes hingeben. Eben im Begriffe die Reife dorthin anzutreten, erfchien Uppftröms mit diplomatischer Genauigkeit be forgter, zeilengetreuer Abdruck, der mich der Mühe einer weitern Vergleichung überhob, und gleichzeitig ergieng an mich von Seiten der Verlagshandlung die Aufforderung zu Beforgung einer neuen, dem gegenwärtigen Stande der Wissenfchaft entsprechenden und zugleich wohlfeilen Ausgabe. Die Vereinigung diefer Umstände war zu günftig und ich war fo hinlänglich darauf vorbereitet, als dass ich länger hätte zögern dürfen, meinen Lieblingswunsch zur Ausführung zu bringen. Von der Verlagshandlung aufs bereitwilligste unterstützt, habe ich Alles gethan, um durch Hinzufügung des griechischen und lateinischen Textes der heiligen Schriften, des Wörterbuchs, der Sprachlehre und hiftorifchen Einleitung der Ausgabe diejenige practische Brauchbarkeit zu geben, die zu einem erfolg- und fegensreichen Studium der älteften Denkmäler unferer Sprache durchaus erforderlich ift.

So möge denn das geliebte Buch hinausgehen und der Sache wie der Sprache in Schulen und bei Gottesgelehrten neue Freunde und Jünger gewinnen.

Berlin, am 10. October 1856.

H. F. Mafsmann.

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