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die Gelegenheit ergriff, die Franken gegen die Gothen aufbot und feinen Feldherrn Belifar im J. 536 nach dem Westen fandte, welcher schnell Sicilien, Afrika und Neapel eroberte. Da fetzten die Gothen den Theodahat ab und erhoben Vitigis zu ihrem Könige (Procop. 1, 11), der aber, ftatt nach Rom, nach Ravenna zog und Matafvintha ihn zu heirathen nöthigte (Jorn. 37). Inzwifchen war Belifar am 9. October 536 in Rom eingezogen (Procop. 1, 14), gegen das nun Vitigis 50,000 Mann führte. Doch belagerte er es, während Hunger und Peft innen und aufsen wütheten, ver- geblich; dagegen nahm er Mailand mit Hülfe von 10,000 Burgunden ein und machte es, nachdem 10,000 Mann durch das Schwert gefallen waren, dem Boden gleich. Juftinian fchickte dem Belifar Zuzug durch Narfes, mit ihm aber auch zugleich die lähmende Eiferfucht beider Feldherrn. Vitigis hetzte dem Kaifer die Perfer auf den Hals, Belifar von Ravenna Jenem dagegen die Franken. Da machte Juftinian plötzlich mit den Gothen Frieden, welchem Belifar aber feinerfeits die Unterzeichnung verfagte. Inzwischen hatten die Gothen auch Vitigis entfetzt und mit Belifar unterhandelt, der nun aber plötzlich abberufen den Vitigis mit nach Conftantinopel nahm, wo diefer „patricius" ward (Procop. 2, 30); feine mitgegangenen Gothen aber dienten gegen die Perfer. Die übrigen hatten Ildibad zu ihrem Könige gewählt, der nur noch 1000 Mann um fich hatte und feinen raftlos thätigen Bruder Badvila, den die Seinen Totila nannten, an fich zog. Diefer gieng 543 im Sturme vorwärts auf Neapel (Procop. 3, 7) und Rom los und nahm letztres nächtlicher Weile durch Lift ein. Er rettete und erhielt die Stadt, ftellte ihre Zufuhr an Getraide und ihre Spiele her, fo dafs auch die geflüchteten Senatoren wiederkehrten. Er verliefs aber Rom, ohne es zu befestigen, und gieng nach Ravenna. Da eilte Belifar nach Rom, füllte die Lücken feiner Mauern aus und befeftigte die Stadt fo, dafs fie Totila erst im J. 548, als Belifar vom Kaiser abermals abberufen ward gegen die Hunnen und bald darauf starb, wieder gewann. Damals eroberte Totila auch Sicilien, das ihm die Griechen nicht wieder entreifsen konnten; ebenfo Sardinien und Korfika. Von Rhegium eilte er wieder zu feinem Feldherrn Tejas nach Verona, ward aber 552 bei Ancona von Narfes zu Waffer gefchlagen. Letztrer hatte 2500 Langobarden, 400 Gepiden (die gegen die Perfer geftanden waren), dazu Parther und Hunnen geworben und drohte vom Norden her, wo ihm aber Tejas durch Verhaue, Abgraben der Strafsen und Ueberflutung des Landes den Durchzug wehrte, fo dafs jener an der Meeresküfte entlang ziehen musste. Der gothifche Feldherr Usdrilas in Ariminum ward von einem Heruler getödtet; Totila aber warf fich dem Narfes entgegen. 2000 seiner Reiter erwartend tummelte er vor feinen Gothen und vor den Römern fein Rofs in goldener Rüftung, und schwang kunstvoll feinen Ger. Die Reiter kamen und Totila kämpfte bis zum Abend, ward aber endlich geworfen und fo gefchlagen, dafs 6000 Gothen auf der Walstadt todt lagen und als er felbft fliehen mufste, ward er durch den Speer eines Gepiden rücklings getroffen und starb, nach eilf thatenreichen Jahren, in Capră. Sein blutiges Kleid und fein Hut wurden nach Conftantinopel gebracht. Nach dem Siege entledigte fich Narfes feiner Langobarden; die Gothen aber fammelten fich unter Tejas. Während Narfes Rom erstürmte, zog jener längs der adriatischen Meeresküste gen Süden, um Cumä zu entfetzen. Am Fulse des Vefuves angekommen, vertheidigte er fich gegen die Römer hinter

Verhauen zwei Monate lang, bis er ihnen endlich die Schlacht bot. Ein wahrer Held stand Tejas den ganzen Tag vor der gefchloffenen Schaar der Seinen, gefchützt vom hohen Schilde, in dem er alle Speere der Feinde auffieng, bis derfelbe davon zu fchwer ward, worauf er je eines anderen begehrte. Bei einem folchen Schildwechfel aber ward er tödtlich in die Bruft getroffen. Seine Gothen kämpften unverzagt fort bis zur Nacht und wieder am anderen Morgen. Da endlich hielten fie um freien Abzug zu andern freien Deutschen an, den ihnen auch Narfes gern gewährte. Es waren nur noch 1000 Mann übrig, die unter Indulfus nach Ticinum über den Po giengen. Hier gefellten fich zu ihnen die übrigen Gothen (Procop., Agathias), denen die Franken die Nothhülfe verweigerten, nicht fo die beiden alamannifchen Brüder Leutharis und Butilin: diefe durchzogen mit 75000 Mann (Alamannen, Franken und Gothen) in den Jahren 553, 554 Italien, unterlagen aber. Es fiel Phulkaris der Heruler, es fiel Ragnaris der Gothe; und 7000 Gothen, die von allen denen, welche zwanzig Jahre lang um ihre Erhaltung und Rettung gekämpft hatten, allein noch übrig geblieben waren, wurden nun nach Conftantinopel abgeführt (Agathias). Wenige andre gelangten nach Rhätien und Noricum (nicht nach Gothland in Schweden, wie Nicolaus Petrejus in f. Órigg. Cimbr. et Goth. S. 100 träumte).

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So ift denn auch diefes grofse oftgothifche Reich (wie einft Ermanarich's) vor unfern Augen in Trümmer gegangen, und aus all den ungeheuern Anstrengungen, welche unter Blutströmen gemacht worden waren, um auf welfchem Boden künftliche Staatenbaue aufzurichten und zu erhalten, find nicht einmal die Liederklänge auf uns gelangt, in welchen die Gothen und übrigen deutschen Stämme „pene hiftorico ritu" (f. S. XVII. XXXI.) die Thaten ihrer Könige fangen.

Auch vom ganzen grofsen Vandalenreiche in Afrika ift nichts übrig geblieben, als ein messingenes Gewicht (oder Töpferstempel?) mit dem Namen RAGNARI und die zwei, obenein noch schwierigen Anfangsworte eines Gebetes Sihora armè[n]," welche der h. Auguftinus aufbewahrt hat und welche „Miferere (d. i. armái) domine“ bedeuten follen. Faft fünfhundert Jahre haben deutfche Männer gegen den römifchen Kolofs angekämpft, bis er fie in feinen Sturz mit hineinzog. Auf seinem Schutte hatten fie gehofft ein frisches Leben zu wecken, neue Staaten zu gründen oder das alte, morsche Gebäude zu stützen: ein grofser Irrthum. Romanifch und Germanisch find nie eine ächte Wahlverwandtschaft eingegangen; Mittelmeer und Oftfee konnten fich nie mifchen; römische Rechthaberei und fchlichtes deutfches Wefen wurden nie Gefchwifter.

Diejenigen Gothen, welche früher als andre deutsche Stämme schon in den Donauländern durch ihren treuen Bifchof Ulfilas Christen geworden waren, hatten diefen ihren neuen und jungen Glauben, wie fie ihn mit deutscher Tiefe ergriffen, auf allen ihren rauhen blutgetränkten Bahnen unerfchütterlich fortgetragen und felbft die fernentrückten Vandalen befafsen ihre wohlgeordnete Kirche, und ihre Bifchöfe begleiteten fie felbft in die Schlachten (Hieronym. epift. ad Heliodor.). Den Frieden und die Frische, welche sie, als ursprüngliche Morgengabe vom Bade der Nerthus, zu dem neuen verklärten Glauben mit herüber gebracht hatten, trugen fie nun auch durch die erftorbene alte Welt weiter. Der in Köln oder Trier geborne

Bifchof Salvianus von Marseille rühmt in feiner Schrift De gubernatione Dei an den Gɔthen und Vandalen, die er fonft eben nicht mag, die wunderbare Liebe und Einigkeit (affectum et charitatem). Mit Gebet giengen fie in den Kampf. Ihr König, fagen die Geschichtschreiber, bete auf feinem Lager bis zum Morgen der Schlacht. Als Totila im J. 533 zu feiner eigenen Ueberraschung Rom nächtlich überrumpelt und eingenommen hatte, gieng er am Morgen zuerst in die Peterskirche, um anzubeten. In den Schlachten, felbft in Spanien noch, trugen fie die heiligen Schriften („librum divinae legis, facri voluminis fcripta": Salvian 7, 9-13) vor fich her, ohne Zweifel in Ulfilas Ueberfetzung, die auf folche Weife aus den Donauländern mit nach Italien, Gallien und Spanien, ja bis nach Afrika wanderte. Die Vandalen leifteten den von ihnen Befiegten auf das Evangelium den Eid und hielten ihn unverbrüchlich (Oros. 3, 20). In Zeltkirchen hielten fie ihren Gottesdienft (Hieronym. ad Heliodor), ihre Priester ehrten fie aufrichtig, denen der Andersglaubenden erwiefen fie gleich tiefe Verehrung (Salvian. 7). Als Alarich 543 in Rom eingezogen war, empfieng er die katholische Geiftlichkeit, an ihrer Spitze den Diakonus Pelagius (der im J. 558 Bifchof ward), mit vieler Achtung und Ehrfurcht. Feletheus der Rugier und Odoaker der Heruler fragten den h. Severin um Rath (Vita S. Severini) und die westgothifchen Könige liefsen fich von ihren Bifchöfen an ihre Pflicht mahnen (Concil. Tolet. 475).

Als Alarich zum dritten Male zur ewigen Stadt zog, fagte er zu einem Mönche, welcher ihn auf dem Zuge vom Blutvergiefsen abmahnte, er ziehe nicht aus eignem Willen hin, fondern es treibe und beunruhige ihn beständig Jemand mit den Worten:,,Mache dich auf und zerstöre die Stadt" (Socrat. 7, 10. Sozom. 9, 6). Er zerstörte fie aber nicht (Oros. 7, 37), fondern fchonte ihrer, befonders der Kirchen (Oros. 7, 39. Auguftin. de civ. Dei 1, 1. 7), fchenkte den fürbittenden Geiftlichen Gehör (Zofim. 5, 45. 50), schützte fie, gab ihnen Geleit und liefs das Zufluchtsrecht der unverletzten Kirchen, namentlich der Apostel Petri und Pauli (also weder Kephiften noch Paulisten!) laut verkünden, wohin fich denn auch viele retteten. Der h. Auguftinus (de civ. Dei 1, 1. 2—4. 7. 34. 3, 29. 5, 23. Sozom. 9, 9. Jorn. 30) kann nicht genug die Milde der Barbaren preifen, welche, wie fie vorher fich gelobt (Ifidor Chron. aer. 447), der Kirchen und der Senatoren gefchont hätten.

Ein Gothe kam bei jener Eroberung in einem Kloster zu einer Jungfrau und forderte von ihr ohne Ungebühr Gold und Silber. Da brachte fie grofse, schwere und fchöne Schätze dar, dafs der Gothe erftaunte. Als aber jene fagte, dafs es Gefäfse des h. Petrus feien, da liefs er davon ab und eilte mit der Nachricht zu Alarich, welcher die Gefäfse alsbald unter Bedeckung feiner Gothen und von ihnen felbft getragen zur Kirche des Apoftels bringen liefs. Staunenerregend wuchs in den Strafsen der Zug je mehr und mehr an: Gothen und Römer, Chriften und Heiden, welche Loblieder fangen (Ifidor. Chron. Oros. 7, 39. Caffiodor 12, 20). Andre Gothen führten die Wittwe Marcella mit ihrer Tochter Principia zur Kirche des h. Paulus (Augustin. ad Principiam ep. 96. 154, ad Demetriad. ep. 97, ad Gaudentiam ep. 98. Vgl. Sozom. 9, 10). Ein andrer Gothe, fchon wilder, wollte einem fchönen Weibe Gewalt anthun und hatte fie bei ihrem kräftigen Widerftande am Halfe verwundet. Da fie ihm nun, vom Blute übergoffen, ruhig ihren Nacken darbot, ftaunte der Gothe

und führte fie zur Peterskirche, übergab fie dafelbft den Hütern und hinterliefs obendrein fechs Goldstücke zu ihrer Pflege und Koft (Sozom. 9, 10).

Als die Gothen im J. 456 Bordeaux verheerten, ward die Züchtigkeit und Schamhaftigkeit der weiblichen Gefangenen auf keine Weife verletzt (,,Illufae penitus nullo adtendente pudore": Paulin. vita 321). Totila liefs einen feiner Leibwächter, der eines Bürgers Tochter gemisbraucht hatte, fogleich tödten (Procop.). Auch er felbft, als er im J. 546 bei feiner zweiten Belagerung Roms von der oftifchen Seite her ftürmend in die ausgehungerte Stadt eindrang, liefs die ganze Nacht hindurch die Kriegshörner erfchallen, damit die Bürger fich in die Kirchen retten oder verborgen halten konnten. Er wehrte der Mordluft auf jede Weife und liefs befonders der Weiber fchonen (Procop. 3, 20. Hift. mifc.). Am andern Morgen gieng auch er zuerft zur Peterskirche beten, ermahnte feine Gothen zur Gerechtigkeit und strafte die römischen Senatoren in harter Rede wegen ihrer Undankbarkeit. Als aber Pelagius vermittelnd fprach, vergab Totila und war gegen die Römer fortan leutselig wie ein Vater (Paul. Diac. Hift. mifc. 15. Aimoni. 2, 33). Es bedurfte dazu aber nicht erft der brieflichen Mahnung, die Königin der Städte zu fchonen, von Seiten Belifars, welcher als er im J. 536 Neapel einnahm, gegen alle Alter und Gefchlechter entfetzlich gewüthet und weder der Paläfte noch der Kirchen gefchont hatte. Rom dagegen konnte durch Alarichs und Geiferichs Einnahmen noch lange nicht fo arg gelitten haben, da es auch bei Totilas vierzehntägiger Plünderung, die er den Seinen gestatten musste, noch reich zu nennen war (Procop. 4, 21).

Der h. Auguftinus hielt alle die Uebel, welche Rom damals erleiden musste, wie folche mit jeder Belagerung, Erstürmung und Plünderung grofser Städte unvermeidlich verbunden find (Procop. 6. v. 1; Oros. 7, 39) und dort die Chriften fo gut wie die Heiden trafen, für eine barmherzige und hoffentlich beffernde Züchtigung Gottes, der aber die Römer bald wieder vergafsen (Oros. 1, 6). Zugleich gesteht auch Jener, dafs Rom bei diefem fchrecklichen Einbruche der Gothen lange nicht so viel gelitten habe wie durch Marius und Sulla (Augustin. de civ. Dei 3, 29), Căfar und Pompejus (3, 29), wie Gallien (Oros. 6, 12) und Spanien (Oros. 4, 6) unter den Römern oder wie das römifche Reich durch die Chriftenverfolgungen (Oros. 7, 8. 15).

Gleich Auguftinus hielt auch Salvianus den Einbruch der Germanen in das römische Reich, den Tacitus fchon geahnt hatte (,,urgentibus jam imperii fatis“), für das Strafgericht Gottes über die ganz verdorbene römische Welt, deren fittlicher Verfall fich vom ersten Falle Karthago's herfchrieb (Auguftin. de civ. Dei 2, 18. 1, 30), und fchon Pabft Leo, der im J. 452 dem Attila, 455 dem Geiferich entgegentrat, setzte auf die Berufung der Heiden feine Hoffnung für eine geistige Erneuung der Menschheit (ferm. 8). Dasfelbe behauptete der Verfaffer der Schrift De vocatione gentium.

Die Barbaren, fagt Orofius (7, 40. 41), kamen ins Land, um Chriftum zu erkennen (S. XII). Mit klarem Blicke wandten die unverdorbenen Söhne des Nordens fich zur ursprünglichen Quelle des Heils, zur heiligen Schrift zurück. Wie sie aber auf ihren Zügen durch Griechenland etc., der chriftlichen Kirchen schonend,

vorzugsweife die heidnifchen Tempel zerstörten (Auguftin. de civ. Dei 5, 30. ferm. 105, 10. Socrat. 7, 10), fo wandten fie fich auch von den römifchen Rechtgläubigen ab, die, weil ihnen ihre unchriftliche Feigheit nicht half, ftets wieder zu den heidnifchen Göttern ihre Zuflucht nahmen (S. XXX). Ihr Chriftenthum felbft athmete eben immer noch den fpiritus paganitatis", fo dafs Pabft Leo fagen musste „Sic vitiati funt omnes, ut pene nihil fit, quod absque idololatria transigatur“ (Serm. 7). Den Heiden aber macht der h. Auguftinus den Vorwurf, dass sie dem Chriftenthume die Heimfuchung Gottes fchuld gäben, während fie doch in den chriftlichen Kirchen und an den Gräbern der Märtyrer durch die Barbaren verfchont worden feien (Augustin. de civ. Dei 1, 1-7). Als Alarich zum dritten Male in Rom einzog und Alles zu den Kirchen feine Zuflucht nahm, wurden thatfächlich auch viele Heiden gerettet, fobald fie nur Chrifti Namen aus ihrem Munde hören liefsen.

Die Wehen und Wunden der hier in ihren Anfängen gefchilderten Wiedergeburt europäischer Menfchheit find längst verharscht und verschmerzt; mit der Herrlichkeit Rom's find auch die auf feinen Trümmern errichteten gothischen, fuevifchen, vandalischen Reiche in Afrika, Spanien, Italien wieder untergegangen, scheinbar ohne Nachwirkung, obgleich keine grofse Weltbewegung fpurlos vorüberzieht. Aber ein grofses Denkmal jener ftürmifchen Zeit, zugleich des reinsten friedlichsten Geiftes, der hinter allen jenen Greueln der Verwüftung fein ftilles Wefen und Wirken geltend machte, ift auf uns in Ulfilas Bibelübersetzung, freilich auch nur trümmerhaft, vererbt, ein Zeugnifs ungefärbter chriftlicher Auffassung und Erkenntnifs, zugleich die ältefte Urkunde unferer Muttersprache, die daraus auf eine Weise hervorleuchtet, dafs jene der Stern und Kern einer ganz neuen Wiffenschaft geworden ist (S. IX). Dieser gothischen Uebersetzung der heiligen Schrift unfre befondere Aufmerksamkeit zuzuwenden ift hiernach noch unfere Hauptaufgabe.

Nach natürlichem Drange und Rechte hatten schon früh die um das Mittelmeer gefefsenen Völker, bei denen die lateinifche Sprache angeboren herrschte oder sonst zur Herrschaft gelangt war, und zwar fast früher in Afrika als in Italien, bald aber auch die fyrischen und chaldäifchen, die ägyptifchen und äthiopischen Chriften die heiligen Schriften, den Geist festhaltend, aus dem griechischen Texte in ihre Landessprachen überfetzt. Gleichzeitig mit diefen, ja zum Theil fchon früher, jedenfalls noch vor der lateinischen Ueberfetzung des h. Hieronymus, gieng aus demfelben Triebe und Drange die Arbeit des gothifchen Bifchofs hervor.

Alle Kirchenfchriftsteller fprechen ihm diefe bedeutfame Arbeit zu (vgl. oben S. XXIII), und während Socrates (4, 33) und Sozomenus (6, 37) diefelbe nur im Allgemeinen bezeichnen, fagt Philoftorgius (2, 5) und später Ifidorus (chron. ad. aer. 576. u. chron. goth.) auf das Bestimmtefte, dafs Ulfilas fämmtliche Bücher der h. Schrift, fowohl des Alten als des Neuen Bundes überfetzt habe, mit der einzigen Ausnahme, wie Philoftorgius wiffen will, dafs jener die Bücher der Könige unüberfetzt gelassen habe, weil er gefürchtet, dass sein Volk, welches aus feinem Heidenglauben so schon das deì μáxɛodai (selbst in Walhalla droben bei Wodan) mit herübergenommen, durch jene kampferfüllten Bücher noch kriegerifcher werden würde. Das

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