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Das Siegel drückt der Urkunde eine unwiederrufliche Rechtskraft auf. Daher gebraucht das Buch Hiob (33,16) das Bild: da erschliefst er das Ohr der Leute und auf Warnung an sie drückt er das Siegel*).

Im gleichen Sinne wird die prächtige Stadt Tyrus von dem Propheten Hesekiel «Chotham toknith», ein Siegel des Ebenmasses, der Vollendung**) genannt.

Über eine Verwendung der Siegel im Dienste des zweiten Tempels zuJerusalem giebt uns das Buch Mischna Schekalim Aufschlufs. Entsprechend den vorgeschriebenen Opfern gab es vier Siegel, welche die Bezeichnungen Egel (Kalb), Sachar (Widder), Gdi (Böcklein zu einem jährigen Lamme) trugen. Das vierte Siegel war für die Opfer der reichen Aussätzigen und daher mit Chote' (Sünder) bezeichnet. Der Opfernde kaufte von dem Sigillorum Praefectus des Heiligtums das für seinen Fall vorgesehene Siegel und erhielt im Austausch gegen dasselbe von dem Vorgesetzten über die Trankopfer die Bestandteile des Opfers, das er darbringen wollte.

Diese Stelle des Talmud dürfte, insofern sie die Vielseitigkeit des Gebrauches der Siegel darthut, den «Thonmarken» zur Erläuterung dienen, welche in Palmyra gefunden wurden. Das amtliche Verzeichnis der vorderasiatischen Altertümer im Kgl. Museum zu Berlin sagt über dieselben :

«Einige (dieser Marken) sind nur durch Aufdrücken eines oder zweier Siegel auf ein rohes Stück Thon hergestellt, während die meisten in Formen von bestimmter Gestalt geprefst sind. Bei einem grofsen Teil dieser letzteren Marken ist dann aber in der Darstellung ein ovales Stück ausgespart gelassen, in das dann noch besonders ein Siegel hineingedrückt ist. In anderen Fällen wurde das Siegel auf die rohgelassene Rückseite gedrückt.

Die Bilder sind zum Teil religiösen, zum Teil profanen Charakters; unter den letzteren befinden sich z. B. Tiere und Geräte. Die Aufschriften enthalten die Namen von Privatpersonen, zum Teil in Form eines Gebetes: << Schütze Bel die Söhne des Schemum».

*) Nach der Übersetzung von Delitzsch.

**) Luther übersetzt: «ein reinliches Siegel».

Der Verfasser des Verzeichnisses spricht die Ansicht aus, dass diese Marken praktisch-geschäftlichen Zwecken>> gedient haben.

2. Kapitel. Die Ägypter.

«Non signat Oriens aut Ägyptus etiam nunc, literis contenta solis». «Noch heute bedient sich Ägypten der Siegel nicht, sondern läfst es bei der Schrift allein bewenden». Diese Behauptung des Plinius mag insofern begründet sein, als in Ägypten die Privaturkunde unbesiegelt blieb. Darum bestand dort aber doch ein ausgebildetes Siegelwesen, und der Gebrauch des Siegels war schon wegen des Verkehrs mit den Völkern Vorderasiens eine Notwendigkeit. Einen Fingerzeig in dieser Richtung enthält der oben (S. 9) erwähnte Brief des Königs Burraburiasch von Babylon.

Die Siegelformen Vorderasiens haben sich bis jetzt in Ägypten nicht nachweisen lassen. Die wenigen Siegel, welche der Gegenwart noch erhalten wurden, sind wahrscheinlich aus Scrabäen abgedruckt. Ich kann mich nicht überreden, dass die ägyptischen Gemmen nur als «wunderkräftige Amulette> gedient haben sollten, da sie doch wirkliche Stempel sind und zum Siegeln verwendet werden konnten. Die Scarabäen waren, wie die Siegelsteine Asiens und Griechenlands, Amulet und Siegel. Im bürgerlichen Leben diente das Siegel hauptsächlich zur Obsignation von Eigentum. Darum geben die Ägypter ihren Toten den Scarabäus mit, weil sie nach ihren Begriffen vom jenseitigen Leben annehmen mufsten, dass es auch dort etwas zu versiegeln gäbe.

Das Königl. Museum zu Berlin verwahrt ein Thonsiegel mit dem Namen des Königs Amenophis IV. (um 1350 v. Ch.) in ägyptischer Hieroglyphenschrift. Im britischen Museum befanden sich u. a. das Siegel Amasis' II. (570—526).

Unter den Thonsiegeln, welche Sir Layard in Kujundschik entdeckt hat, befinden sich mehrere ägyptische. Das wichtigste derselben ist das des Königs Sabaco von

der 25. Dynastie der Äthiopier, welches zugleich mit einem assyrischen auf einem Thonklumpen abgedrückt ist. Ich lasse die von Sir Layard gegebene Abbildung (Fig. 7.) hier folgen.

Ein Beamter des britischen Museums (Birch) spricht sich in folgender Weise über das Siegel aus:

«Der König Sabaco ist in einer Stellung abgebildet, die man auf den historischen Monumenten Ägyptens sehr häufig sieht, mit der roten Mütze Teschr auf dem Kopfe. Er beugt sich vorwärts, greift mit der linken Hand. das Haupthaar eines Feindes, dem er eben mit einer Art Keule oder Beil, welches er in der Rechten hält, den Todesstreich zu versetzen im Begriffe steht und hat seinen Bogen an der Seite hängen. Über ihm und vor ihm sind Hieroglyphen, welche die Worte

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«NETR NFR NB AR CHT SHABAKA>>

das ist: Der vollkommene Gott, der Herr, welcher Dinge erzeugt, Shabaka (oder Sabaco). Hinter ihm ist ein Ausdruck, der in ägyptischen Texten überall vorkommt:

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«SHA (S)ANCH-HAF >>

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das ist: «Leben folgt seinem Haupte.» Obgleich keine Gott-
heit zu sehen ist, so zeigen doch die Hieroglyphen links am
Rande, dafs der König diese Handlung vor einem
na nak, ich habe Dir gegeben» vollzog, auf den viel-
leicht ein Ausdruck wie ein vollkommenes Leben» <alle
Feinde oder Länder unter Deine Füfse» folgte. Es ist un-
möglich zu bestimmen, welcher Gott des Pantheon hier, stand,
wahrscheinlich Amon-Ra, oder der thebanische Jupiter».

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«Das Hauptinteresse, welches sich an die Siegel von Kujundschik knüpft, ist, dafs sie uns genau die Zeit dieses Königs angeben, da sie ohne Zweifel zu einem Vertrage mit Assyrien oder einem Nachbarvolke gehörten. Hinsichtlich des Namens Sabaco kann kein Zweifel obwalten».

«Es ist in der That höchst wahrscheinlich, dafs dieser der im 2. Buch der Könige genannten Sua oder So ist und dafs sein Siegel an eine Vertragsurkunde zwischen Assyrien und Ägypten befestigt war».

Auch in der Rechtspflege und dem Götterdienste Ägyptens ist der Gebrauch des Siegels nachgewiesen. Diodor von Sicilien *) giebt einen Auszug aus den Strafgesetzen Ägyptens, welche u. a. bestimmten, dass den Falschmünzern und solchen, die unrichtige Mafse und Gewichte verfertigten, oder Siegel verfälschten, auch Schreibern, welche in die öffentlichen Bücher etwas Falsches eintrugen, oder von dem Eingetragenen etwas löschten, sowie denen, welche Urkunden unterschoben, beide Hände abzuhauen seien.

Claudius Aelianus (um 222 n. Ch.) erzählt: Die Richter der Ägypter waren in der ältesten Zeit die Priester. Sie standen unter dem Ältesten, der ihr Oberpriester war, und sie alle richtete. Dieser musste ein Freund der Gerechtigkeit und ein strenger Mann sein. Er pflegte um seinen Hals ein Bildnifs von Sapphir zu tragen, welches die Wahrheit genannt wurde. Doch halte ich dafür, dass ein Richter die Wahrheit icht von Stein verfertigt oder abgebildet bei sich tragen, sondern selbst im Herzen haben müsse». Auch Diodor erwähnt das Bild aus kostbaren Steinen, das man die Wahrheit nannte, und von dem Oberrichter an einer goldenen Halskette getragen wurde. Die Verhandlung begann, sobald der Oberrichter das Bild der Wahrheit angehängt hatte. <Hatten beide Parteien ihre Eingaben zum zweitenmale den Richtern zugestellt, so mufsten endlich die dreifsig (Richter) unter sich ihre Erklärung geben und der Oberrichter legte das Bild der Wahrheit auf die eine der beiden Streitschriften»>, die Streitschrift des Obsiegers

*) Erstes Buch, 78. Kapitel.

wurde mit dem Siegel des Gerichts versehen, denn um ein solches handelt es sich augenscheinlich.

Eine merkwürdige Ähnlichkeit mit diesem Bilde der Wahrheit hat das im 2. Buch Mose Kap. 28 vorgeschriebene Schildlein des Rechts, des Hohepriesters, der die Devise urim ve thummim, Licht und Wahrheit tragen musste. Sodann soll ein Blech von feinem Golde gemacht und darauf in Siegelstecherei (phitthuche chotham) gegraben werden:

QODESCH LE JAHVEH

(Heiligtum dem Jehovah). Dieses Blech musste der Hohepriester am Kopfbund tragen*). Auf den Schulterstücken des Oberkleides endlich trug er zwei Onychsteine in Gold gefafst, auf welche mit Steinschneider-Arbeit, mit Siegelstecherei die Namen der zwölf Stämme gegraben waren.

Den Namen des Graveurs, welcher im darauffolgenden 31. Kapitel gegeben wird, Bezaleel, der Sohn Uri, des Sohnes Hur vom Stamme Juda können wir freilich als einen historischen nicht anerkennen.

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Über den Gebrauch des Siegels bei den Opferungen berichten endlich noch Herodot und Plutarch. In der Beschreibung Ägyptens sagt der erstere: «Ist der Ochse nach allen diesen Stücken rein, so zeigt er (der Priester) dasselbe mit einem Papier an, welches er um die Hörner wickelt. Hiernach streicht er Siegelerde daran und drückt das Siegel darauf: und alsdann führt man ihn weg. Wer einen unge

zeichneten opfert, der wird mit dem Tode bestraft.

Plutarch beschreibt auch das Bild des hierbei gebrauchten Siegels und bemerkte, dafs die zu diesem Dienst bestimmten Priester Siegler» genannt wurden.

3. Kapitel.

Verpflanzung nach Europa. Der Siegelring.

Eine dem Schriftwesen des alten Griechenland eigentümliche Einrichtung ist die Wachstafel. Wir finden * Hierauf mag das Siegel Gottes zu beziehen sein, das wir in der Offenbarung Johannis und anderwärts erwähnt finden. In den Ruinen yon

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