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Die Völker Vorderasiens. (2500-450 v. Chr.)

iegel, das heifst: Abdrücke vertieft geschnittener Formen, welche zur Bekräftigung von Schriftstücken oder zur Obsignation von Eigentum verwendet wurden, finden wir seit der grauesten Vorzeit in Anwendung.

Als das Ursprungsland der Siegel dürfen wir Vorderasien, die alten Kultursitze im Gebiete des Euphrat bezeichnen.

Schon im dritten Jahrtausend vor Christi Geburt bestand dort ein ausgebildetes Schriftwesen. Man verwendete bekanntlich feuerfestes Schreibmaterial: Thontafeln. Durch die höchst erfolgreichen Ausgrabungen auf dem Boden Vorderasiens, welche in den letzten 55 Jahren von verschiedenen Nationen ausgeführt wurden, sind wir in den Besitz eines reichen Urkundenmaterials gelangt, welches uns die wichtigsten Aufklärungen über die Staats- und Rechtsgeschichte jenes Landes gebracht hat, nachdem erst die Entzifferung) der Keilschrift gelungen war.

Von grofser Bedeutung sind jene Funde für die Geschichte des Siegelwesens. Es haben sich nicht nur besiegelte Thonurkunden, sondern auch in noch grösserer Menge Siegelformen gefunden.

In Bezug auf die äufsere Gliederung der rein asiatischen Siegelformen lassen sich zwei Zeiträume unterscheiden.

*) Erfreulicher Weise war es ein Deutscher, G. F. Grotefend, welcher die ersten bahnbrechenden Schritte auf diesem Gebiete gethan hat.

I. Bis ca. 1000 v. Chr.

Es ist die Cylinderform vorherrschend; die Siegelsteine haben die Gestalt kleiner Walzen, das Material ist Porphyr, Basalt, Lapis lazuli, Magneteisenstein.

Sie sind mit einer Achsenöffnung versehen, an welcher sie mittels einer Schnur oder Kette am Halse getragen werden konnten.

Um zu siegeln, steckte man einen geeigneten Gegenstand (z. B. Draht) durch die Achse und brachte einen Abdruck des kreisförmig geschnittenen Bildes durch Aufwalzen hervor. ་

Die Cylinder gaben viereckige Abdrücke in beliebig langen Streifen.

II. Bis ca. 450 v. Chr.

Neben den Cylindern erscheinen die kegel- und halbkugelförmigen Siegelsteine, welche aus edleren Stoffen (Achat, Chalcedon) hergestellt wurden. Es tritt darum auch die Absicht merkbar hervor, die Zufallsform des Steines möglichst auszunützen und Substanzverluste zu vermeiden. Sie sind durchbohrt zum Durchziehen der Halsschnur. Es kommen auch Exemplare mit goldenen Gefäfsen vor, die ohne Zweifel an goldenen Ketten getragen wurden.

Das Siegelbild ist auf den convex geschliffenen Abschnitt graviert; diese Siegelsteine geben kreisförmige Abdrücke.

Diese älteren, asiatischen Formen der Siegelsteine waren noch zu Plinius Zeiten, also im ersten Jahrhundert n. Chr. bekannt. Dieser Schriftsteller sagt von den Indern, dafs sie an den Beryllen besonders die Länge schätzen und sie nicht in Gold fassen, sondern durchbohren und an Elephantenborsten binden. Sie machen lieber Cylinder (cylindros) als Gemmen aus ihnen.

Auch Sardonyx würde bei den Indern, namentlich von den untern Klassen, durchbohrt und am Halse getragen. <Utitur perforatis utique vulgus, tantum in collo», das sei jetzt das Kennzeichen des indischen Sardonyx.

Endlich erzählt Plinius noch, der Chrysoprasius, welcher in so grossen Stücken vorkommt, dass man sogar

Trinkgefässe daraus machen könne, werde sehr häufig zu Cylindern verwendet,

Einer der ältesten Siegelcylinder dürfte der nachfolgende (Fig. 1) sein. Der Cylinder *) misst der Länge nach 24 und im Umkreise 45 Millimeter. Die Inschrift lautet: <Gamile Sin, der mächtige König, der König von Ur, der König der vier Weltgegenden. N. N. Der Schreiber, der Sohn des Basaga, Dein Diener». Der Priester führt einen Betenden vor den auf einem Throne sitzenden Gott, welcher ein Gefäss hält.

Der nachfolgende Cylinder (Fig. 2), (Original im Königl. Museum zu Berlin) zeigt eine Fülle von Einzelheiten: «Gott in einem Strahlenglanze, auf einem Steinpostament, vor ihm ein Betender; Gott mit Skorpionenleib und Vogelbeinen, die geflügelte Sonne tragend. Die Keilinschrift ist unbekannt.

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Die geflügelte Sonne ist das der ägyptischen Kunst entnommene Symbol des Gottes Horus, hier zum Symbol des assyrischen Nationalgottes Assur geworden.**)

Bei den Hebräern heifst der Siegelstein chotham. Es ist darüber, wie ich ausdrücklich bemerken will, kein anderer Stein, als der cylinder-, kegel- oder halbkugelförmige zu verstehen.

Im britischen Museum befindet sich ein Cylinder, der in der ersten Zeile der Inschrift als chotham bezeichnet ist. Ich gebe hier eine Abbildung (Fig. 3), nach Layard. *) Original im königl. Museum zu Berlin.

**) Amtliches Verzeichnis d. vorderasiatischen Altertümer (Berlin 1889 S. 73.)

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Wir wissen schon aus Herodot, dass in Babylonien der Gebrauch der Siegel allgemein eingeführt war. Er erzählt: <Ein jeder hat einen Siegelstein und einen ausgearbeiteten Stock. Auf jedem Stock ist ein Apfel oder eine Rose oder eine Lilie oder ein Adler oder sonst dergleichen etwas. Denn ohne ein gewisses Zeichen dürfen sie keinen Stock führen. Das ist der Schmuck ihres Leibes».

Das Siegel war allerdings Schmuck des Leibes, aber es war auch das wertgehaltene, sorgfältig gehütete Attribut der persönlichen Freiheit, Selbständigkeit und Verfügungsfähigkeit, es war der Schlüssel zu allem, was man besafs.

Im Propheten Haggai heifst es: «Ich will Dich halten. kachotham, wie das chotham, denn ich habe Dich erwählet».

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Fig. 2. Assyrischer Cylinder.

Nach 1. Mose 38 hatte Juda seinen Siegelstein bei sich, zur Schafschur ging. Thamar fordert von ihm, als Pfand für die Einlösung eines Versprechens: «Dein Siegel (chotham) und Deine (besser: samt der) Schnur und Deinen Stab, den Du in der Hand hast».

Also auch hier ein Parallelismus zwischen Siegel und Stock.

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Der älteste Schreibstoff ist wie bereits erwähnt Thon. Die Siegel wurden entweder in die Thontafel selbst abgedrückt oder als isolierte Thonabdrücke hergestellt und mittels eines Halmes an der Urkunde befestigt. Derartige Abdrücke besitzt das Königliche Museum in Berlin. Sie sind

in die Form von Pyramiden oder Herzen geprefst; die letzteren Abdrücke von Siegel-Cylindern. Die ersteren tragen auf allen drei Seiten Inschriften in Keilschrift.

Die Thon-Urkunden des bürgerlichen Handels und Wandels wurden gewöhnlich in 2 Exemplaren ausgestellt. In älterer Zeit war es Sitte, das eine in das andere zu legen, so dafs die eine Ausfertigung das Futteral der anderen bildete. Die Siegel wurdann nur der äufseren Tafel aufgedrückt. Später blieben die beiden Niederschriften gesondert. Doppelurkunden beider Formen besitzt das Königliche Museum in Berlin. *)

In schätzbarer Weise wird dadurch eine vielerörterte Stelle des Propheten Jeremias erläutert. Der Prophet erzählt, wie er von seinem Vetter Hanamael einen Acker ge. kauft habe: «Und ich schriebs in einen Brief und versiegelte ihn und nahm Zeugen dazu und weg das Geld dann auf

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der Wage. Und ich nahm den Kaufbrief den versiegelten (sepher chathum) und den offenen (galuj, den nicht versiegelten)». Jeremias, der damals im Gefängnisse lag, gebot alsdann seinem Agenten Baruch: «Nimm diese Briefe und lege sie in ein irdenes Gefäfs, damit sie dauern lange Zeit». Es geschah dies im 10. Jahre des Königs Zedekia, also 588 v. Chr.

Der heilige Hieronymus, welcher allerdings fast 1000 Jahre nach Jeremias lebte, deutet die Stelle dahin, dafs das Original der Urkunde durch das Siegel verschlossen wurde (etwa mit Hilfe eines Beutels), so dass sie nicht gelesen werden konnte. Diesem Zwecke diente die offene Abschrift. Er fügt hinzu, dafs diese Art des Kaufens noch zu seiner Zeit üblich sei.

*) Vergleiche das Verzeichnis der vorderas. Altertümer. S. 54.

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