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das gewaltsam in die Joseph-Novelle eingeschaltet ist, als das Bruchstück einer alten und ungeschmückten Erzählung, die aus dem angedeuteten Grunde beseitigt sein mag. Wenn man von diesem Kapitel absieht, so erscheint die Joseph-Novelle durchaus als Werk der letzten Perserzeit. Darnach kann es uns nicht befremden, wenn im 41. Kapitel berichtet wird, wie Pharao den Siegelring (tabbaath) von seiner Hand gezogen und ihn an die Hand Josephs gethan habe.

Genau ebenso wird in dem Buche Esther erzählt: «Da zog der König seinen Ring von seiner Hand und gab ihn Haman, dem Sohne Methathas.» Nach dem Falle Haman's erhielt den Ring der Jude Mardochai, dem der König gebot: «Schreibet ihr nun selbst wegen der Juden, was euch gut dünket, im Namen des Königs und untersiegelt es mit dem Siegel des Königs. Denn eine Schrift, welche im Namen des Königs geschrieben und mit dem Siegel des Königs untersiegelt wurde, kann nicht wiederrufen werden».

Noch in späterer Zeit unterscheidet die jüdische GesetzesInterpretation genau zwischen Ring und chotham. Das talmudistische Buch «Sebbole Lechoth» verordnet, dafs die Frauen am Sabbath das Haus nicht verlassen dürfen mit einem Ringe, in welchen ein Siegelstein (chotham) gefafst ist, wohl aber mit einem Ringe chne chotham.

Alexander der Grosse hat also den Siegelring in Asien. bereits eingebürgert gefunden. Er gebrauchte nach der Überwindung des Darius dessen Siegelring für die asiatischen Angelegenheiten, während er die europäische Korrespondenz mit seinem alten Ringe (veteris anuli gemma) besiegelte.

Die in der vorderasiatischen Sammlung des Königlichen Museums zu Berlin befindlichen Gemmen, welche in einen Ring gefafst sind, oder augenscheinlich gefafst gewesen sind, gehören der Zeit der Arsaciden und der Sassaniden, also den letzten 250 Jahren vor Christi Geburt an.

Dafs zur Zeit der Perserherrschaft auch die griechischen Wachstafeln in Vorderasien bekannt wurden, leidet keinen Zweifel. Herodot berichtet: «Als Xerxes den Entschlufs gefasst hatte, Griechenland zu bekriegen zu bekriegen und Demaratus ein geborener Lacedämonier) welcher zu Susa lebte, dieses

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erfahren hatte, wollte er den Lacedämoniern Nachricht davon erteilen. Er nahm eine Schreibtafel, kratzte das Wachs davon ab und schrieb in das Holz des Täfelchens die Meinung des Königs. Hernach gofs er Wachs auf die Schrift, dafs die, welche die Wege bewachten, nichts auf der Tafel fanden. Als der Bote nach Lacedämon kam, wufsten die Lacedämonier nicht, was sie daraus machen sollten, bis, wie berichtet wird, Gorgo, die Tochter des Kleomenes und Gemahlin des Leonidas die Sache erriet und ihnen befahl das Wachs abzukratzen

4. Kapitel.

Einbürgerung des Siegelrings in Italien.

In Italien gelangte naturgemäfs der Ring zuerst nach den Orten, welche an der östlichen, Griechenland zugewendeten Küste gelegen waren und mit dem Osten einen lebhaften Handelsverkehr unterhielten. So mufs der Gebrauch als eine noch sehr junge Mode nach Locri im heutigen Calabrien gelangt sein. Die dortigen, dem Zaleukos, einem Schüler des Pythagoras zugeschriebene, ohne Frage aber viel jüngere Gesetzgebung, welche darauf beruhte, dem Luxus durch Verbotsgesetze mit schimpflichen Ausnahmen zu steuern, enthielt u. a. die Bestimmung, dafs kein Mann, der nicht ein Buhler oder Ehebrecher sei, einen vergoldeten Ring oder ein Gewand nach Art der Milesier tragen dürfe. Darnach scheinen also die Moden der grofsen Handelsstadt Miletus in Jonien für die junge Alte Welt tonangebend gewesen zu sein.

Nach anderen Orten Italiens, die unter dem Einflusse Karthagos standen, dürfte schon früher der phönicische Siegelring gelangt sein, der aber alsbald von der Mode des Ringsteines verdrängt wurde. Im Laufe des vierten Jahrhunderts dürfte sich dieser über ganz Italien verbreitet haben.

Durchaus glaublich ist die Bemerkung des Plinius, dafs man in Rom zuerst den Gesandten, die an auswärtige Völker geschickt wurden, auf öffentliche Kosten goldene Ringe gegeben habe, weil ihre Sendboten die Bemerkung gemacht

hatten, dafs sie zur Behauptung ihres Ansehens eines derartigen Schmuckes bedürften. Diejenigen, welche bei Gesandtschaften goldene Ringe empfangen hatten, bedienten sich derselben nur bei öffentlichen Geschäften und trugen im Hause nach allgemeinem Gebrauch eiserne Ringe.

Als Cnejus Flavius, der Sohn eines Freigelassenen im J. 304 v. Chr. oder kurz vorher mit Übergehung von Senatorensohnen zum Aedilis Curulis gewählt worden war, legten die Mitglieder des Senats die Ringe ab. Plinius erblickt in diesem Vorgang die erste Spur vom Gebrauche der Ringe. Übrigens war das Ablegen der goldenen Ringe in Rom eine öfter vorkommende Demonstration. So erzählt Livius, dafs infolge eines Volksurteils über die Censoren Ti. Gracchus und C. Claudius die vornehmsten Männer im Angesichte des Volkes ihre goldenen Ringe ablegten und Trauerkleider anzogen.

Nach dem Siege von Cannae (216 v. Chr.) liefs Hannib al die goldenen Ringe der gefallenen römischen Ritter sammeln. und nach Carthago bringen. Die Ringe sollen nach einer übertreibenden Nachricht 31/2 Scheffel (modius), nach Andern einen Scheffel gefüllt haben.

Auch in den Lustspielen des Plautus, die in dieselbe Zeit fallen, erscheint uns das Siegelwesen als eine alteingebürgerte Einrichtung; denn wenn auch Plautus sich meist damit begnügt hat, seine griechischen Vorbilder sogar ohne Änderung der Lokalfarbe zu übersetzen, so ergiebt sich doch aus der stets sinngemäfsen Wiedergabe der einschlägigen Stellen die durchgehende Übereinstimmung der Institution.

In Rom waren noch lange eiserne Ringe in Gebrauch. Plinius sagt, noch «zu unserer Grofsväter Gedenken» wären viele, die schon die Prätur bekleidet hatten, mit eisernen Ringen alt geworden. Als Caesar Augustus die Decurien ordnete, soll noch der grösste Teil der Richter eiserne Ringe getragen haben.

Erst unter Kaiser Tiberius (im J. 22 n. Ch.) wurde der Gebrauch des goldenen Ringes ein Vorrecht des Ritterstandes und zwar aus einer herzlich unbedeutenden Veranlassung (futili paene de causa). Ein junger Streber, der sich dem

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Kaiser bemerklich machen wollte, C. Sulpicius Galba, führte im Senat Beschwerde, dafs jeder Krämer seine Verteidig. ungsschriften bei Gericht unter seinem Siegel ausgefertigt einreiche. Es wurde daher verordnet, dafs niemand das Recht habe, Ringe zu tragen, der nicht von Vater und väterlichem Grossvater her freigeboren sei, ein Vermögen von 400,000 Sestertien besitze (das ist der allgemein gültige census equester) und nach dem julischen Gesetze das Recht habe, im Theater in den 14 ersten Reihen zu sitzen.

Das Recht goldene Ringe zu tragen, wurde den Volkstribunen eingeräumt, obwohl man ihnen den Zutritt zur Curie verweigerte und ihre Stühle vor die Thüre setzte, wenn sie Senatskonsulte zu prüfen hatten.

Den Freigelassenen konnte der Kaiser das Recht der goldenen Ringe verleihen. Doch gewährte diese Verleihung nach Entscheidung der Kaiser Diocletian und Maximian vom J. 294 nur den aufseren Anschein nicht den Stand der ingenuitas.

Menas, der Vertrauensmann des Kaisers Augustus, ein Freigelassener; wurde von dem Kaiser mit goldenen Ringen beschenkt.

Antonius Musa, ein Freigelassener und Arzt, erhielt vom Senate im J. 23 v. Chr. die Erlaubnifs goldene Ringe zu tragen, weil er den verloren gegebenen K. Augustus glücklich geheilt hatte.

Das lateinische Wort anulus, Fingerring, Diminutiv von anus, After, ist ein seltsames Ursprungszeugnifs für den Gegenstand, der dadurch bezeichnet wird. Das griechische Wort daktylios bedeutet nämlich im eigentlichen Sinne Fingerring, es hat aber auch die übertragene Bedeutung von anus. *) Das Kunstwort anulus ist demnach durch einen sprachlichen Chiasmus entstanden.

Die Anführung des Plinius, dass sowohl Griechen als Römer den Fingerring Symbolum genannt hätten, beruht auf einem Irrtum. Das Symbolum war ein verabredetes

* Unter den Anekdoten vom Philosophen Demonax, die Lucian erzählt, kommt die folgende vor: Als Demonax einmal einen goldenen Siegelring auf der Strafse gefunden und durch öffentlichen Anschlag auf dem Markte bekannt gemacht hatte, wer denselben verloren, sollte sich bei ihm durch Angabe der Schwere und Beschreibung des Siegelbildes als den Be

Zeichen, und als solches hat sicher in vielen Fällen der Ring oder ein Abdruck des Ringsiegels gedient.

Das Symbolum war im Handel und Wandel sehr gebräuchlich. Wenn A. in X. dem B. in Z. eine Summe Geldes in Verwahrung gab, oder wenn A. eine von B. gekaufte Sache einstweilen noch in Verwahrung des B. liefs, so wurde ein Symbolum verabredet, dessen Vorzeiger von B. die deponierte Sache ausgehändigt werden musste.

Das Symbolum kommt bei Plautus ziemlich häufig vor: In den Bacchides nimmt der Bote des A. (um bei der gegebenen Formel zu bleiben) einen Zeugen mit sich, als er dem B. das Symbolum vorzeigen wollte. B. erklärt das Vorgezeigte für gefälscht und bestreitet den Charakter als Symbolum. In dem nämlichen Stücke ist ein Siegelring "signum cum Theotimo, qui eum illi afferet ei aurum ut reddat», das mit Theotimus verabredete Zeichen wegen Aushändigung einer deponierten Summe.

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Im Pseudolus ist das Symbolum ein Wachsabdruck des Siegelringes: expressam in cera ex anulo suo imaginem.

Der Siegelabdruck heifst stets signu m (nicht sigillum), das ist Bild. Eine wertvolle Erläuterung des Kunstwortes giebt uns Plautus: «nonne arbitraris eum adolescentem anuli paterni signum novisse?» Gemeint ist also: Bild des Siegelringes. Davon ist abgeleitet obsignare, versiegeln, resignare entsiegeln, öffnen.

Bei Plautus hat consignare stets die Bedeutung von schreiben,*) obsignare von siegeln. Der Dichter liebt es förmlich, das ganze Schreibgeräte zusammenzustellen z. B. in den Bacchides: «effer cito stilum, ceram et tabellas et

sitzer ausweisen und ihn in Empfang nehmen, meldete sich ein schöner, noch sehr junger Bursche, der den Ring verloren haben wollte, aber nichts haltbares zum Beweise vorzubringen wusste. «Geh, mein Sohn», sagte Demonax, und gieb auf Deinen eigenen Ring acht, diesen da hast Du nicht verloren.» Um den cynischen Witz zu verstehen, mufs man sich des berüchtigten mos graecus erinnern. Der convexe Schliff der Gemmen mag wohl die Griechen an den Teil erinnert haben, den ein neuerer englischer Schriftsteller den gewölbtesten des Körpers nennt.

Die Stelle im miles gloriosus: cepi tabellas, consignavi clanaculum, habe ich in einer Volksausgabe übersetzt gefunden: «verschaff ich mir Schreibtafeln und versiegle sie». Das ist falsch; es mufs heissen: und beschrieb sie heimlich.

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