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Nach Rom ist das Institut der Staatssiegel nicht übergegangen. Dort siegelt der Beamte in den Geschäften der ihm übertragenen Verwaltung mit seinem eigenen Siegelringe. Das Siegel repräsentiert dort stets die Person des Inhabers. Cicero ermahnt seinen Bruder Quintus mit den vortrefflichen Worten:

<< Sit annulus tuus non ut vas aliquod sed tamquam ipse tu, non minister alienae voluntatis, set testis tuae. >> - Dein Siegelring sei Dir nicht irgend ein gleichgültiges Werkzeug, sondern gleichsam Dein anderes Ich, nicht der Diener eines fremden, sondern Deines eigenen Willens Zeuge, zur Selbständigkeit in der ihm übertragenen Verwaltung.

Die bevollmächtigten Vertreter eines Fürsten siegeln mit dem Ringe desselben. Maecen und Agrippa, die Bevollmächtigten des abwesenden Octavian hatten ein Duplikat des Ringes mit dem Bilde der Sphynx, mit welchem Octavian zuerst siegelte.

Für den in Ägypten abwesenden neuerwählten Kaiser Vespasian besorgten Mucian und Domitian die Staatsgeschäfte. Vespasian hatte dem Mucian die Vollmacht gegeben, nach eigenem Ermessen ohne vorherige Anfrage zu verfügen und unter Vespasians Namen schriftliche Verordnungen zu erlassen. Er hatte daher auch den Ring Vespasians erhalten, um mit demselben die Edikte zu besiegeln.

Der Sterbende übergiebt seinen Ring dem Vollstrecker seines Willens. Alexander der Grosse vertraute, als er seinen Tod (11. Juni 323) herannahen fühlte, den Siegelring, den er am Finger trug, dem Perdikkas an. Am Tage darauf fand eine Versammlung der Freunde Alexanders und der Anführer des Heeres statt, in welcher Perdikkas den Ring bei den anderen Insignien der Herrschermacht des Verstorbenen niederlegte.

Einen ähnlichen Vorgang erzählt das 1. Buch der Makkabäer (6,14) Als Antiochus Epiphanes zum Sterben kam, (163 v. Chr.) rief er Philippus, einen seiner Freunde, und setzte ihn über sein ganzes Königreich; und er gab ihm seine Krone und sein Gewand und den Siegelring um sie seinem Sohne Antiochus (Eupator) zu bringen, und ihn zur Regierung zu erziehen.

Im Lustspiel Curculio heifst es: (Jenen Ring)
<pater meus habuit Periphanes;

is priusquam moritur, mihi dedit tamquam suo,

ut aequum fuerat, filio.

Et iste me haeredem fecit » .

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Als Kaiser Augustus im J. 23 v. Chr. schwer erkrankt und von den Ärzten aufgegeben war, traf er, wie Dio Cassius berichtet in gewisser Erwartung seines Todes. die nötigen Einrichtungen, liefs die Staatsbeamten und vornehmsten Senatoren und Ritter versammeln, und ernannte zwar keinen zu seinem Nachfolger, obgleich alle nicht anders erwarteten, als dafs Marcell der glückliche Mann sein würde. Aber nach allerhand Erklärungen über Staatsangelegenheiten übergab er dem Piso eine Tabelle, in die er den ganzen Kriegsstaat und die Einkünfte des Reichs verzeichnet hatte, und dem Agrippa den Siegelring.

Es wies sich indessen zuweilen bei Eröffnung der Testamente aus, dafs der Empfänger der Ringe nicht der Erbe war. Es galt dies den Römern als eine für das Sterbelager ungeziemende Handlungsweise. Valerius Maximus verzeichnet mehrere solche Fälle mit den Äufserungen der gröfsten Entrüstung.

Q. Caecilius war durch Eifer und Freigebigkeit des L. Lucullus zu Ehrenstellen und Vermögen gelangt; er bezeichnete diesen stets als seinen einzigen Erben und gab ihm sterbend seine Ringe. In seinem Testamente aber hatte er den Pomponius Atticus adoptirt und zum Universalerben gemacht. Das römische Volk übte noch an dem Cadaver des tückischen Menschen Lynchjustiz, indem es ihn an einem Seil durch die Strafsen schleifte. So hatte dieser nefarius homo den Sohn und Erben, den er wollte und das Leichenbegängnis, das er verdiente.

T. Bartullus gab sterbend dem Lentulus Spinther seine Ringe, als sollte er sein einziger Erbe sein, da er ihn doch in seinem Testamente nicht im geringsten bedachte.

M. Popillius, ein Senator, der den Oppius Gallus von Jugend an zum vertrautesten Freunde gehabt hatte, sah sich, da er zum Sterben kam, mit einem wohlwollend lächelnden Blick nach ihm um und sagte ihm die freundschaftlichsten Worte. Auch

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küfste und umarmte er ihn allein unter vielen Umstehenden und gab ihm überdies seine Ringe, um ihn völlig der Erbschaft zu versichern, die er doch nie antreten sollte. Der so von seinem sterbenden Freunde schmählich verspottete Mann verwahrte die Ringe in einem Kästchen, gab sie aber, da er im Testamente übergangen war, den Erben zurück. «Kann man wohl sich etwas schändlicheres und ungeziemenderes denken als eine solche Art zu scherzen ?»

Wie Valerius Maximus erzählt, hatte der seinem Ahnen ungleiche Sohn des älteren Scipio Africanus, obwohl wegen seiner Feigheit in allgemeiner Mifsachtung stehend, mit Hilfe eines ehemaligen Schreibers seines Vaters, seine Wahl zum Prätor durchzusetzen gewufst. Seine Verwandten aber verhinderten ihn, dem Senate beizuwohnen und nahmen ihm einen Fingerring ab, in dessen Gemme das Bild des Africanus geschnitten war. (insuperque e manu eius anulum, in quo caput Africani sculptum erat, detraxerunt). Er wurde. dadurch gleichsam der Erbschaft des Vaters entsetzt.

Der Siegelring wurde häufig als Pfand gebraucht. z. B. bei Glücksspielen und Wetten wegen der verlorenen Summen. So im Plautinischen Lustspiele Curculio:

<talos poscit sibi manum

provocat me in aleam, ut ego ludam: pono pallium.

ille suum anulum apposuit..

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Auch Plinius erwähnt den Gebrauch, bei Wetten (sponsiones) sogleich den Ring herbei zu bringen. Sicherlich der alten Sage gemäfs ist in der Lebensbeschreibung des Aesop die thörichte Wette des Xanthus, bei welcher die Siegelringe zum Pfande gesetzt werden.

Das Ausloosen von Personen, z. B. der Anführer bei Herausforderungen (contra provocationem duces) geschah nach Plinius mit den Siegelringen.

Bei den Dichtern ist der Siegelring ein sehr beliebtes Mittel zur Wiedererkennung ausgesetzter oder verlorener Kinder, oder von Geschwistern, die in der Jugend getrennt wurden.

In dem Lustspiele Curculio von Plautus finden wir folgende Verknüpfung: Curculio, ein Parasit des Phaedromus,

entwendet einem Soldaten dessen Siegelring, sobald Planesium, die Geliebte des Phaedromus den Ring erblickt, will sie ihn dem Curculio entreifsen. Sie erklärt dann, dass es der Ring ihres Vaters, ein Geschenk ihrer Mutter sei. Der Soldat kommt zu dem Auftritte und erzählt auf Befragen, sein Vater Periphanes habe den Ring geführt und denselben vor seinem Tode wie billig ihm als seinem Sohne und Erben übergeben. Planesium begrüfst nun den Soldaten als Bruder und zeigt ihm ihren Ring, den sie seit ihrer Gefangenschaft beständig bei sich getragen hat. Der Soldat erkennt den Ring, er hatte ihn selbst seiner Schwester zum Geburtstage geschenkt.

In einem Lustspiele des Terenz († 159 v. Chr.) dient ein Ring zur Wiedererkennung einer von den Rabeneltern bald nach der Geburt ausgesetzten Tochter. Die Mutter Sostrata sagt:

«Wie wir einfältigen, armen Weiber stets auf heilige Gebräuche halten, so, da ich sie jener wegzusetzen gab, zog ich den Ring vom Finger, und befahl, ihn mit dem Mädchen wegzusetzen, dass, wenn sie verstürbe, sie vom Unsrigen doch etwas hätte!»

7. Kapitel.

Andeutungen über das Urkundenwesen der Alten.

Auch in Rom wurden Staatsverträge, Gesetze und andere wichtige Urkunden in eherne Tafeln eingegraben. Für die Staatskorrespondenz, für den Briefwechsel und die Urkunde des einzelnen war die Wachstafel und seit dem letzten Jahrhundert vor Christi Geburt das ägyptische Papier in Gebrauch.

Das Papyrum, eine in stagnierenden Gewässern des Nil wachsende Pflanze, besteht aus mehreren Bastlagen, deren Güte sich von innen nach aufsen verringert. Die innerste Lage gab das sogenannte hieratische Papier, welches nur zu heiligen Schriften gebraucht wurde. Unter Augustus nannte man die erste Sorte nach dem Kaiser, die zweite nach seiner

Gemahlin Livia, die dritte war das hieratische, die vierte das amphitheatrische. Die letztere Sorte wurde in der Fabrik des Fannius in Rom sehr verfeinert; das veredelte, amphitheatrische wurde daher das Fannianische genannt. Kaiser Claudius liefs eine beliebte Papiersorte aus der zweiten Bastlage als Aufzug und den ersten als Einschlag herstellen.

Das Augustische Papier wurde zu Briefen, andere Sorten zu Büchern und zu Bedürfnissen des Geschäftslebens verwendet. Als unter der Regierung des Tiberius infolge Mifswachses ein grofser Mangel an Papier eintrat, wurden vom Senate eigene Beamte mit der Verteilung des Papiers beauftragt, damit keine Verwirrungen im öffentlichen Leben eintreten möchten.

Durch die Einführung des ägyptischen Papiers wurde die Bedeutung der Wachstafel kaum verringert. Denn das Papier wurde wohl hauptsächlich zu jenen längeren, sorgfältig gefeilten Schreiben verwendet, die eine Form gelehrter Thätigkeit darstellen.

Die Lustspiele des Plautus (zur Zeit des zweiten punischen Krieges) geben uns einen Begriff von der Wichtigkeit der Wachstafel. Der sentenzenreiche Dichter sagt z. B. in den Bacchides :

«Aequum est tabellis consignatis credere».

Als es einem Geschäftsmanne zum Vorwurf gemacht wurde, dafs er gewissen Wachstafeln, die mit einem erschlichenen, jedoch echten Ringe versiegelt waren, Glauben geschenkt habe, antwortete er: «quibus respublica et privata geritur, nonne iis crederem?»

Beiläufig bemerke ich, dass Plautus im Lustspiele Persa eine Schreibtafel als obsignata abies, wörtlich als versiegelte Tanne bezeichnet. Wir ersehen daraus, dass diese Tafeln gewöhnlich aus Tannenholz gefertigt wurden.

Wenn die Wachstafeln nicht sehr sorgfältig geschnürt wurden, so war es möglich, durch Lockerung des Bindfadens ohne Schädigung des Siegels Einblick in das Schreiben zu gewinnen und den Inhalt zu fälschen. Cornelius Nepos und Lucian erzählen solche Fälle. Es wurde daher unter Kaiser Nero (54-68) die nützliche Anordnung

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