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Eine den Einblick verwehrende Form der Versiegelung setzt übrigens auch eine Stelle des Propheten Jesaias (Mitte des 8. Jahrhunderts) voraus, wo die Visionen des Propheten mit einem versiegelten Schriftstücke (sepher chathum) verglichen werden, die niemand lesen könne.

Nachstehende Urkunde (Fig. 4) ist ein Beispiel der älteren Futteral-Doppel-Urkunden. Sie gehört dem dritten Jahrtausend vor Christi Geburt an.

Auf eine solche Anordnung der Siegel spielt der Verfasser des Buches Hiob an, wenn er (41, 7) sagt, die Schilder auf dem Rücken des Krokodils seien sagur chotham zar, aneinandergeschlossen wie enge Siegel. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar.

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Bei weitem jünger ist umstehende (Fig. 5) Urkunde aus Ninive, welche zwei Abdrücke eines kegel- oder halbkugelförmigen Siegelsteines zeigt.

Auf die Thontafeln folgte ein pergamentartiger Stoff und Papyrus. Wie Herodot erzählt, nannten die Hellenen Kleinasiens, die Jonier, das ägyptische Papier Häute*), weil sie ehedem in Ermangelung des Papiers auf Ziegen- und Schafhäute schrieben. Daraus ergiebt sich, dafs man in Asien die Herstellung des Pergamentes verstanden hat. An Urkunden die auf derartige Stoffe geschrieben waren, wurde das Siegel angehängt. Bei den Ausgrabungen in Vorderasien wurden in erheblicher Anzahl isolierte Thonklumpen mit *) Hiernach erscheint es mir fraglich, ob unter den im 2. Briefe an Thimotheus 4, 13 erwähnten Membranen Pergament oder Papyrus zu verstehen ist.

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Siegelabdrücken gefunden. Botta fand solche in Khorsabad, mit der Asche von Schnüren, die ursprünglich in den Abdrücken befestigt waren. Wegen der Ausgrabungen von Kujundschik berichtet. Sir Layard:

«In einem Zimmer oder Durchgange an der SüdwestEcke des Gebäudes wurden eine grofse Menge Stücke von feinem Thon mit Siegelabdrücken gefunden, die ebenso wie heutzutage die Siegelabdrücke in Wachs, an Dokumenten befestigt gewesen waren, welche auf Leder, Papyrus oder Pergament geschrieben waren. Die Schriften sind durch das Feuer verzehrt, welche das Gebäude zerstörte, oder verfault. In dem gestempelten Thone jedoch kann man noch die Löcher sehen, durch welche die Schnüre oder Lederstreifen

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Fig. 5. Urkunde mit zwei Abdrücken eines Siegelsteines.

gezogen waren, mit denen das Siegel befestigt war; bei einigen war sogar noch Asche mit den verbrannten Schnüren übrig, und man konnte die Abdrücke der Finger und des Daumens erkennen.

Diese Siegel sind zum grösften Teil assyrisch, manche derselben haben auch ägyptische, phönizische und andere Zeichen, die sich noch nicht mit Sicherheit bestimmen lassen. Zuweilen ist das Siegel mehr als einmal auf einem Thonstücke abgedrückt. Die assyrischen Devisen sind verschiedener Art, am gewöhnlichsten ein König, der einen Dolch in den Körper eines springenden Löwen stös ft. (Vergl. Fig. 6). Dieses scheint das königliche und in der That das nationale Siegel gewesen zu sein. Oft findet sich im Kreise herum eine kurze Inschrift, die bis jetzt noch nicht hat entziffert werden können, oder eine einfache Randverzierung».

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Für Privaturkunden mufs übrigens die Thonurkunde noch lange in Gebrauch geblieben sein. In dem Lustspiele Poenulus, welches Plautus (Ende des 3. Jahrh. v. Chr.) aus dem Griechischen übersetzt hat und das auf griechischem Boden (zu Calydon in Aetolien) spielt, spricht ein Sklave von den Geheimnissen seines Herrn, eines Wucherers und Kupplers. In dem Hause desselben verkehren Ritter und Fufssoldaten, Freigelassene, Diebe und Flüchtige: Ibi tu videas literatas fictiles epistolas, pice signatas: nomina insunt cubitum longis literis Da könntest Du thönerne Briefe sehen, mit Pech gesiegelt mit ellenlangen *) Namen. Es sind ohne allen Zweifel Schuldurkunden von Asiaten gemeint.

Für die spätere Zeit, etwa das letzte Jahrtausend vor Christi Geburt, wird man überhaupt hinsichtlich des Schreibstoffes zwischen der öffentlichen Urkunde

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Königlichen Be

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Fig. 6. Thonsiegel aus Kujundschik.

fehlen, Staatsverträgen und dergleichen kunden unterscheiden müssen.

und den Privatur

Die königlichen Kanzleien waren schon wegen des Verkehrs mit fremden Völkern Neuerungen leicht zugänglich und sie mufsten sich wohl auch in Bezug auf die Formalitäten bei dem Abschlufs von Staatsverträgen den Gewohnheiten anderer Völker anbequemen.

Königliche oder oberherrliche Befehle werden namentlich dann stets besiegelt worden sein, wenn die Erfüllung derselben mit einiger Gefahr oder Verantwortlichkeit verbunden Dies ist wohl der Sinn. Das griechische Lustspiel liebte es, den Kriegern aus Asien oder Macedonien, die immer als feige, prahlerische und lächerliche Personen erscheinen, lange Namen zu geben. Darum sagt Lyco im Lustspiel Curculio: Mit diesem Namen allein könnte ich totas ceras quatuor, vier ganze Wachstafeln vollschreiben. Der betr. Soldat nennt sich Therapontigonus Platagidorus, und wird auch durch das Bild seines Siegels (ein Schildträger, der einen Elephanten mit dem Säbel zerhaut) als Prahler gekennzeichnet.

war.

In solchen Fällen mussten die ausführenden Beamten überzeugt werden, dass der Befehl wirklich von dem Herrscher selbst ausgegangen sei. Es ist eigentümlich, dass meist nur bei Erzählung derartiger Fälle der Aufdruck des königlichen Siegels von den Autoren ausdrücklich erwähnt wird.

Das 1. Buch der Könige (21, 8) schildert, wie Jsebel ihre Mordbefehle im Namen des Königs Ahab, ihres Gatten, schrieb und mit seinem Chotham versah.

Bagaeus, Sohn des Artontes, hatte von Darius (521-485) den schwierigen Auftrag erhalten, den Statthalter Orötes zu beseitigen. Jener schrieb nun eine Menge von Briefen, welche die verschiedenartigsten Aufträge enthielten und drückte jedem einzelnen das Siegel des Darius auf. In Sardes angekommen, erprobte er die Treue der Trabanten durch Mitteilung der am wenigsten verfänglichen Briefe, und als diese befolgt wurden, schlofs er mit dem Befehle zur Hinrichtung des Orötes. So berichtet Herodot.

Heliodor erzählt: «Bagoas zog nebst seiner Begleitung zur Vollstreckung des erhaltenen Befehles ab, und dieser war von dem Satrapen gesiegelt, damit ihm die in Memphis desto besser glaubten». Dort angekommen sagte er zu dem Verschnittenen Euphrates: «Lies den Brief hier, betrachte aber vorher das Zeichen des Siegels, und überzeuge Dich, dafs Oroondates es ist, der den Befehl Dir zuschickt. >>

Der von den Israeliten unter Nehemia (445 v. Chr.) geschlossene Bund zur Beobachtung des mosaischen Gesetzes wurde von den Fürsten, den Leviten und Priestern mit dem chotham besiegelt. Die Erzählung nennt mehr als 80 Siegler, an ihrer Spitze den königlichen Statthalter Nehemia.

Die Verwendung des Siegels war keineswegs auf Urkunden allein beschränkt. Das Königl. Museum in Berlin besitzt mehrere auf Thontafeln geschriebene Briefe, welche der König Burraburiasch von Babylon an den König Amenophis IV. von Aegypten (um 1350 v. Ch.) gerichtet hat. In einem dieser Briefe heifst es:

<Mein Bruder möge mir viel reines Gold schicken, damit ich es bearbeiten lassen kann... (Wenn mein Bruder wieder Geld schickt) so möge er selbst nachsehen, es ver

siegeln und erst dann abschicken. Da mein Bruder das Gold, welches er mir früher geschickt, nicht selbst nachgesehen und versiegelt hatte, (so war etwas davon abhanden gekommen)».

Das Geld wurde in abgezählten Beträgen in Beutel versiegelt*) und wohl auch in dieser Gestalt ausbezahlt. So heifst es im Buch Tobi Kap. 9,5:

< Und Raphael reiste ab, kehrte bei Gabael ein und übergab ihm die Handschrift. Dieser brachte die versiegelten Beutel und übergab sie ihm›.

Auf diesen Gebrauch beziehen sich viele Stellen des alten Testaments z. B. Deuteronomium 32, 34: «Solches war verborgen in meinem Rat und versiegelt (chatum) in geheimer Verwahrung». Hiob 14, 17: «Du hältst im Beutel versiegelt mein Vergehen».

Das Auflegen des Siegels bedeutet die ausschliefsliche Verfügung über den versiegelten Gegenstand, das Eigentumsrecht an denselben.

Darum sagt das Buch Hiob (9,7) dafs Gott die Sterne unter Siegel lege.

Der Prophet Jeremias weissagte von Jojachin (Chanja), der im J. 598 drei Monate lang König in Juda war: «So wahr ich lebe, spricht der Herr, wenn Chanja, der Sohn Jojakims, der König Juda ein chotham wäre an meiner rechten Hand, so wollte ich Dich doch abreissen».

Luther übersetzt auch hier chotham mit Siegelring, während der Prophet sagen wollte: «Wenn Chanja meine rechte Hand unter Siegel gelegt hätte».

Ganz ähnlich heifst es im Buch Hiob 37,7: «Aller Menschen Hand legt Gott unter Siegel (bejad kol adam jachtom), dafs die Leute lernen, was er thun kann».

Und im Hohelied 8,6: «Setze mich wie ein Siegel (kachotham) auf Dein Herz und wie ein Siegel auf Deinen Arm».

* Auf diesen Gebrauch bezieht sich wohl eine Bemerkung des Philosophen Aeschines (432-356 v. Chr.), der sich von der Sache doch eine falsche Vorstellung machte:

«Die Karthager bedienen sich folgender Münze; in ein kleines Stück Leder ist etwas ungefähr von der Grösse eines Stuters eingenäht; was aber das Eingenähte ist, weifs niemand als die, welche es verfertigen; das versehen sie nun mit einem Siegel und gebrauchen es als Geld».

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